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documenta 14 100 Tage Selbsterkenntnis

Eine Herausforderung für den Kopf, das Reflexionsvermögen und die Füße. Ein weiterer Rundgang durch Kassels soeben eröffnete documenta 14.

documenta 14
Illegal beschlagnahmte Bücher aus vormals jüdischem Besitz zeigt die Installation von Maria Eichhorn. Foto: rtr

Abends um acht, wenn die anderen documenta-Häuser quer durch Kassel schließen, beginnt in der Rotunde des Fridericianums eine Art Nacht-im-Museum-Inszenierung: Das „Parlament der Körper“, das der documenta-Chefkurator Adam Szymczyk bereits zur Voreröffnung in Athen ins Leben gerufen und nun für die 100 Tage von Kassel wiedereröffnet hat. Es sind Performances von „Gesellschaften der offenen Form“ – der Verschiedenartigkeit und Vielstimmigkeit. Tänzerinnen und Tänzer von allen Kontinenten erzählen wortlos, nur mit Klang und dem Ausdruck ihrer Körper von Sklaverei, Kolonialisierung, Diktatur, Rassismus und Gewalt. Und dann wird geredet.

Denn auch in der Kunst-Stadt Kassel, in der, es ist deutlich im Straßenbild, viele Zuwanderer und Flüchtlinge leben und wo alles friedlich, zumindest gelassen scheint, kam es zu Gewalt. Vor Jahren wurde hier der 21-jährige, in Kassel geborene Deutsch-Türke Halit Yozgat in seinem Internetcafé vom sogenannten NSU ermordet. Trauerdemonstrationen der Familie und Freunde wurden lange Zeit ignoriert von Politik und Polizei. Die „Körper“ tanzen auch für ihn. Und sie tanzen für Hoffnung, Schönheit, Harmonie und Vernunft. Das allabendliche „Parlament der Körper“ bündelt so die Erfahrungen des „langen Sommers der Migration“ (O-Ton Adam Szymczyk) in den Ländern Europas, die die Flüchtlinge vehement abwehrten und Stacheldrahtzäune bauten: Ungarn, Polen, Tschechien, Slowakei.

Diese Performances im sich abends entleerenden Museum am Friedrichsplatz – sie mögen seltsam anmuten. Aber es sind Methoden der Kunstvermittlung, wie sie für diese documenta 14 typisch sind. Kunst politisiert den öffentlichen Raum, durch Installationen, die man nicht so leicht vergessen wird. Die Kunst dieser documenta vermittelt Existenzielles im übertragenen Sinne.

Lukullisches, nur Schöngeistiges und Illustrierendes ist kaum zu finden. Bei der Distanzierung von den klassischen Kunst-Idealen hat diese Großschau eine weitere Stufe des Konzeptuell-Komplexen erklommen. Simple Bilderlust und Augenschmaus sind passé. Es wird kategorisch aufgeklärt über den bedenklichen, gefährlichen Zustand der Welt. Sogar in der eher rar vertretenen Malerei, wie etwa in der documenta-Halle. Da geht es um Afrika, um eine zerstörte afrikanische Band und deren Musik. Im größten Raum der Halle hängen zertrümmerte Holzboote. Und ein beklemmendes Werk des Südafrikaners Kendell Geers im Fridericianum, wo erstmals in Deutschland kostbare Artefakte und Kunstwerke aus dem Athener Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst zu sehen sind, bestehend aus fabrikneuen Stacheldrahtrollen, die nur darauf zu warten scheinen, zu messerscharfen Grenzzäunen ausgerollt zu werden.

 Den Turm der evangelischen Karlskirche hat Thomas Kilpper mit Planen von Mittelmeerflüchtlingsbooten verkleidet und zum „Leuchtturm für Lampedusa“ umfunktioniert. Im einstigen Gießhaus, wo sonst Studenten der Uni Kassel lernen, zeigt die Griechin Angela Melitopoulos eine Dokumentation über Flüchtlingslager in ihrem krisengeschüttelten, von Abertausenden Hilfesuchenden überforderten Land. Meditativ wird es unterm Kulturbahnhof, dessen stillgelegter Tunnel einem das sprichwörtliche „Licht am Ende des Tunnels“ erleben lässt.

Unisono findet das im Sozialen, Ökonomischen wie im Ökologischen bedrohte Gleichgewicht Ausdruck in sperrigen bis melancholischen Skulpturen und Thesen zur Kapitalismuskritik und zu Gender-Themen, zu Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Da steht man vor hundertfachen Kunst-Erzählungen in Form von sonderbaren, bizarren, naiven, banalen, fast kindlichen Werken. Und da ist auch eine Menge Sarkasmus im Spiel. Zweifel vermischt mit Glauben, etwa im Naturkundemuseum des historischen Ottoneum, wo es um die Beziehungen zwischen Stadt und Land geht, um Landrecht und die Politik von Grund und Boden. Das gewaltige Kunst-Panorama will zum Nachdenken über zentrale Menschheitsfragen anregen. Diese Kunst ist Protestschrei gegen Gewalt und Leid; Spurensuche nach der Natur des Menschen; Ringen um tragfähige Zukunftsvisionen.

Das Nachdenken, das Erkennen, das Lernen, die Selbst-Reflexion zielt auch auf kaum hinreichend aufgearbeitete Kapitel der deutschen Geschichte. Im Museum „Neue Galerie“ steht man vor den apokryphen Zeichner-Kommentaren des Amerikaners David Schutter zum Schwabinger Kunstfund (2012), der rätselhaften, teils als Raubkunst identifizierten Hinterlassenschaft des Kunsthändlers und Nazi-Kunstbeschaffers Hildebrand Gurlitt und dessen Sohn Cornelius. Letzterer hatte vor seinem Tod die Sammlung dem Kunstmuseum Bern, damit auch die Fortsetzung der Arbeit der deutschen Task-Force überlassen. Die Idee des documenta-Kurators, Werke der Gurlitt-Sammlung original zu zeigen und Künstler damit direkt arbeiten zu lassen, war nicht möglich. Kulturstaatsministerin Monika Grütters verweigerte ihre Zustimmung wegen der „laufenden Ermittlungen“. Auch wäre das „zu unsensibel“ gegenüber dem Andenken an die einstigen – jüdischen – Besitzer.

Schutter nun zeichnete seine ganz eigene Version zum „Aufseher der Kunst, die ihn gefangen hielt“ (Cornelius Gurlitt): wirre enigmatische Linien einer bizarren Gefangenschaft durch ein verhängnisvolles väterliches Vermächtnis. In den Räumen der „Neuen Galerie“ hängen dafür originale Bilder und Grafiken aus musealen Sammlungen, die unter den Nazis als „entartet“ diffamiert waren.

Fernab von allem Euphemismus ist die Kunstansage der Berliner Konzeptualistin Maria Eichhorn. Sie hat als documenta-Beitrag das „Rose Valland Institut, mit Sitz in der „Neuen Galerie“ gegründet, das sich in einer 100-Tage-Call-Aktion den unrechtmäßigen Besitzverhältnissen in Deutschland zuwendet. Die Öffentlichkeit wird in ihrer intensiv recherchierten Dokumentation aufgerufen, NS-Raubgut in ererbtem Besitz zu recherchieren, die Informationen (auf Wunsch anonym) ans Institut zu übermitteln. Dieses ist benannt nach der französischen Historikerin Rose Valland, die während der deutschen Besatzung in Paris die Plünderungen durch die Deutschen in Listen aufzeichnete (man denkt an George Clooneys Film „Monument Man“). Eichhorn: „Wieso müssen sich die damals beraubten Juden oder ihre Nachfahren um Rückgabe ihres Eigentums bemühen und nicht umgekehrt?“ Für diese paradoxe Situation will Eichhorns Kunst-Initiative ein waches Bewusstsein in der Öffentlichkeit schaffen. Es geht um Aufklärung andauernden Unrechts: kontakt@rosevallnadinstitut.org

Diese documenta erfand auch noch eine „Neue Neue Galerie“, die sich schon allein durch den Ort von der erwähnten, im historischen Ambiente residierenden Neuen Galerie unterscheidet, inhaltlich aber ebenso beeindruckend ist. Die im brutalistischen Architekturstil errichtete Neue Hauptpost zeigt ausgesprochen sinnliche, herb-poetische Arbeiten, etwa die an den verstorbenen griechischen Arte-Povera-Künstler Jannis Kounellis erinnernde Installation von Dan Peterman. Der US-Amerikaner hat 44 Plastiksäcke mit Eisenformen gefüllt, verweist auf die komplizierte Logik von ökonomischem Kreislauf und Recycling-Prozessen. Und die Norwegerin Maret Anne Sara thematisiert den Konflikt der lappländischen Sami mit dem Staat: in Form eines Vorhangs aus Rentierschädeln. Überhaupt bestimmt das Kreatürliche, Existenzielle, das Humanistische dieser documenta. Es gibt der Weltausstellung der Kunst an ihren insgesamt 36 Orten eher indirekt ein Leitthema vor.

Noch ist kein Huf-Geklapper auf dem Pflaster des Kasseler Karlsplatzes zu vernehmen. Das erste Kunstwerk der documenta 14 ist seit dem 9. April von der Akropolis her unterwegs als Kunst- und Götterbote. Vier Langstreckenreiter wechseln auf dem 3000-Kilometer-Marathon-Ritt die Pferde: in Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien, Österreich und Deutschland. Kopf der Aktion „Grenzen überwinden“ ist der Schotte Ross Birrell. Am 9. Juli sollen er und die anderen Hermes-Reiter-Boten, zwei weitere Männer und eine Frau, Kassel erreichen. Ein Riesenauflauf dürfte ihnen gewiss sein. Sei diese 14. Doppel-documenta mit noch so viel antikapitalistischen Thesen beladen. Am Ende heißt es heißt es doch: Es lebe das Event.

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