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DDR-Kunst Neues Museum Weimar Ikarus, Prometheus, Sisyphos

Die Ausstellung Bildatlas Kunst in der DDR des Neuen Museums Weimar ist die Kunst einer zerbrochenen Gesellschafts-Utopie. Die Schau will Akzeptanz und faire Bewertung.

Besucherin vor Wolfgang Mattheuers "Freundlicher Besuch im Braunkohlerevier". Foto: dpa/ VG BILD KUNST

An der Freitreppe des Neuen Museums Weimar verbeugt sich der dynamische „Große Geist“ des Düsseldorfer Bildhauers Thomas Schütte sowohl vor dem, der eintritt, als auch quasi vor dem, was drinnen ausgebreitet ist: Kunst aus dem anderen Deutschland. Kunst einer zerbrochenen Gesellschafts-Utopie: Der abgestürzte Ikarus, der aus dem brennenden Welttheater rennende Prometheus, der erschöpfte Sisyphos sind Leitmotive. Sogenannte Staatskünstler malten diese aktuell- mythischen Gestalten ebenso wie die stillen Mitläufer, die Jüngeren, die Enttäuschten, die Renitenten aus der Subkultur.

Alles trifft hier mit großer Ehrlichkeit der Kontraste, auch unversöhnlich, zusammen und hat zwangsläufig miteinander zu tun: offizielle Auftragskunst und ganz Privates aus den Ateliers. Die Arbeits-Heldenmaler mit den Apokalyptikern, die Sozialismus-Gläubigen, Enthusiastischen mit den Ungläubigen, die Optimisten mit den Pessimisten, die Romantiker mit den Desillusionierten. Und die Realisten mit denen, die es anders versuchten, klassisch-modern-abstrakt, so wie Hermann Glöckner und frühe Maler der ebenfalls dem Bauhaus anhängenden Hallenser Schule.

Produktiv rauchende Schlote

Da hängen, gleich nach dem Eingang, diese zwei Landschaften: des Dresdners Bernhard Kretzschmars „Eisenhüttenstadt“ (Stalinstadt) von 1955, eine grüne, bunte Idylle mit neuen Wohnungen und produktiv rauchenden Schloten der Metallindustrie. 20 Jahre später malte der Leipziger Wolfgang Mattheuer ein ödes Braunkohlerevier, durch die zerstörte Landschaft geistern Gestalten mit Kastenmasken-Köpfen. Surrealer Karneval im Tagebau der verbrauchten Ressourcen.

260 Werke der Malerei, Grafik, Fotografie, Skulptur, dazu Installationen erzählen von einem ganz und gar nicht linearen Geschichtsverlauf der DDR-Kunst. Anstelle einer chronologischen Aufreihung entschieden die Ausstellungsmacher – Historiker aus West und Ost – sich für Themenkomplexe, die das Spannungsfeld zwischen offiziellen und nonkonformen, geförderten und unerwünschten Bildwelten ausloten und den konzeptionellen Zugriff der Kuratoren deutlich machen, nämlich das in der Kunst aus der DDR gespiegelte Verhältnis zwischen utopischem Anspruch und ernüchternd sozialistischer Wirklichkeit.

„Abschied von Ikarus“ klammert nichts aus, nicht den Politkitsch und das Doktrinäre und nicht die großartigen Trotz-Alledem-Werke, die zur deutschen Kunst der Nachkriegszeit bis 1989 gehören. Die Ausstellung ist gelungen – als Besichtigung einer Ära und ihrer Kunst. Und die verlangt endlich eine faire Neubewertung, 22 Jahre nach der Wiedervereinigung und nach jenem Skandal von 1999, als der deutsch-deutsche Bilderstreit hochgekocht war.

Wir erinnern uns: In der Schau „Aufstieg und Fall der Moderne“ hingen Bildwerke aus DDR-Zeit im einstigen Weimarer Gau-Forum, eine Etage über der NS-Kunst. Bilder an Plastikplanen, eine Inszenierung quasi als Sondermüll, ideologisch kontaminiert als Kunst von Leuten, die der menschenverachtenden Diktatur gedient hätten, unwert somit, bewahrt oder kunsthistorisch anerkannt zu werden. Was damals von den Ausstellungsmachern als großes Missverständnis deklariert wurde, hatte die Künstler im deutschen Osten und auch jene, die aus der DDR weggegangen waren – Penck, Grimmling, Dammbeck, Cornelia Schleime, Via Lewandowsky – ins Mark getroffen. Von „Verfemung“ war die Rede. Nun wagt die Klassik-Stiftung Weimar diesen zweiten Anlauf und erwartet einen sachlichen Diskurs. Eine Stimmung der Neugier und des Wohlwollens durchzog denn auch die internationale Tagung vor der Eröffnung. Aus Europa und Amerika waren Kunsthistoriker angereist, um über diese „Andere Moderne“ in Deutschland, in Europa zu reden. In Dutzenden Vorträgen legten sie dar, wo sie in der Kunst der DDR utopische, subversive, feministische Positionen sehen. Als besonderes Beispiel für die Gender-Forschung dient US-Wissenschaftlern etwa Doris Zieglers Gemälde „Ich bin Du“ von 1988.

Kunst-am-Bau-Pathos

„Abschied von Ikarus“ rekonstruiert und erzählt die Geschichte der „Kunst in der DDR“, von den wenigen, aber unterschiedlichen Kunstzentren Leipzig, Berlin, Dresden, Halle, Karl-Marx Stadt – von den Motiven des antifaschistischen Gründungsmythos, dem ambitionierten Kunst-am-Bau-Pathos, den stalinistischen Doktrinen und der kreativitätszerstörenden Realismus-Formalismus-Debatte über die Popularisierung der Malerei als „Ersatzöffentlichkeit“ seit den Siebzigern bis hin zu Diagnosen des Systemzerfalls in den Achtzigern.
Was für eine Spanne, zwischen Hans Grundigs „Jugenddemonstration“ von 1951, die Fahnen tiefrot, aber noch ausgezehrt und blass die Gesichter, und Lothar Zitzmanns roboterhaft-konstruktivistisch durchs All trudelnden Kosmonauten, sieben Jahre später. Technokratische Utopie. Alles schien erreichbar, welche Illusion, von der sich 1985 Via Lewandowskys bizarr gerasterter „Ikarus oder Übermut tut selten gut“ kategorisch verabschiedet.

Man muss schon völlig borniert sein, will man all das über einen Leisten scheren. Zu jedem Werk gibt es ein Bezugs- oder ein Gegenstück, eins, das die Welt, die Zeit, den Alltag, die Arbeit in der DDR ganz anders sah. Allein die Arbeiterbildnisse: Zwischen Kurt Querners neusachlich-kritischem Realismus und Walter Dötschs idealisierter „Brigade Mamai“ liegen Welten, genauso wie zwischen Werner Petzolds monumental-pathetischem „Turm der Arbeit, 1967, und Norbert Wagenbretts Porträt einer müden Arbeiterin im blauen Kittel vor einer alten Maschine, 1989. Hat diese Frau wohl von Paris oder New York geträumt?

Harald Metzkes „Januskopf“ von 1977 zeigt das deutsch-deutsche Dilemma als Metapher, während Wolfgang Peukers „A.P., geboren 1949“ – der Kopf seiner Frau vorm Brandenburger Tor mit Mauer von 1986 – eine subjektiv-melancholische Tonart hat. Willi Sittes „Chemiearbeiter am Schaltpult“,1968, halb futuristisch, picassohaft, halb in Corinth’schem „Fleisch“-Stil gemalter Geistes-Proletarier der Zukunft wird bei den nächsten Generationen von Malern zu einem pragmatisch-desillusionierten „Jungen Schweißer“ von Volker Stelzmann, einem gestürzten, gehäuteten Ikarus von Mark Lammert, schließlich einem „Mann vor Mauer“ von Klaus Killisch und dem „Mann mit Koffer“ von Trak Wendisch.
Der Exodus. Nicht nur immer mehr Künstler und Intellektuelle verließen in den 1980ern und im Herbst ’98 die DDR, auch junge, gut ausgebildete Facharbeiter. Keine Reformierbarkeit des Systems. Ikarus musste woanders weiterfliegen. Aber wohin?

Weimar, Neues Museum. Bis 3. Februar 2013, Di–So 11–16 Uhr.

Parallel läuft im Angermuseum Erfurt „Tischgespräch mit Luther – Christliche Bilder in einer atheistischen Welt“. Die Geraer Kunstsammlungen zeigen „Schaffens(t)räume“ – Atelierbilder und Künstlermythen in der DDR

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