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Documenta Kassel Ein Bärendienst für die Kunst

Die politische Performance „Auschwitz on the Beach“ wird nach heftiger Kritik abgesagt. Vorwurf: geschmacklos-arrogante Relativierung des Holocaust.

Documenta in Kassel
Was darf die Kunst? Das fragen sich viele aktuell in Kassel. Foto: dpa

Vergleiche hinken. Und stolpern flugs ins Fatale, werden sie nur weit genug getrieben. Eine Ausnahme macht die Satire; Überspitzung ist schließlich ihr Treibstoff.

Aber in diesem brisanten Fall handelt es sich nicht um die Kunst des Ironisierens und Karikierens, sondern um eine politische Kunstaktion im ideologiekämpferischen Antikapitalismus-Programm der 14. Kasseler documenta. Die wurde zwar noch nie so immens besucht und zugleich derart heftig kritisiert (schlechteste Großausstellung aller Zeiten!) Aber von dieser fatalen Übertreibung hätte besser sie lassen sollen bei ihrer Weltverbesserungsmission.

„Auschwitz on the Beach“ sei geschmacklose Relativierung 

Angekündigt war für den heutigen Donnerstag eine unverkennbar antithetische Performance „Auschwitz on the Beach“, fußend auf dem Text: „Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile Zyklon B ersetzt hat.“

Die aktuelle europäische Flüchtlingspolitik – verglichen mit dem Holocaust der Nazis! Das wurde, wie auch anders bei historischen Empfindsamkeiten, sehr wörtlich genommen. Die Empörung schwoll an zum Sturm der Entrüstung. Solch geschmacklos-arrogante Relativierung des Holocaust geht in der Öffentlichkeit nicht durch mit dem Argument der ansonsten doch heiligen Kunstfreiheit.

Adam Szymczyk, künstlerischer documenta-Leiter, schwächte die Wucht des Vorfalles denn auch eiligst ab. Keineswegs sei es Absicht gewesen, den Holocaust zu relativieren. Es sei um eine Warnung vor historischer Amnesie, einen Weckruf des Gewissens, einen Aufruf zu kollektivem Handeln gegangen.

Weckruf des Gewissens in Sachen Flüchtlingspolitik

Gründlich missverstanden also? Zuerst redete die documenta-Leitung den Proteststurm als „Beschwerden und Beleidigungen“ klein, sagte das Vorhaben dann aber ab. Man respektiere diejenigen, die sich angegriffen gefühlt hätten. Immerhin ist es gerade das Internationale Auschwitz Komitee: Wer jüdische Häftlinge in Auschwitz mit dem Elend und Sterben von Flüchtlingen heute vergleiche, suche die „plumpe Sensation“. Der Kasseler Oberbürgermeister Geselle (SPD) spricht von „ungeheuerlicher Provokation, von keiner Kunstfreiheit gedeckt“. Dem folgt auch die Staatsanwaltschaft Kassel.

Was für ein Bärendienst der Kunst an der Kunst. Nun wird es am Donnerstag „nur“ eine Lesung mit dem italienischen Künstler-Philosophen Franco Berardi, der die dann abgesagte Aktion vorbereitet hatte, geben, Titel: „Shame on us“.

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