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Eva Raabe „Europa dürfte eigentlich nicht fehlen“

Eva Raabe vom Frankfurter Weltkulturen Museum über ethnologisches Sammeln, den Umgang mit dem kolonialen Erbe – und warum sie einen zyklischen Zeitbegriff hat.

Eva Raabe
„Die deutsche Kolonialvergangenheit war kein Thema“, sagt Eva Raabe. Foto: Christoph Boeckheler

… und die ethnologischen und kunsthandwerklichen Stücke, die dort gezeigt werden sollen oder auch nicht.
Das hat die Debatte erhitzt. Sie läuft auch anders ab als früher. Lange war die Devise: Das ist sowieso verjährt. Heute geht es darum, den ehemaligen Kolonialmächten zumindest die Einsicht in begangenes Unrecht abzuringen. Vor der Debatte um die Objekte stand ja die Debatte um die menschlichen Überreste. Länder wie Namibia haben das durch berechtigte Rückgabeforderungen angestoßen. Ein sehr symbolträchtiger Bereich! Wenn Trump aus Nordkorea die Überreste gefallener US-Soldaten zurückholen lässt, betreibt er ganz gezielte Kulturpolitik. Beim Thema menschliche Überreste werden wir alle in unserem Menschsein tief getroffen. In vielen Kulturen gibt es Regeln, wie mit den Verstorbenen verfahren werden soll.

Bei uns auch …
Ja, wobei wir eine ganze Weile einen pragmatischeren Umgang damit hatten. In der modernen Gesellschaft fühlen wir uns viel schneller berührt. Im Mittelalter dagegen fand man anscheinend nichts dabei, Schädel bei Platzmangel zusammenzuräumen und aufzustapeln. Kulturen, die hier empfindlicher sind, haben auch mehr Objekte dazu. Daraus folgt: Was ist zum Beispiel mit Objekten, die die Seele eines Menschen verkörpern? 

Betrifft das konkret auch das Frankfurter Haus?
Ja. Wir haben 2011 einen mumifizierten Maori-Kopf repatriiert – das Wort benutze ich lieber als restituiert, wenn es um menschliche Überreste geht. Es handelte sich um einen Kopf, auf denen man die Tattoos der Häuptlinge sehen kann. Während der Maori-Kriege im Neuseeland der britischen Kolonialzeit wurden diese Köpfe gegen Gewehre eingetauscht. Damit waren schreckliche Dinge verbunden. Sklaven wurden zwangstätowiert und dann getötet, weil die tätowierten Köpfe mehr einbrachten. Bei den Verhandlungen damals hatte ich den Eindruck, dass auch die Maori untereinander diskutierten, wie damit zu verfahren sei. Immerhin ging es auch um Trophäen, mit denen der Gegner erschreckt und gedemütigt werden sollte. 

Macht es für Sie als Ethnologin einen Unterschied, ob Sie es mit einem im weitesten Sinne sakralen Gegenstand zu tun haben oder mit einem Fischfanggerät?
Für mich persönlich nicht. Natürlich habe ich Respekt vor einem sakralen Gegenstand, wenn ich seine Funktion kenne. Aber mich fasziniert nicht weniger eine gedrehte Schnur, wie wir sie in der Ausstellung „Der rote Faden“ gezeigt haben. Was es an menschlicher Arbeitskraft, Hirn-Hand-Koordination und Zeit braucht, viele Kilometer Schnur für ein Netz, einen Frauenrock, eine Tasche herzustellen, das berührt mich bis ins Mark. 

Es gibt weitere Anfragen für Rückgaben?
Ja, aktuell stehen wir in Verhandlungen mit einer Aborigines-Delegation der Aranda in Zentralaustralien. Wir haben hier die Sammlung des Missionars Carl Strehlow, der im 19. Jahrhundert eine Station in Hermannsburg leitete. Er hat die Objekte nicht zwangskonfisziert, sondern wohl eher anvertraut bekommen, vielleicht weil er selbst als religiöser Führer galt, vielleicht weil die älteren Aranda spürten, wie sich die Zeiten änderten, und das Erbe auf diese Weise schützen wollten. Es geht dabei etwa um „Seelensteine“. Sie stehen für einen Menschen, werden bei seinem Tod hergestellt und geheim gehalten. Strehlow hat aber ein sehr interessantes vierbändiges Werk darüber geschrieben. Also ist es nicht mehr absolut geheim zu halten. 

Das klingt zwiespältig …
… und weder wir noch die Menschen, die heute mit uns verhandeln, können wirklich einschätzen, wie das damals abgelaufen ist. Es mag schon sein, dass Strehlow nicht wollte, dass die Seelensteine auf dem Gebiet der Mission verwendet wurden. Andererseits lernte er fließend die Sprache der Aranda, konnte mit ihnen philosophische Gespräche führen, transkribierte ihre Gesänge. Man ist ambivalent, was eine Rückgabe betrifft, und merkt im Dialog, wie es auch in der Aranda-Delegation arbeitet.

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