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Eva Raabe „Europa dürfte eigentlich nicht fehlen“

Eva Raabe vom Frankfurter Weltkulturen Museum über ethnologisches Sammeln, den Umgang mit dem kolonialen Erbe – und warum sie einen zyklischen Zeitbegriff hat.

Eva Raabe
„Die deutsche Kolonialvergangenheit war kein Thema“, sagt Eva Raabe. Foto: Christoph Boeckheler

Aber kann man sich am Ende solchen Forderungen als Europäer überhaupt entziehen?
Nein, das kann man nicht. Aber man sollte schon miteinander sprechen, etwas übereinander lernen. Die Strehlow-Sammlung ist natürlich auch längst Teil einer europäischen Gesellschaftsgeschichte. Strehlow versuchte damals nachzuweisen, dass die Aranda eine monotheistische Urreligion hatten, das war damals immens umstritten und ist interessant auch für heutige religionswissenschaftliche Diskussionen. 

Gibt es Objekte im Haus, von denen Sie definitiv wissen, dass sie nicht hier sein dürften?
Mir ist bislang kein eindeutiger Fall bekannt. Wir eröffnen ja am Mittwochabend eine Labor-Ausstellung, „Gesammelt. Gekauft. Geraubt?“, die zum Frankfurter Kooperationsprojekt gehört. Und die beiden Kolleginnen, die das vorbereitet haben, konnten durchaus kritische Objekte finden, bei denen man zumindest sagt: Man hat Bauchweh, wenn man sich den Sammlungskontext ansieht.

Weil?
Es gibt zum Beispiel das Wehrgehänge eines Südafrikaners, der in Grenzkriegen umgekommen ist. Man kann davon ausgehen, dass er das nicht freiwillig hergegeben hat. Es zeigte sich jetzt bei den Recherchen, dass es aus einer Sammlung eines Deutschen stammt, der an den Auseinandersetzungen militärisch beteiligt war, und in seinen Aufzeichnungen auch berichtet, dass er Menschen erschossen habe. Aus diesem Zusammenhang könnte das Stück also kommen, ein schlimmer Kontext. Dann wieder: An wen sollte man es zurückgeben? Jedenfalls sollte man es auf keinen Fall unkritisch ausstellen, sondern den Kontext immer offenlegen. 

Die Rückgabeforderungen sind nur das, was die Öffentlichkeit mitbekommt.
Und dafür muss sich jemand melden, muss auch jemand etwas damit anfangen könne.

Haben Sie Gegenstände, von denen Sie wissen: Die gibt es vor Ort gar nicht mehr?
Schwierige Frage. In „Der rote Faden“ haben wir einen sogenannten Kettbock aus Mikronesien ausgestellt, damit wurde die Kette für bestimmte Webarbeiten vorbereitet. Sie ist sehr kompliziert, sehr aufwendig, man muss sie intensiv lernen. Die Bevölkerung wurde kleiner, die Missionare führten Baumwollstoffe ein, die Werkzeuge verschwanden. Interessanterweise gibt es aktuell Bestrebungen, diese Technik wiederzubeleben, weil man sich für den Mathematikunterricht etwas davon verspricht. In einem solchen Dialog geht es nicht nur um Restitution und eine erbitterte Auseinandersetzung, sondern auch darum, sich auszutauschen, Geschichte zurückzugeben. Aus solchen oder ähnlichen Kontakten könnten manchmal interessante Ausstellungen entstehen, die allerdings langwierig in der Planung und schwierig zu finanzieren sind. Ein Museumsträger wie die Stadt Frankfurt hat andere Sorgen, zum Beispiel den Doppelhaushalt zu verabschieden. Dabei muss sich die Kulturpolitik an einem Haus wie diesem mit solchen Zusammenhängen schon auseinandersetzen.

Tut sie das?
Ich bin der Kulturdezernentin Ina Hartwig sehr dankbar für offene Ohren und großes Verständnis für unsere Arbeit. Natürlich kann sie nicht wiedergutmachen, was dreißig Jahre lang versäumt wurde. Hätten wir vor dreißig Jahren einen Neubau bekommen, wäre auch die Aufarbeitung der Sammlungsgeschichte weiter. Und durch eine Dauerausstellung auch viel präsenter. Die Frankfurter haben ihre ethnografische Sammlung ein bisschen vergessen.

Dauerausstellung, ein leidiges Thema für Sie.
Und nicht zu trennen von der Gebäudesituation. Wir haben hier nicht einmal die Klimatisierung für eine Dauerausstellung. Oft hört man ja das Argument, eine Rückgabe sei unangemessen, weil ohne die europäischen Sammler die Objekte ja gar nicht mehr da wären. Andererseits ist in Frankfurt im Zweiten Weltkrieg ein Drittel der Sammlung zerstört worden, dazu das Dokumentenarchiv. Auch heute müssen wir uns um den Erhalt Gedanken machen. Die empfindliche Sammlung besteht zu 80 Prozent aus Federn, Holz, Bast, Rinde, Naturmaterialien eben.

Müssen Sie Verluste hinnehmen?
Wir haben ein relativ modernes Depot, das in den neunziger Jahren bezogen wurde, in der Borsigallee. Wir sind sehr sorgfältig und reagieren bei Anzeichen von Schäden möglichst sofort, was bei 67 000 Objekten und zwei Restauratorenstellen allerdings nicht einfach ist. Ein Problem ist für uns auch der geplante Riederwaldtunnel. Beim Bau gäbe es fürchterliche Erschütterungen, die übrigens nicht nur uns beträfen, sondern auch zum Beispiel das Institut für Stadtgeschichte. Es war ein merkwürdiges Gefühl, als wir merkten, dass die für den Bau zuständigen Stellen in der Stadt gar nicht wussten, was hier gleich neben dem Tunnelprojekt untergebracht ist. Wir mussten unsererseits laut werden. Jetzt ist das Problem erkannt, aber nicht gelöst.

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