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Deutsches Architekturmuseum Deutschland ist eine Baustelle

„Making Heimat“: Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt präsentiert Flüchtlingsbauten in Deutschland. Der Osten erscheint allerdings als weißer Fleck.

„Making Heimat“
Bewusst arabische Anmutung: Innenhof im „Blauen Containerdorf“ in Bremen. Foto: anja Weber

Herausforderung ist gar kein Ausdruck. Geht es doch um nichts weniger als darum, „Heimat zu machen“. Das mag sich merkwürdig anhören, die Wortschöpfung „Making Heimat“ dürfte vielleicht weniger befremden. Oder wäre womöglich weniger mehr?

Tatsächlich wird das Heimatprogramm, an dem sich in den vergangenen rund 18 Monaten Architekten entschieden beteiligten, auf dass es mit einem Obdach für Flüchtlinge oder Asylbewerber nicht bei leeren Versprechungen bleibe, aus dem Baukasten bestritten. Heimatproduktion für hunderttausende Neuankömmlinge stützt sich in vielen Fällen auf Modulbauweise.

So war es im Frühsommer in Venedig zu sehen – jetzt ist die Ausstellung „Making Heimat“ nach der Station auf der Architekturbiennale im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt angekommen. Kein offenes Haus wie auf dem Pavillongelände von Venedig betritt der Besucher. Allein, dass in den Giardini vier Öffnungen in die Wände des deutschen Ausstellungshauses gebrochen wurden, mit einem Durchblick von den mild fächelnden Giardini in das flüssige Licht der Lagune, war ein Coup.

Im Erdgeschoss des DAM machen die drei Kuratoren Peter Cachola Schmal, Oliver Elser und Anna Scheuermann, erneut unterstützt von den Ausstellungsarchitekten „Something Fantastic“, noch einmal aufmerksam auf den Venedig-Pavillon, den rabiaten Eingriff in dessen Wände sowie dessen Rückbau. Alles gut! Wenn man von der unbedingt einschüchternden Geste eines kalten Klassizismus seit gut 100 Jahren absieht.

Ebenfalls im Erdgeschoss und noch intensiver als in der Ferne von Venedig kann sich der DAM-Besucher mit Offenbach beschäftigen. In Venedig noch als „Boom-Town“ ausgerufen, geht man nun differenzierter vor. Das Offenbach-Bild, und es ist ein wahrhaftig heterogenes Bild, setzt sich zusammen aus Schaubildern und Diagrammen, einem Video, in dem Bewohner der Stadt zum Erzählen animiert wurden. Das DAM veranschaulicht am Modell den typischen „Offenbacher Block“, eine außergewöhnlich große, von außergewöhnlich unterschiedlichen Häusern umstandene Fläche, die außerordentlich uneinheitlich bebaut worden ist, mit Gewerbebetrieben, Parkplätzen sowie Häusern, in denen Wohnen und Arbeiten Wand an Wand zugelassen sind. Das ist alles andere als selbstverständlich, im „Offenbacher Block“ offenbar gang und gäbe.

Unter ästhetischen Gesichtspunkten ist der „Offenbacher Block“ ein Sammelpunkt dürftiger oder hässlicher Häuser. Der Schau pocht, unübersehbar, auf einen anderen Schmelztiegel, einen Meltingpot zahlreicher Nationalitäten und Kulturen in der Metropolregion Rhein-Main. „Offenbach ist ganz ok“, heißt es sehr lakonisch. Ja, mit Lakonik lässt sich, wie man weiß, ein Leben einrichten. Offenbach ist ein Ort der Armut, ein Brennpunkt der Integrationsanstrengungen, bei der Kriminalität belegt man, auch das zeigt die Statistik, einen Platz allenfalls im Mittelfeld. Keine Stadt allerdings mit einer höheren Fluktuation in Deutschland.

Angeregt von Doug Saunders, dem Autor des Buches „Die neue Völkerwanderung – Arrival City“, wurden Thesen zu einer solchen „Ankunftsstadt“ formuliert – und erneut auf Offenbach übertragen. „Die Ankunftsstadt ist eine Stadt in der Stadt“, also keine an der Peripherie, auf der grünen Wiese, vielmehr ein Quartier, das in ein bestehendes urbanes Umfeld eingehaust worden ist.

Im ersten Obergeschoss des DAM folgt die erheblich erweiterte Dokumentation über Flüchtlingsbauten. Das DAM hatte im Herbst 2015 Architekten und Gemeinden wegen einer Bestandsaufnahme angeschrieben, zugleich sollten beide inspiriert werden zu „schnellen Lösungen“ – und nicht nur das, zu ebenso kostengünstigen wie qualitätsorientierten Resultaten, die in einer Datenbank gespeichert worden sind. Dass es nicht bei Antworten auf dem Papier geblieben ist, zeigt der Ausstellungsraum, der an ein größeres Architekturbüro erinnert, an ein traditionelles, denn an giebelig aneinanderstoßenden Entwurfsbrettern sind die Projekte fixiert. Am Anfang war das Zelt – eine erste provisorische Unterkunft. Auch ist es bei nicht wenigen gestalterischen Härtefällen geblieben. Dass so etwas Festes wie Beton ein segensreicher Baustoff ist, lässt sich daran erkennen, dass er eine hohe Speicherfähigkeit hat, sodass eine Infrarotstrahlerheizung Beträchtliches leistet.

Entstanden sind gelegentlich elegante Bauwerke, gar mit Anleihen an die klassische Moderne – was allerdings unmittelbar Fragen der Integration aufwirft, wenn man sieht, wie in dem bewusst „arabisch“ konzipierten Containerdorf in Bremen die Jalousien heruntergelassen sind, um in den Unterkünften lebende Frauen den Blicken der Öffentlichkeit zu entziehen.

In Berlin sind in einem vom Denkmalschutz äußerst pfleglich sanierten Gebäude Flüchtlinge untergebracht, direkt am Märkischen Ufer. Hier die Integration in urbaner Umgebung, dort die Unterbringung auf der grünen Wiese. In München wird ein achtgeschossiges Bürohochhaus in ein Wohngebäude umgebaut, in Lörrach wurde eine „Dorfanlage“ geplant – sie wird nicht zustandekommen. Denn das DAM präsentiert nicht nur die Erfolgsgeschichten, von München bis Hamburg, sondern auch den einen oder anderen Fehlschlag, und nicht nur in Oranienburg.

Schließlich innerhalb der vier Stützen, die der Architekt Oswald Mathias Ungers  Anfang der 80er Jahre der klassizistischen Villa einverleibte, um mit dieser Haus-in-Haus-Konstruktion dem DAM ein Signet zu geben: in dieser Einhausung haben die drei Heimatmacher eine bescheidene Stube angedeutet, von Vorhängen gerahmt. Zum stilisierten Bild gehören Fußmatte und ein kleiner Teppich (Gebetsteppich). Denn was schon haben Hundertausende auf ihrer Flucht schultern können als eine ungemein bewegliche Habe.

An Stellwänden werden die architektonischen Herausforderungen veranschaulicht, ob „Aufstockung“ oder „Ausbau“ – und keine darunter, wozu auch Sanierung oder Modernisierung zählen, die nicht eine sozialpolitische wäre. Frankfurter Büros engagieren sich, Schneider + Schumacher in Oberrad, Stefan Forster in der Platensiedlung von Ginnheim, Christoph Mäckler ebenfalls in dem Frankfurter Stadtteil.

In Drewitz bei Potsdam werden für eine Einraumunterkunft 39 - 45 Quadratmeter veranschlagt. Der Osten zeigt sich in der Schau aber auch von seiner krassen Seite. Sind doch, abgesehen von einem einzigen Quartier in Halberstadt sowie in Oranienburg, keine Unterkünfte in Ostdeutschland auf dem rund 60 Beispiele umfassenden Atlas der Flüchtlingsbauten auszumachen. Nicht dass es im Osten keine Flüchtlingsunterkünfte gäbe, vor allem werden leerstehende Gebäude umgenutzt.

Im DAM zeigt sich der Osten allerdings als weißer Fleck – es könnte ein Anlass sein, um zu erbleichen. Auch machen die Kuratoren keinen Hehl daraus, dass sich einige Gemeinden weigerten, Angaben über Standorte zu machen, aus Furcht vor Niedertracht und Gewalttaten. Somit ist man im DAM mitten in einem Sektor deutscher Gegenwart angekommen. Dazu zählen Fotos von Flüchtlingen, über die die Bildlegende berichtet: „Am schlimmsten ist es für ihn, in Deutschland keine Arbeit zu haben und zum Nichtstun verdammt zu sein.“

Zum Betätigungsfeld der Architekten, die sicherlich nicht mehr als Sozialingenieure auftreten wie noch vor 80, 90 Jahren, zählt weiterhin die Modulbauweise. Wie schon im Frankfurt der 1920er Jahre, wo der Slogan „Wohnen für das Existenzminimum“ nicht eine Floskel blieb, finden sich auch ansehnliche Beispiele der Heimatbildung durch das Baukastenprinzip. Und dabei geht es nicht um den banalen Hangar, um beengte Zellen, sondern um Neubauten mit Laubengang oder um Bauwerke, ob nagelneu oder umgebaut, mit Balkon. In München-Aubing hat man auf der grünen Wiese ein Obdach für 300 Bewohner geschaffen, in Neuss ein Quartier für 1000 Menschen errichtet. Wand an Wand dürfen die Bewohner weder selber kochen noch ihre Wäsche selber waschen – der Katalog verschweigt es nicht.

Ob Holzrahmenbauweise oder Metallcontainer, ob winkelförmiges Gebäude oder schmale Hochhausscheibe, ob Plattenbau oder Massivbau: Bundesbauministerin Barbara Hendricks sprach 2016 von einem Bedarf an 350 000 neuen Wohnungen pro Jahr. Es war ein Appell, und nicht nur das, es war geplant als Direktive.

Denn Deutschland befindet sich in einer Wohnungskrise. Baustelle ist gar kein Ausdruck.

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt: bis 10. September. Zur Ausstellung sind zwei Kataloge im Verlag Hatje Cantz erschienen, ein Flüchtlingsbautenatlas sowie einer zum „offenen Pavillon“ auf dem Biennalegelände von Venedig.

www.dam-online.de

 

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