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Documenta 14 Im Gewimmel

Von Athen lernen: Am Samstag eröffnet in der griechischen Hauptstadt die Documenta 14. Eindrücke von der weltweit wichtigsten Kunstausstellung.

Documenta 14
„Gift to Athena“ von Stanley Whitney. Foto: dpa

Es sollte der vorweggenommene Startschuss sein. 160 Künstler der Documenta standen am Donnerstag auf der Bühne der Athener Konzerthalle Megaron und hoben an zum gemeinsamen Gesang. Als Auftakt zu der mit Spannung erwarteten Pressekonferenz der 14. Ausgabe der größten und wichtigsten Kunstausstellung weltweit. Was dann knappe fünf Minuten einer polyphonen Stimmübung glich und in das Auditorium schallte, war die Komposition des Griechen Jani Christous „Epicycle“ von 1968, Musik „für ein Kontinuum“. Der Chor der Künstler – ein Statement: Wir können nur gemeinsam, die hier drinnen und die draußen. Weiters heißt das nun auch: Kassel und Athen.

Denn zum ersten Mal seit ihrer Gründungsausstellung im Jahr 1955 findet die Documenta nicht nur an ihrem Stammort Kassel statt, sondern auch in der griechischen Hauptstadt, wo am heutigen Samstag Eröffnung ist. Adam Szymczyk, 46, Pole, bis 2014 Direktor der Basler Kunsthalle und 2008 Co-Kurator der Berlin Biennale, wollte es so und überzeugte mit seinem Konzept die Jury, das große Kunstlabor Documenta ausgerechnet nach Athen auszuweiten. Die Krise nahm bereits gravierende Ausmaße an, Menschen aus Kriegsgebieten in Nahost und Afrika hatten sich längst auf den Weg gemacht nach Westen und Norden. Die Ausgabe 2017 versprach also, am Puls der Zeit und am Kreuzungspunkt der Geografien aufzuschlagen, heraus aus der Komfortzone Kassels, hinein in die Problemzone Athens.

Wir haben uns auf einen ersten Rundgang begeben. In der Hoffnung, dass es im Sinne des Aristoteles ein peripatetisches Lernen wird, das in der Bewegung Körper und Geist im Einklang hält. Was bei der schieren Menge nicht einfach ist. Aber bereits im Odeion, unweit des Megaron, findet sich im Amphitheater aus kahlem Beton in der grandiosen Soundarbeit von Emeka Ogboh eine erste kritische Entsprechung. Er vertonte Daten von Künstlerbüchern zu Chorgesang, der nun in der Arena aus Lautsprechern kreist, und an der Wand läuft eine Leuchtschrift mit Börsenkursen. In der Halle daneben hängen Fotografien von Akinbode Akinbiyi: aus Kapstadt, Berlin, Kassel, Nigeria – Bilder über die Spiritualität des Daseins. Und unter dem Treppenaufgang, wie im Unterschlupf, läuft das Video „Blind as the Mother Tongue“ von Hiwa K. Er reflektiert darin seine eigene Flucht und Reise aus dem kurdischen Teil Nordiraks nach Westen, über Athen. Als eine Besucherin die Kopfhörer ablegt, weint sie. Da muten Nevin Aladags Musikmöbel in der oberen Halle, auf denen gerade musiziert wird, geradezu bürgerlich an.

Die Öffentlichkeit ließ man lange rätseln, welcher Art diese Ausstellung wohl werde. Die griechische Kunstszene fühlte sich übergangen. Deutschland ist in der Krise auch nicht nur gern gesehen. Adam Szymczyk ist zudem ein Mann der leisen Töne, zurückgezogen und auf die Arbeit konzentriert. Es war nicht einfach, diese Doppelstruktur in Athen und in Kassel durchzusetzen.

Seit September 2016 gab es Performances, Gespräche, man beäugte das Flüchtig-Kryptische. Doch immer mehr kristallisierte sich heraus, wie konsequent das Documenta-Team seine Arbeit entwickelte. So wurde für das Programm „Parlament der Körper“ schon mit dem Kulturzentrum im heute beschaulichen Parco Eleftherias ein geschichts-trächtiger Ort bespielt: Es war einst das Hauptquartier der Militärpolizei mit Foltergefängnis.

Man gewann Institutionen wie das Nationale Archäologische Museum, das Benaki-Museum, das neue National Museum for Contemporary Art, EMST, die Kunsthochschule ASFA, das Polytechnion und das Musikkonservatorium Odeion sowie Bibliotheken als Partner. Neben Plätzen, Straßen, Hügeln, im Lärm und vor geschlossenen Läden sind sie nun, wie auch das antike Erbe und ihre Mythologien, die Echoräume dieser Documenta.

„Von Athen lernen“ heißt denn auch ihr Arbeitstitel. Und als publizistisches Organ und Ideenplattform fungiert das Magazin „South“. Von der Athenerin Marina Fokidis, die zum Team gehört, 2012 gegründet, erscheint es vierteljährlich. Der Süden versteht sich dabei als „a State of Mind“, als ein Bewusstseinszustand, der das Sehen, Hören, Lesen, Fühlen, Denken, Handeln mit einschließt. Er beinhalte aber auch das Verlernen, sagt Adam Szymczyk auf der Pressekonferenz: „Überlassen wir das Handeln nicht den anderen. Werden wir selbst aktiv.“

Darum geht es in dieser extrem politischen Documenta. Szymczyk hat sich dazu starke Kuratoren ins Boot geholt, wie den Franzosen Pierre Bal-Blanc. Oder den Kameruner Bonaventure Nkidung, der in Berlin den Kunstraum Savvy Contemporary betreibt und Kunst aus einer lange marginalisierten, nichtwestlichen Perspektive betrachtet sowie den postkolonialen Diskurs vorantreibt. Athen sei für ihn wie ein Prisma, sagte er zuvor im Gespräch, durch das man die ganze Welt sehen kann. Nkidung leitet zudem das Documenta-Radio, das jetzt auf Sendung geht.

Auch das ist eine Besonderheit: Je 21 Tage lang senden Künstler nach und nach aus acht Ländern weltweit Liveprogramm, über Internet und Kurzwelle. Klangkunststücke reisen als Radiowellen schnell und überwinden physische Grenzen. So läuft die Documenta 14 in Athen mit den großen Ausstellungen und umfangreichem Musik- und Performanceprogramm selbst wie ein Kontinuum an.

Mit dem Taxi erreicht man zügig das EMST. Dort beeindruckt ein ganzer Raum voller riesiger Masken von Beau Dick, Künstler und Häuptling vom Stamm der Kwakwaka’wakw in Kanada. Er verstarb vor kurzem, seine rot-weiß-schwarz-grünen Tier- und Menschenköpfe aber leben hier auf, auch in Performances. In der obersten Etage des vierstöckigen Gebäudes der ehemaligen Fix-Brauerei ist die Arbeit von Maria Eichhorn verortet. Sie verwandelt darin ein Athener Haus von 1928 in eine Immobilie ohne Eigentümer, damit es ungenutzt vor Gentrifizierung geschützt bleibt. Ein Widerspruch, denn tritt man danach auf die Dachterrasse und wirft einen Blick über das Häusermeer, fällt er auch auf das reale Bild von Leerstand und Zerfall.

Im Benaki-Museum in der Pireos-Straße begegnet uns dann Hitler in der satirischen Arbeit „Leben und Sterben als Eva Braun“ des Israelis Roee Rosen. Der Maler und Autor erschafft comichaft das Intimleben im Bunker 1945 als surreal künstliche Vergangenheit. Miriam Cahns radikale Graphitzeichnungen zeigen Folter und Grauen. Zum Benaki gehört auch das Museum für Islamische Kunst im quirligen Keramikos-Viertel. Hier hat die Libanesin Mounhira al Sol eine ergreifende Installation eingerichtet: ein Zelt, bestickt von Frauen in den Flüchtlingslagern ihrer Heimat, als symbolischer Zufluchtsort für durch Kriege Entwurzelte. Es umhüllt einen Tisch mit Buchseiten, auf die al Sol die Geschichten der Migranten geschrieben hat, denen sie zuletzt in Athen und Kassel begegnet ist.

Von hier aus wandert man am besten auf den ruhigen Filopappos, den Musenhügel. Kurz vor der Anhöhe steht Rebecca Belmores handgemeißeltes Marmorzelt. Ein guter Ort zur Rast, mit Blick auf die Akropolis.

Die Documenta 14 ist ein vielstimmiges, monumentales Ereignis, eine kleine Revolution. Das sollte man erleben.

In Athen läuft die Documenta bis zum 16. Juli. In Kassel, der Geburtsstadt der Kunstschau, beginnt sie am 10. Juni.

 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Documenta 14

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