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Expressionismus Tollkühn fließt die Farbe

Dresdens Albertinum setzt die Renaissance des Expressionisten Carl Lohse fort – und zeigt: Er gehört in der ersten Reihe der damaligen Wilden.

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So expressiv wie surreal: „Sie“ entstand 1920. Foto: skd/albertinum/vg bildkunst 2018

Irrtum, zu glauben, der in der hiesigen Kunstszene dauerpräsente deutsche Expressionismus sei längst bis in die hintersten Winkel beleuchtet und ausinterpretiert, jener Verlauf der Farben, Formen, Konturen der Avantgarde zwischen Vision und Wirklichkeit seit 1905. Carl Einstein schrieb über den markanten, gegen die bestehende Ordnung revoltierenden Stil, es hab nun eine Epoche begonnen, wo wirklich Unmittelbares als Imagination gelte, Wahres durch Nähe zum Menschen, Vision und Traum „über langweilige Allegorien siegten ...“

In Standard-Katalogen über den Expressionismus aber, egal, ob in west- oder ostdeutschen Verlagen erschienen, blättert man vergebens, um etwas über den Maler Carl Lohse, 1895 geboren in Hamburg, gestorben 1965 in Bischofswerda nahe Bautzen zu lesen. Immerhin gibt es einen Wikipedia-Eintrag. Lohses frappierender erster Schaffensrausch war ausgerechnet in der Oberlausitz passiert, dort, wo auch der heutige Noch-immer-Expressionist Georg Baselitz herkommt. Und Bischofswerda sollte auch nochmals der Ort von Lohses intensivsten Arbeitsphasen werden. Dennoch war dieser furiose Bildermacher – und gelegentliche Plastiker im Stile des Berliner Kubisten William Wauer – bis vor Kurzem nur Eingeweihten ein Begriff.

Carl Lohse wird wiederentdeckt

Unlängst hat das Ernst-Barlach-Haus Hamburg mit der längst fälligen Wiederentdeckung begonnen. Nun setzt das Dresdner Albertinum nach, in dessen Sammlung sich schon lange etliche Hauptwerke Lohses befinden, die aber zu DDR-Zeiten und auch bei der Expressionismus-Aufbereitung mit einer großen Schau der Nationalgalerie (Ost) 1986 so gut wie keine Rolle spielten. Sozusagen wiedervereinend verbindet nun die Elbe diese Hanseatisch-Sächsische Künstlerbiografie. Und die ist voller Brüche, was die Standbilder, die Landschaften und Porträtköpfe Lohses spiegeln, diese eigensinnigen, tollkühnen Farbkombinationen, die radikale Vereinfachung bei einem energetischen Rhythmus der Formen. 

Niemand bei der Hamburger Hochbahn hat anno 1924 gewusst, was dieser Straßenbahnschaffner Lohse, der bis 1929 täglich korrekt und ohne Aufsehens seinen Dienst versah, Jahre zuvor und zwar in atemberaubender Farbmanier betrieben hatte: „Mit seiner Führung und seinen Leistungen waren wir zufrieden“, heißt es im Zeugnis der Hanseatischen Verkehrsbetriebe.

Allerdings war Lohses Talent dem Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, schon um 1909 aufgefallen, denn er schickte den Knaben prompt in die Malschule von Arthur Siebelis und empfahl ihn 1913 der Akademie Weimar. Albin Egger-Lienz und Fritz Mackensen waren da seine Lehrer. Der Erste Weltkrieg aber machte dem ein Ende. Lohse musste an die Front und geriet in englische Gefangenschaft. Entlassen, kam er 1919 nach Bischofswerda in Sachsen. Dort fand ein Kunstfreund Gefallen an seiner Malerei und kaufte Bilder. Bis zum Frühjahr 1921 entstand Motiv auf Motiv, darunter „Kleine Stadt“, 1920, das Gemälde gehört heute den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und ist Teil eines bislang weithin unbekannten, umso bemerkenswerteren Frühwerks. Abstraktion, Reduktion, Farbwahl sind nachgerade genial auf die Spitze getrieben, die Farbkombinationen sind gewagt. 

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