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Edward Hopper Abschied von der Lebensbühne

Edward Hoppers letztes Bild gehörte einst Frank Sinatra. Jetzt kommt es unter den Hammer.

Edward Hopper "Two Comedians"
„Two Comedians“ von Edward Hopper. Foto: Sotheby's/dpa

Intimer geht’s nimmer, soweit man das von einem Gemälde sagen kann. Melancholischer auch nicht: Edward Hopper (1882-1967), Maler des US-amerikanischen Realismus schlechthin, malte „Two Comedians“ (Zwei Komödianten) 1966.

Sein letztes Bild. Er war schon schwer krank, so dass es ein Jahr vor seinem Tod wohl als eine Art Abschiedsgeste deutbar ist. Eine tröstliche, die auch Weltkunst wurde, aber bis dato nur in ganz privaten Räumen hing – jahrzehntelang als eines der Lieblingsbilder des 1996, 30 Jahre nach Hopper, von der Lebensbühne abgetretenen Sängers und Entertainers Frank Sinatra und dessen 2017 verstorbenen Frau Barbara. Es war eines der wenigen Hopper-Werke – Amerikas Museen haben sich seinerzeit darum gerissen –, die sich in Privatbesitz befanden und daher kaum einmal Öffentlichkeit hatten.

Als die Sinatra-Nachfahren Geld brauchten, verkauften sie das melancholische Motiv schleunigst an einen ungenannten Sammler. Dieser nun lieferte das Werk, aus welchen Gründen auch immer, nach offensichtlich nur kurzem Kunstgenuss im New Yorker Auktionshaus Sotheby’s ein und will weiterhin anonym bleiben.

Am Freitag wird das Gemälde garantiert zum Spitzenpreis an der Upper East Side versteigert, 16 bis 18 Millionen Dollar müssten drin sein. Oder auch mehr, für dieses karge, außergewöhnliche, gleichsam mehrfach metaphorische ultimative Motiv in sprödem, freudlosem Ockergelb, Schwarz, Grün, mit zwei fahlen Gestalten in fahlem Licht: Zu sehen ist auf der sonst leeren, dunklen Bühne ein Paar wie aus der Commedia dell’arte. Sie, mit Haube und dem Wagenrad-Plisseekragen der Columbine, er als hochgewachsene, fast shakespearsche Erscheinung mit rotem Samtbarett und Kragenwams.

Die beiden verneigen sich vor einem unsichtbaren Publikum. Ein Abschied? Einer, der ein wenig bitter besagt, dem Mimen oder dem, der sich einsetzt, flicht die Nachwelt keine Kränze?

Hoppers Gemälde, das betont die Kustkritik immer wieder, hätten für die Betrachter bei aller Traurigkeit auch ein großes Trostpotenzial. Die kühle, fast unterkühlte Farbgebung der realistischen Hopper-Malerei – 1960 wandte dieser Realist sich mutig und rückhaltlos gegen die Vorherrschaft der abstrakten Kunst in der damaligen Malerei der USA – weisen auf die Einsamkeit des modernen Menschen hin. Gerade darum gilt der Maler bis heute als Chronist der amerikanischen Gesellschaft, wählten Verleger seine Motive von „Menschen im Hotel“ als Buch-Cover. Keine Frage, Hoppers Stil war seinerzeit durch Film, Fernsehen und Fotografie beeinflusst. Umgekehrt ließen sich auch Filmregisseure von seinen Bildern inspirieren. Alfred Hitchcock ließ das Gebäude aus Hoppers „House by the Railroad“ für „Psycho“ nachbauen. Und Wim Wenders stellte das Szenario von „Nighthawks“ in seinem Film „Am Ende der Gewalt“ nach. Der deutsche Regisseur sah eine enge Verwandtschaft zwischen Hoppers Malerei und seinem Film.

Hopper, möchte man meinen, habe mit den „Zwei Schauspielern“ auf der dunklen leeren Bühne den Abtritt seiner selbst und seiner Frau Jo von der Bühne des Lebens zum Bild gemacht. Und dann, wie in tragischer Voraussicht, noch einmal den seines Freundes Sinatra und dessen glamouröser Gefährtin: Alt, krank, desillusioniert, einsam, schnörkellos. Und schwermütig angesichts der universalen Wahrheiten über Macht, Leben und Liebe. Der unvermeidlichen, unweigerlichen Trennung vom irdischen Dasein, von dem der Sterbliche, mag er auch noch so reich, erfolgreich, gefragt gewesen sein, nichts mitnehmen kann.

Bei dieser fast demütigen, gelassenen Geste am Lebensbühnen-Rand hat man schon den Eindruck, Hopper habe auch sagen wollen, dass am Ende des langen Weges doch nichts vollkommen ist. Und eben deshalb wäre es ein Glücksfall, die „Two Comedians“ würden, von wem auch immer sie in wenigen Tagen ersteigert werden, einem Museum als Leihgabe überlassen – damit die Welt diese Szene sieht und nie vergisst, wie endlich und daher kostbar das Leben ist.

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