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Expressionismus Zum Geburtstag von Emil Nolde

Vor 150 Jahren wurde der eigenwillige Expressionist, glühende Hitler-Verehrer und Antisemit Emil Nolde geboren. Ein Blick auf Leben, Werk und aktuelle Ausstellungen.

Papua Jünglinge
Depotschatz der Berliner Nationalgalerie: Emil Noldes „Papua-Jünglinge“ von 1914. Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders

Die farbleuchtenden „Papua-Jünglinge“, diese Inkarnation des Ursprünglichen, auch Exotischen, hat Emil Nolde 1914 nach einer bloß handtellergroßen Skizze gemalt. Da war er gerade zurück aus der Südsee, von der „Medizinisch-Demographischen Deutsch-Neuguinea-Expedition“ – als inoffizieller und zahlender Gast des Reichskolonialamtes, zusammen mit seiner unerschrockenen dänischen Gattin Ada. Man war beschwerlich gereist, zuerst per Bahn über Sibirien, dann mit Schiff, Bahn und wieder Schiff über Korea, China, Japan.

Seine farbstarken Gemälde, teils gefeiert, teils empört abgelehnt, seien nichts für parfümierte Salons, pflegte Nolde zu sagen. Die „Papua-Jünglinge“ – heute im Besitz der Nationalgalerie in Berlin und wegen der Sanierung leider im Depot – kamen jedenfalls ganz gut an. Der „Barbarismus“, die idolhaften Figuren, Maskengesichter, die wilde Natur waren in Mode. Und Nolde war es auch exzellent gelungen, in spannungsreicher Komposition die mystische Harmonie und das elementare Dasein der jungen „Wilden“ darzustellen. Als öffne sich zwischen den dreien in ihrer signalhaften Farbigkeit ein Fenster, so nimmt man den heranbrausenden Ozean wahr, die tiefgrünen Wellen, die weiße Gischt.

Alles ist Wechsel zwischen Statuarik und Dynamik. „Die Urmenschen leben in ihrer Natur, sind eins mit ihr und ein Teil vom ganzen All“, schwärmte Nolde vor Ort – und empfand sich selber und die modernen Menschen im Norden als „verbildete Gliederpuppen, künstlich und voll Dünkel“. Wieder daheim in Deutschland schrieb er ins Tagebuch eine nachdenkliche Passage: „Das Kolonialisieren ist eine brutale Angelegenheit. Die Engländer wissen dies. Wenn von den farbigen Eingeborenen aus einmal eine Kolonialgeschichte geschrieben wird, dann dürfen wir weißen Europäer uns verschämt in Höhlen verkriechen.“

Am heutigen Montag vor 150 Jahren kam der Maler in Buhrkall (heute dänisch), damals der nördlichste Zipfel Deutschlands, auf die Welt. Der Vater Nordfriese, die Mutter südjütisch. Nolde wurde einer der bedeutendsten Expressionisten und auch politisch eine schillernde Figur. Zuvor war er Holzbildhauer, Restaurator, Zeichenlehrer, Privat-Kunststudent in München und Paris und Kopenhagen gewesen.

Von 1906 bis 1907 war Nolde Mitglied der in Dresden gegründeten Gruppe „Die Brücke“. Das Berliner Theater- und Nachtleben prägte seine Kunst. Ab 1910 feierte er erste Erfolge; es entstanden die religiösen Werke, etwa das berühmte neunteilige „Leben Christi“. Und immer wieder, bis zum Lebensende, malte er farbflackernde Landschaften, intensive Porträts, Blumen-Stillleben. „Ich liebe die Musik der Farben“, so Nolde. „Die Farben sind meine Noten, mit denen ich zu- und gegeneinander Klänge und Akkorde abbilde.“

Ab 1934 war er Mitglied der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswigs. Historiker bezeichnen ihn als glühenden Verehrer Adolf Hitlers und als Antisemiten. Jüdische Kunsthändler lehnte er ab; moderne französische Kunst sollte seiner Ansicht nach nicht auf dem deutschen Markt angeboten werden. Seit 1933 wurde diese kunstpolitische Einstellung geschätzt: Joseph Goebbels und Albert Speer förderten Nolde. Später wurde er dennoch verfolgt. 1937 beschlagnahmten die Nazis mehr als 1000 seiner Werke, zeigten diese, darunter auch „Das Leben Christi“, in der Münchner Feme-Schau „Entartete Kunst“. Verstört und zurückgezogen malte Nolde ab 1938 kleine Aquarelle, die er „Ungemalte Bilder“ nannte und die sich leicht verstecken ließen. 1944 zerstörten Bomben seine Berliner Wohnung.

Nach dem Krieg erhielt Nolde, der 1956 in Seebüll starb, viele Ausstellungen und Auszeichnungen, man lud ihn auf die Documenta ein. Das Intermezzo mit dem nationalsozialistischen System hatten ihm die Deutschen verziehen.

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