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Eran Shakine Jenseits aller Unterschiede gleich

In einer Ausstellung im Jüdischen Museum München weist derzeit ein religiöses Trio den Weg zu einem besseren Miteinander.

Buddha
„Ein Muslim, ein Christ und ein Jude treffen Buddha.“ Foto: Eran Shakine

„Ein Muslim, ein Christ und ein Jude klopfen an die Tür Gottes.“ Es klingt wie der Anfang eines Witzes, dessen Pointe darüber schmunzeln lassen mag, ob einer der drei – und wenn ja: wer von ihnen – im nächsten Moment die himmlische Schwelle übertreten und für seine Rechtgläubigkeit belohnt wird. Der Satz leitet aber keinen Witz ein, sondern betitelt die Zeichnung von drei gleich aussehenden Gentlemen, der eine auf der Schulter des anderen sitzend; der oberste von ihnen reckt seinen Stock nach oben, gen Himmelspforte. Und dann? Die Szene steht für sich, es gibt keine Fortsetzung, die den Betrachter wissen lässt, wie die Sache ausgeht.

Wohl aber gibt es einen Kontext, in dem die Szene zu sehen ist: Die Ausstellung „A Muslim, a Christian and a Jew“ im Jüdischen Museum in München zeigt derzeit über 40 ähnlich skizzenhaft auf Leinwand gezeichnete Szenen von Zylinder tragenden, scheinbar aus dem 19. Jahrhundert gefallenen Männchen, die ihr Schöpfer Eran Shakine von Bild zu Bild aufs Neue mit Ölkreidelettern als Muslim, Christ und Jude ausweist. Ganz so, als wolle der Künstler auf jeder Leinwand einen neuen Witz erzählen.

Leben auf dem Vulkan

Shakines Absicht reicht aber tiefer. Gerade deshalb spielt er das spannungsvolle Spiel mit der titelgebenden, religiösen Festlegung und der optischen Indifferenz seiner drei wiederkehrenden Figuren. Im szenenhaften Auftreten und Erleben sind sie ununterscheidbar, durch die nominelle Zuschreibung zu je einer der drei Weltreligionen aber doch verschieden und voneinander getrennt. Letzteres ist es, was der in Tel Aviv lebende Shakine, Jahrgang 1962, mitunter ganz anders erlebt hat, als es die alle religiösen Barrieren übersteigende Harmonie zwischen seinem skizzierten Trio nahelegen mag: „Im Nahen Osten zu leben ist, als lebte man im Auge eines Sturms. Als würde man versuchen, auf einem Vulkankrater ein normales Leben zu führen.“

Fünf Kriege hat Shakine, Kind jüdischer Holocaust-Überlebender, in Israel erlebt. Dass ein Leben auch ohne die ständige Angst vor Selbstmordattentaten möglich ist, liest er als kleiner Junge im Bunker unter seinem Familienhaus, etwa in Jules Vernes „In achtzig Tagen um die Welt“. Dann nehmen ihn seine Eltern mit auf Reisen: „Ich erinnere mich, wie ich als Kind mit meiner Familie an Orte kam, in denen Menschen sich freuten, uns zu sehen und uns offen und freundlich begegneten.“ Die positiven Erfahrungen, die Shakine auf Reisen erlebt hat, wären auch in seiner Heimat im Nahen Osten möglich, glaubt Shakine, „wenn unsere Anführer andere stärker akzeptieren und respektieren würden.“

Bei seiner aktuellen Ausstellung lässt Shakine nun drei Religionsvertreter auf Reisen gehen. Sie „lösen sich von der Vergangenheit“, wie es auf einer der ersten ausgestellten Zeichnungen heißt, die drei sich in Händen haltende Fallschirmspringer zeigt, über denen ein nur noch erahnbares Kriegsflugzeug schwebt. Die Gentlemen besuchen einen schlafenden Buddha, begegnen Moses in einer römischen Kirche, „suchen sich ihre Waffen aus“, wie auf einer Zeichnung der drei unter Gitarren zu lesen ist. Oder sie verbringen „einen Nachmittag auf dem Pazifik“ – im selben Boot sitzend und mit dem Problem konfrontiert, dass es vor lauter Meeresmüll nicht weitergeht. Hier wird vielleicht am deutlichsten, worauf Shakine abzielt: „Wenn man all das entfernt, was wir nutzen, um uns voneinander abzugrenzen, haben alle das gleiche Grundbedürfnis: glücklich zu sein.“

Bis der Blick auf das Gemeinsame hinter den Abgrenzungen auch in der Realität gelingt, gilt es allerdings noch zu „üben, üben, üben“, wie auf einer weiteren Zeichnung zu lesen ist. Das darf man auch und gerade auf die Religionsvertreter in Israel beziehen, denn dort hat Shakine bislang noch niemanden gefunden, der seine Zeichnungen ausstellen will. „Obwohl ich eine sehr gute Resonanz von privaten israelischen Sammlern und in den Social Media bekommen habe.“

Auf sie setzt er nun seine Hoffnung – wie auf die Ausstellungsbesucher in München: „Menschen können die Welt verbessern. Kunst nicht. Kunst kann eine andere Art aufzeigen, Dinge zu betrachten und vielleicht das Unmögliche zu erreichen: Einen anderen Weg zu zeigen.“ Einen Weg, auf dem die drei Gentlemen auf Shakines Leinwänden schon heute wandeln.

Jüdisches Museum München:
bis 21. Oktober. Der Katalog mit
einer Auswahl der ausgestellten
Zeichnungen und weiteren Bildern ist
im Hirmer Verlag erschienen,
96 Seiten, 9,90 Euro. www.juedisches-museum-muenchen.de

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