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documenta 14 Die Stadt wird zum Kunstwerk

Eine der weltweit bedeutendsten Kunstschauren, die documenta 14 in Kassel, präsentiert sich politisch und appelliert an ein globales Verantwortungsbewusstsein.

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Irgendwo steckt auch „Alice in Wunderland“: Marta Minujins Parthenon aus verbotenen Büchern. Foto: afp

In Kassel ist Mischwetter und die nordhessische Stadt wappnet sich für den Besucheransturm. Am gestrigen Mittwoch, drei Tage vor der offiziellen Eröffnung, zog die internationale Kunst-Karawane ein: Fotografen, Kritiker, zudem Museumsleute, Kuratoren und Sammler. An die 160 Künstler aus aller Welt. Viele von ihnen sind auch in der Kunstwelt unbekannt. Jedenfalls zeigt die documenta diesmal nicht die üblichen Kandidaten, die für den Kunstmarkt posieren.

Die Stadtväter haben zwischen den Straßen am Friedrichsplatz, dem Epizentrum des Kunstgeschehens, massive Betonsperren aufbauen lassen. Sicherheit zuerst. Aber es hat eine feine Ironie, dass am Portikus des Fridericianums eine neue Inschrift prangt, statt des gewohnten Schriftzugs mit dem Museumsnamen. Da liest man jetzt: „Being safe is scary“ – „Sicher zu sein ist beängstigend“. Eine sarkastisch-ambivalente Arbeit der Türkin Banu Cennetoglu.

Bespielt werden 35 Orte und Plätze. Darunter viele schon traditionelle, wie das Fridericianum, wo 230 Arbeiten aus dem Museum für Zeitgenössische Kunst Athen – vor zwei Monaten erst eröffnet und nun Zwillingsort der documenta – ausgebreitet sind. Das ist ganz nach dem Plan des aus Polen stammenden documenta-Kurators Adam Szymczyk, 47, dem es bei dieser 14. Ausgabe „um die Eröffnung eines Lernprozesses mit wichtigem Perspektivwechsel“ geht – zwischen dem krisengeschüttelten Griechenland und dem reichen Deutschland. Wofür er bereits unter der Akropolis das „Parlament der Körper“ ausrief.

Anthropologisch und antikapitalistisch also ist der Ansatz für eine documenta vor allem der politischen Aktions- und Konzeptkunst. Auf der gestrigen Pressekonferenz betonte Szymczyk es abermals. Vor der Weltpresse wurde der eher scheue Intellektuelle zum missionarischen Welt-Erklärer und -Erneuerer. Und dies auf der traditionell staatlich hochsubventionierten Ausstellung. Sein Co-Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung aus Kamerun sagte: „Wir leben in einem Zeitalter der Unsicherheit… Aber Angst und Unsicherheit waren schon immer die Grundelemente der modernen Rassengrammatik.“

Es ist unübersehbar, dass Szymczyks Intention weggeht von klassischen Disziplinen, wie etwa der Malerei, und hin zu Installationen, zur Performance, zu Interventionen, bisweilen fast zur verstörenden Leere. Er ist ein Kurator, der etwas sagen will zur Lage der Welt. Seine Maxime: „Wir müssen wieder Verantwortung übernehmen und wie politische Subjekte handeln, statt das den gewählten Vertretern zu überlassen.“ Er rät, unvoreingenommen und gelassen, mit genügend Zeit nach Kassel zu kommen, „sich treiben und überraschen“ zu lassen. Gerade von dem, was man eine bildgewaltige Politisierung des öffentlichen Raumes nennen muss.

Vom Zwehrenturm steigt weißer Rauch auf, der aus Rumänien stammende, in Berlin lebende Daniel Knorr imitiert die Papstwahl – und transferiert sie auf ein 100-Tage-Kunst-Hochamt. Den ganzen Friedrichsplatz füllt eine grandiose, dabei eher kuriose 1:1–Replik der Akropolis, der „Parthenon der verbotenen Bücher“ der Argentinierin Marta Minujín, 74. Die vielen Bücher, die die Säulen bilden, sind mit Klarsichtfolie umhüllt, das schützt vor Regen. „Europa befindet sich derzeit in einem schrecklichen Stadium der Selbstzerstörung, weil man sich untereinander nicht versteht“, erklärt Minujín die Idee hinter dem Werk. „Dieser Parthenon des Friedens zeigt alle Verbote, die es in der Welt der Schriftsteller und Bücher gab und gibt – und wie die Politiker entscheiden, was die anderen lesen dürfen.“ Auf Buchrücken stehen Namen wie: Thomas Mann, Walter Benjamin, Alfred Döblin, Albert Einstein, Stefan Zweig. Und da ist auch Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“. „Alice“ war im fernen China unter Mao verboten, weil die Tiere an der Seite der Menschen intelligent waren. Das durfte nicht sein. Die Säulen haben Innenleuchten, so sehen die Bücher bei Dunkelheit aus wie geheimnisvolle Mosaiksteinchen. Und das Publikum baut mit, es soll noch mehr einst verbotene Bücher mitbringen. Neun bunte Bücher-Säulen werden es am Ende sein. Private Spender und Verlage gaben schon 42 000 Exemplare ab. Zum documenta-Finale werden die Bände dann an jedermann verschenkt.

Überhaupt Kassels Plätze! Auf jenem vor dem Eingang zur Karlsaue baute der Iraker Hiwa K. ein riesiges Gebilde aus 20 ungebrannten Tonröhren auf, wie sie für Kanalisationen dienen. Dies hier aber sind Behausungen, es gibt in den Röhren Matten, Kissen, Radios, Grünpflanzen, einen Gebetsteppich, sogar ein Waschbecken, Ikea-Lampen und Espresso-Kocher. Je ein Menschenkind, wenn es sich krumm und schmal macht, passt rein. Ironie, Sarkasmus, Gesellschaftskritik und Überlebenspragmatismus sind hier vereint.

Am Königsplatz, auf dem in Kassel viele Migranten auf den Bänken hinter den Wasserspielen den Tag verbringen, steht ein grauer Beton-Obelisk. 16 Meter hoch. Den hat Olu Oguibe aufgestellt, US-Künstler mit nigerianischen Wurzeln. In Griechisch, Arabisch, Englisch und Deutsch steht in Goldlettern zu lesen, was von Jesus (Matth. 25,35) aber auch vom Göttervater Zeus (bei seiner unerkannten Einkehr bei Philemon und Baucis) stammt: „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“. Es heißt schon, der Obelisk werde das neue Wahrzeichen Kassels. Nun ja, wenn der Herkules sich das gefallen lässt?

Und noch nie hat die Kasseler Torwache so etwas erlebt: Ibrahim Mahama aus Ghana hat das historische Bauteil mit Jutesäcken verhüllt. Es habe ihn angezogen und inspiriert, sagt er, dass die beiden Zwillingsgebäude, die ab 1803 als Teil eines nie errichteten Triumphbogens angelegt worden waren, völlig unterschiedliche Funktionen hätten. Im südlichen Gebäude befindet sich ein Teil des Hessischen Verwaltungsgerichtshofes, das gegenüberliegende Gebäude gehört zum Hessischen Landesmuseum.

Die Jutesäcke wurden in einem stillgelegten Fabrikgebäude zusammengenäht, in dem früher Lokomotiven auch für Ghana produziert worden seien, so stellt Mahama den Zusammenhang her zwischen repräsentativer, Macht ausdrückender Architektur und primitiver Arbeitswelt, besser gesagt: Maloche. „Ich arbeite mit Material, das da ist und im alltäglichen Leben existiert“, beschreibt der Westafrikaner in Abgrenzung zum legendären Verhüller Christo. Während dessen Projekte teilweise sehr teuer seien, arbeite er mit „armen Materialien“. Nachhaltig! Die in Südostasien produzierten Jutesäcke dienten in Ghana dem Transport von Kakao und Kaffee. Später würden sie weiterveräußert.

Traditionell lädt auch die grünende Karlsaue ein. Hier errichtete Antonio Vega Macotela direkt vor der Orangerie eine sechs Meter hohe Skulptur mit dem martialischen Titel „Mühle des Blutes“ - gewaltige ineinandergreifende Zahnräder unter Gestellen, die Hinrichtungsaufbauten, Fallbeilen, ähneln. Man möchte meinen, der Mexikaner vereine in der simplen frühindustriellen Metapher alle Gewalt, die die Moderne aufwendet, um zu bestehen.

Schwerstarbeit hat auch der Österreicher Lois Weinberger geleistet, als er ins Grün eine riesige Schneise schlug, als Natur-Konzeptkunstattacke, die die akkurate Ordnung der barocken Anlage „aufstört“. In Athen zeigt er übrigens zeitgleich recht skurrile Ausgrabungsobjekte vom elterlichen Bauernhof in Tirol.

Ungewöhnlich sind bei dieser 14. documenta Kunst-Orte wie eine einstige Post, ein Lederladen, ein altes Gießhaus in den Gottschalk-Hallen in der Nordstadt, einst Textilindustrie, heute Uni-Gelände, der verlassene Schlachthof, das Museum für Sepulkralkultur – oder Kinos wie Gloria, Bali und Ballhaus.

Und zahlreiche (immaterielle, doch körperliche) Performances, die früher, zu Beuys’ Zeiten, schlicht Aktionen hießen, prägen den Ablauf. Die Kunst hält mehr denn je selbstverständlich, unauratisch, unbekümmert crossover Urständ, greift ein in die politische Gemengelage zwischen Turbokapitalismus, Reichtum, Fremdenhass auf der einen Seite – und auf der anderen Krieg, Flucht, Vertreibung, Terror. Es gibt auf dieser documenta viele missionarische Ideen. Lösungen freilich kann die Kunst nicht liefern.

Und so bedenkt der Nigerianer Emeka Ogboh etwas ganz Menschliches: den Durst, den Kunst machen kann. Und zwar alles andere als immateriell: Er ließ documenta-Bier brauen, abgefüllt in der Hütt-Brauerei im nordhessischen Baunatal: 50 000 Flaschen, die soll es bald auch in Kassels Supermärkten geben. Ein wenig Luxussteuer muss man ab Samstag schon hinlegen für diesen kunstgewürzten (geweihten) Hopfensaft. Immerhin süffelt man ein „Sufferhead Original“.

Die documenta 14 in Kassel wird am kommenden Samstag für das Publikum eröffnet. www.documenta.de

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Documenta 14

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