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Forsythe im MMK Wer sich nicht bewegt, erfährt nichts

Aufforderung, den Körper zu nutzen: Der Choreograph William Forsythe, längst nicht mehr in Frankfurt, bespielt das Museum für Moderne Kunst mit „choreographischen Objekten“.

„Solo“: Still aus dem Video mit William Forsythe. Foto: Forsythe

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Wenn man nur zügig genug durch die so genannte zentrale Halle des Frankfurter Museums für Moderne Kunst geht, wird man zur schwebenden Schliere, zur dunklen Wolke, zum Gespenst wie aus einem Flaschenhals. So begrüßt die interaktive Videoinstallation „City of Abstracts“ die Besucher der Ausstellung „The Fact of Matter“: Werke des Choreographen William Forsythe, der schon seit Jahren Ausfallschritte in die bildende Kunst macht, treffen im ganzen Haus auf Werke aus der Sammlung des MMK, eigens ausgesucht von Forsythe und Kurator Mario Kramer.

Es geht, das wird gewiss nicht überraschen, um den Körper in Bewegung, um „Bewegung als Schöpfungsakt“ (Kramer), aber auch ganz schlicht um Räume im Raum, Begrenzungen im Raum und ihre Wirkung, um „das Spüren von Volumen“ (MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer).

William Forsythe, eingeflogen zur Pressekonferenz und Ausstellungseröffnung, führt in der Haltung eines enthusiastischen Entdeckers durchs MMK, etwa zu Teresa Margolles’ „Aire“: Zwei Luftbefeuchter schicken feinste Wasserpartikelchen in die Atmosphäre, mit dem Wasser wurden „ursprünglich“ (so die Museumsinformation) Leichen vor der Obduktion gewaschen. Als Besucher trage man die Partikelchen „mit ins Leben“, sagt Forsythe, es sei „wie ein Pas de deux“, mit Menschen, die nicht mehr hier seien.

Ein weiterer Pas de deux, diesmal zweier Werke: Das doppelt nebeneinander laufende Video „Stellenstellen“ zeigt extreme Verknäuelungen zweier Tänzer, die die Anweisung hatten, sich mit möglichst viel Körperoberfläche zu berühren. In einem Schaukasten liegt dazu Jens Rischs „Seidenstück I“, ein über drei Jahre immer mehr verknoteter grauer Faden, der einen Kilometer lang war und nun die Anmutung einer großen Wollmaus hat. Auch die Oberfläche dieses Fadens berührt sich nun auf intensivstmögliche Weise selbst.

„Wer sich nicht bewegt, wird nichts erfahren“, ist Forsythes Ausstellungsmotto. Das gilt einerseits für jede Ausstellung, bei der man sich mindestens von einem Werk zum nächsten Werk begeben muss, und sei es im Rollstuhl. Das gilt andererseits für diese Ausstellung in gesteigerter Form – es ergeht darin unter anderem die Aufforderung, einen Raum nur mit Hilfe von mehr als 200 von der Decke hängender Ringe zu durchqueren („The Fact of Matter“, 2009), einen Raum zu „begehen“, der durch einen schwebenden Kubus auf weniger als Hüfthöhe begrenzt ist (also eigentlich: ihn zu be-kriechen, be-knien, be-rutschen), eine Stahltüre zu öffnen, die äußerst schwer zu öffnen ist („Aufwand“, 2015).

Wer sich nicht fit genug fühlt, von Ring zu Ring zu hangeln, in Ring nach Ring zu treten, mag die Macht und Masse des Faktischen (hier: der Schwerkraft) zwar nicht am eigenen Körper spüren; aber der Großteil der Bewegung muss doch auch in dieser Ausstellung eines berühmten Choreographen im Kopf stattfinden.

Und sei es, dass sich der Besucher dessen bewusst wird, wie begrenzt die menschlichen Variationsmöglichkeiten sind. Und sei es, dass sich die Besucherin dessen bewusst wird, wie unendlich die menschlichen Variationsmöglichkeiten trotz allem sind.

Denn das ist in der Hauptsache das Verdienst des Choreographen Forsythe, dass er die Regelhaftigkeit des klassischen Balletts entschiedener dekonstruiert hat als andere Tanzschöpfer vor ihm. Und dass er im Anschluss, in logischer Folge, seine tanzenden Spezialisten zu immer neuen Verschiebungen, Verknotungen, Zeichensetzungen, Zuckungen, Ziselierungen, filigranen Körper-Webarbeiten herausgefordert hat. Unsere Gliedmaßen sind erstens der Schwerkraft unterworfen und zweitens angewachsen, aber die Welt der Bewegungen ist theoretisch und auch praktisch unendlich, das haben die Choreographien Forsythes geradezu bewiesen. Wir haben keine Chance, aber wir können sie nützen.

Das knapp siebenminütige Forsythe-Solo „Solo“ (1997) muss in einer solchen, der ersten umfassenden Forsythe-Ausstellung zu sehen sein: Es ist eine intrikat-unermüdliche, quicke Forschung am eigenen Körper. Dazu ein paar „Lectures from Improvisation Technologies“, in denen mittels Computerprogramm offensichtlich gemacht wird, wie jeder bewegte Körper für Linien im Raum sorgt. (Übrigens sind 720 sich nach bestimmten Algorithmen verschiebende Linien für die herrlichen Effekte des Eingangs-Videos verantwortlich.)

Wie der österreichische Künstler Erwin Wurm gibt Forsythe Anweisungen: einen Staubwedel „vollkommen still“ halten (unmöglich!), genau einen Meter Abstand von einer Wand halten (geschätzt, darum auch unmöglich), mit „dem rechten Zeigefinger auf den rechten Daumen“ tippen und „Punkt“ sagen (möglich).

„Wenn Sie den Raum betreten, bewegen Sie sich bitte so, dass keine Luftbewegung entsteht“: Auch das ist unmöglich, wenn man es absolut nimmt. Aber im Grunde gilt es hier nur, sich der Installation „Additive Inverse“ nicht hastig zu nähern. In einem rechteckigen Becken projizieren drei Videobeamer je einen Kreis, über die Lichtkreise fließt (Theater-)Nebel, wodurch sie verschwimmen, verwischen, diffus werden. Es ist ein Werk von großer Stille, ihm wurde der ebenfalls ein Innehalten erfordernde „Twilight Arch“ von James Turrell zugeordnet.

Santiago Sierras „111 Konstruktionen mit 10 Elementen und 10 Arbeitern“ sind im Zusammenhang dieser Ausstellung ein choreographischer Rigipsplatten-Reigen, Anna und Bernhard Blumes „Vasen-Extasen“ ein kurioser Balance-Tanz, Francis Alys Zeichentrickfilm „Time is a Trick of the Mind“ bringt mit der Zeit eine weitere für jede Bewegung nötige Dimension ins Spiel, Andy Warhols „Dance Diagram“ gehört schon qua Titel hierher.

Eine verblüffend zwingende, aber gar nicht hermetische Schau ist in zweijähriger Planung entstanden. William Forsythe ist nicht mehr nur auf dem Sprung aus Frankfurt, er ist längst schon auf anderen Wegen. Aber seine „choreographischen Objekte“ wenigstens tanzen jetzt noch einige Monate hier.

Museum für Moderne Kunst, Frankfurt: verlängert bis zum 13. März.
www.mmk-frankfurt.de

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