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DDR-Kunst Noch immer voller Emotionen

Wenn DDR-Kunst gezeigt wird, gibt es heftige Debatten. Jetzt holen endlich auch Dresdens Kunstsammlungen die Werke aus dem Depot.

Am Strand
Walter Womacka: Am Strand, 1962. Foto: Elke Estel / SKB

Beinahe schien es, als seien die heftigen Streitereien, seien die unbehaglichen und auch verächtlichen, daher oft verletzenden Debatten vorbei. Als sei endlich abgerüstet worden in den klirrenden Klischee-Arsenalen: Ostkunst = Staatskunst, sozialistischer Realismus, also unfrei, eng, bieder, idealistisch, angepasst. Hingegen Westkunst = frei, zeitgeistig, kosmopolitisch, unangepasst. Ergo wertvoll. Wie wir sehen, ist das alles eben nur beinahe vorbei. Soeben noch gärte der Unmut in Dresden, einst eines der DDR-Zentren der dazumal hoch angesehenen Bildenden Kunst. Die Emotionen kochten hoch an der Elbe, im wahrsten Sinne des Wortes wegen der weitgehend ostkunstlosen Säle des Albertinums an der Brühlschen Terrasse dicht oberhalb des Elbestroms.

Da war er wieder: der Ost-West-Bilderstreit. Der an einem Forschungszentrum der Technischen Universität angesiedelte Kunstwissenschaftler Paul Kaiser kritisierte öffentlich, dass die renommierte Galerie Neue Meister im Albertinum die Kunst aus Ostdeutschland bis 1990 zugunsten von Kunst aus dem Westen weitgehend aus ihrer Ausstellung ins Depot entsorgt habe. Touristen aus anderen Ländern müssten den Eindruck gewinnen, dass es die DDR nie gegeben habe. Und dieser Zustand bestehe in Zeiten, in denen andere Museen des Ostens dieses kunsthistorische wie auch ästhetische Manko längst besseren Wissens revidierten und einordneten. Auf einmal gab es in der „Sächsischen Zeitung“ und anderen Blättern republikweit wieder die alten und neue Debatten.

Flugs reagierte das Dresdner Albertinum, holte Malerei und Plastik der DDR-Ära aus den Magazinen. Die 2014 angetretene, aus der documenta-Stadt Kassel stammende Direktorin Hilke Wagner machte, wie nun alle Welt sehen kann, schleunigst ihre Hausaufgaben. Sie hatte deutlich registriert, dass Dresdens Kunstpublikum das Albertinum mied. Und sie hatte das Schimpfen der Dresdner verstanden, weil die vertrauten, auch beliebten Kunstwerke, oft Begleiter ganzer Lebenswege, nicht mehr zu sehen waren.

Wagner und andere Kulturarbeiter der Stadt luden zu Podien. Auf denen wurde mehr und mehr die Frage nach Identität auch im Hinblick auf die Kunst der untergegangenen DDR gestellt. Den Museumsleuten wurde vorgeworfen, die politischen, gesellschaftlichen Veränderungen würden nur aus Westperspektive betrachtet, beschrieben und bewertet. Die Positionen der Ostkünstler der ersten Nachkriegsjahre sowie aus 40 Jahren DDR kämen nicht zu Wort. Wie aber sollte das Publikum ohne diese Grundlage – aus Anschauung und Erfahrung – nun all jene bislang unbekannte internationale Kunst goutieren, verstehen und mögen, die seit über zwei Jahrzehnten die Säle der Galerie Neue Meister füllt?

Albertinum-Direktorin Wagner sieht nun in der großen, wahrhaft facettenreichen Ausstellung von Ost-Kunstwerken einen längst fälligen Beitrag zum Bilderstreit. Es ist eine Schau aller Stilarten von figürlich, gegenständlich bis ungegenständlich und abstrakt, egal ob Auftragswerk oder frei entstanden, gleich ob ideologisch aufgeladen oder mit gesellschaftskritischem, ja subversivem Inhalt. „Es ist unsere Chance, alles auf den Tisch zu legen“, so Wagner: Das Unausgesprochene, das Verschwiegene, das Missverständliche. Das Unbehagliche, das Unfaire. Eben auch die westlichen Vorurteile. Die Forderung nach Präsenz ostdeutscher Kunst in den Museen sei berechtigt, resümiert die 42-jährige Kunsthistorikerin und wirbt für eine differenzierte Betrachtung.

Ohne hier allzu sehr ins Detail zu gehen, muss gesagt sein: Das Publikum bekommt einen intensiven Eindruck von der Vielfalt der DDR-Kunst. Es begegnet Bekanntem und auch Unbekanntem. Die Besucher sehen ihre einstigen Publikumslieblinge wie das als Kopie tausendfach in Jugendzimmern hängende Gemälde Walter Womackas, dieses idealisierte, liebliche, damit seinerzeit in der Ulbricht-Ära ideologisch weichgespülte „Paar am Strand“. Oder den niedlichen „Peter im Tierpark“, ein typisches harmlos-schönes Kinderzimmerbild, von Harald Hakenbeck.

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