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Documenta Man hat tatsächlich viel erlebt

Ein Rückblick auf zahlreiche Documenta-Besuche: Was war eindrucksvoll, was war läppisch, was ist über die Jahre in Erinnerung geblieben?

documenta-Kunstwerke in Kassel
1992: Jonathan Borofskys „Man walking to the Sky“. Foto: dpa

Was Bestand hat, weiß man immer erst hinterher. Zum Beispiel dadurch, dass man sich an ein Kunstwerk erinnert, weil es einen beeindruckt hat. Vielleicht sogar, doch das ist äußerst selten, weil es einen nach Jahren noch beschäftigt. Mir fällt das zur Skulptur vergrößerte Emblem der Deutschen Bank, gekrönt von einem Mercedes-Stern ein, das Hans Haacke vor 30 Jahren mitten ins Foyer des Fridericianums in Kassel gestellt hat. Das integrierte Foto von einem Beerdigungszug in Südafrika hat man im ersten Moment gar nicht registriert.

Wenn ich an die Documenta 8, 1987, zurückdenke, scheint sie mir vor allem aus gewaltigen Klötzen bestanden zu haben, aus mächtigen Metall-, Holz-, Stein- oder Farb-Statements, die den Betrachter mit ihrer schieren Wucht in Bedrängnis gebracht haben. Da waren das riesige Segment einer stählernen Spirale von Richard Serra, das den Betrachter auf dominante, fordernde Weise umfing, Joseph Beuys’ brachialer „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“, Anselm Kiefers düster bedrohliches „Osiris und Iris“, ein fast sechs Meter breites Gemälde voller Tonschlamm und Keramikscherben. Ich erinnere mich an die in ihrer dräuenden Düsternis geradezu unerträglich bedeutungsschwangeren Assemblagen von Robert Morris, an grauenhaft kitschige Bronze-Zombies von Robert Longo. Vor allem aber denke ich an die vier Guillotinen, die Ian Hamilton Finlay hintereinander in die Karlsaue gestellt hatte. Eine schrecklich-schöne Arbeit, die drastisch ist, ohne platt zu sein. Kunst, dachte ich damals, ist etwas, das einem Ehrfurcht einflößt. Das eine starke – oft politische – Aussage in Material übersetzt und so gewaltig wirkt, dass man nicht umhin kommt, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Man hat Manfred Schneckenburger, dem Leiter der Documenta 8, damals vieles vorgeworfen, unter anderem, dass er auf ein theoretisches Konzept verzichtet habe. Was man ihm nicht vorwerfen konnte, ist, dass seine Documenta keine starken Bilder geschaffen hätte. Eine gelungene Documenta muss Diskurse über den Zustand der Welt im Allgemeinen und jenen der Kunst im Besonderen auslösen. Aber sie muss auch Eindrücke hinterlassen, die man nicht mehr vergisst.

Fünf Jahre zuvor, bei der Documenta 7, war es Joseph Beuys’ Pflanzaktion „7000 Eichen“ gewesen, deren Auswirkungen man bis heute sehen kann. Damals entstand auch Claes Oldenburgs Spitzhacke am Fuldaufer. Die Documenta 6 hatte der Stadt 1977 Walter De Marias unterirdischen Erdkilometer und die weithin sichtbare Rahmenskulptur von Haus-Rucker-Co eingebracht.

Als legendär gilt bis heute jedoch vor allem jene Documenta, die Jan Hoet 1992 hinlegte. Und das nicht nur deshalb, weil sie der Stadt Kassel Jonathan Borofskys einprägsame Skulptur „Man walking to the Sky“ beschert hat, sondern, weil sich die Ausstellung nicht einfach so abschreiten ließ. Viele Künstler haben damals die Betrachter einbezogen; man hat tatsächlich etwas erlebt. Ob man nun einen Raum voller Boxsäcke (Flatz) mühsam durchqueren musste, von Farbwänden vereinnahmt wurde (Matt Mullican), in einem Labyrinth voller Zollstöcke und Uhren stand (Cildo Meireles) oder ob man ein Toilettenhaus betrat, das sich als unaufgeräumte Zweizimmerwohnung entpuppte (Ilya Kabakov). Hoet präsentierte Kunst, die der Betrachter mit allen Sinnen spüren konnte. Kunst, so die Botschaft der Documenta 9, hat etwas mit uns, mit unserem Leben und unserem Bewusstsein zu tun – eine Erkenntnis, die mir damals wie eine Offenbarung erschien.

Fünf Jahre später kam Catherine David und ich erinnere mich an – nichts? Nicht ganz. Es gab die großartige Präsentation von Gerhard Richters „Atlas“, einem Archiv, das damals aus circa 5000 Fotografien bestand. Man erhielt dadurch einen bemerkenswerten Einblick in die Arbeits- und Denkweise dieses großen deutschen Malers. Dann war da noch das Haus für Menschen und Schweine von Rosemarie Trockel und Carsten Höller. Blättere ich heute den Katalog durch, dann sehe ich, dass die Documenta X eine tolle Veranstaltung gewesen sein muss. Grandiose Künstler waren dabei. Nur war es eben eher eine viel zu groß geratene Ausstellung, keine gelungene Inszenierung. Nichts gegen die kritische Auseinandersetzung mit den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Problemen einer globalisierten Gegenwart. Allerdings ist es ziemlich vermessen zu glauben, ein Documenta-Besucher – egal wie gebildet – könne sich innerhalb kürzester Zeit auf, sagen wir fünfzig theorielastige Gedankenkonstrukte einlassen.

Es folgte 2002 Okwui Enwezor, dem es zu verdanken ist, dass wir uns heute nicht mehr ins Völkerkundemuseum versetzt fühlen, wenn wir auf zeitgenössischen Ausstellungen mit einer traditionell afrikanischen Bildsprache konfrontiert werden. Roger M. Buergel, 2007, der dem damals noch relativ unbekannten Ai Weiwei zu einem großen Auftritt verholfen hat und das ebenfalls kaum bekannte Werk Charlotte Posenenskes im Bewusstsein der Kunstwelt verankert hat.

Carolyn Christov-Bakargiev schließlich schenkte der Welt 2012 das Bild eines Hundes mit pink bemaltem Bein (Pierre Huyghe) und eine ziemlich krude Theorie, die das Bewusstsein von Pflanzen und Tieren ins Zentrum rückte. Abstruserweise empfand sie es nicht als Widerspruch, einen Parcours für dressierte Hunde einrichten zu lassen.

Dennoch: Die Documenta 13 war mit ihren anmutigen „baktrischen Prinzessinnen“ und den komplexen Versuchsmodellen des Physikers Anton Zeilinger durchaus aufregend, ich erinnere mich gut daran. Ob sich das von der Documenta 14 auch behaupten lassen wird? Die Werke, die ich kürzlich in Athen gesehen habe, habe ich größtenteils bereits vergessen. Sie wurden von der Erinnerung an eine fantastische Konditorei und einen großartigen Haushaltswarenladen verdrängt. Von der Akropolis gar nicht zu reden.

Von der Schau in Athen bleibt vor allem Athen. Das ist ein Verdienst. Und es ist ein Armutszeugnis. Welche Sichtweise sich durchsetzt, weiß ich womöglich erst in dreißig Jahren. In Kassel liegt nun ein Fokus der Documenta auf der Nordstadt, einem Viertel voller Migranten. Das zu entdecken könnte sich lohnen. Es soll dort ein tolles syrisches Restaurant geben.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Documenta 14

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