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„Damenwahl!“ Auflehnung gegen das Korsett

Das Historische Museum Frankfurt thematisiert unter dem Titel „Damenwahl!“ 100 Jahre Frauenwahlrecht.

Reformkleid
Reformkleid, um 1910. Foto: historisches Museum Frankfurt

Adam, Adam Opel bereits traute der Frau mehr zu, die Firma Adam Opel. Im Jahr 1898 zeigte der Konzern aus Rüsselsheim die Frau an der Seite – nein, nicht eines Mannes, sondern eines Fahrrads. Leger gekleidet stand sie da, in Pluderhosen, eine große rote Schleife unter dem Ausschnitt, den Kopf vom Nimbus eines Lorbeerkranzes bekränzt. Opels Fahrradfrau war kein aus der Rippe des Adam gemachtes Geschöpf. Ausdrücklich aber feierte die Werbung die Frau als „Die Siegerin“.

Über was? Über die Männerwelt, eine Welt der Vorurteile, eine Welt systematischer Verweigerung von Gleichheit? Eine Welt der Gewalt? Das ließ die Anzeige offen. Augenscheinlich allerdings, dass die Wirtschaft aufgeschlossener war als die Politik. Und sei es, dass sie die Frau als Wirtschaftsfaktor entdeckte, als Konsumentin. Auf diesem Wege wurde die Fahrradfahrerin zur Vorreiterin der Freiheit – wie es jetzt auch im Historischen Museum Frankfurt nach wenigen Schritten nahegelegt wird. Ebenso unschwer ist zu erkennen, dass die Frauenbewegung der Kaiserzeit nicht nur eine durch und durch politische und politisierte Emanzipationsbewegung war. Vielmehr auch eine Auflehnung gegen das Mieder, mithin gegen eingeschnürte Frauenleiber.

In der Art, wie die Kuratorin Dorothee Linnemann das Korsett zu Beginn inszeniert, begreift sie es als aufschlussreichste Metapher für eine abschnürende Männerwelt. Frauenkleider wie Zwangsjacken – und das Fahrrad als Vehikel, um diese abzustreifen und den Aktionsradius auszudehnen. Bis zu dem Tag, an dem Frauen am 19. Januar 1919 erstmals in Deutschland endlich ihr Wahlrecht wahrnehmen konnten, vergingen noch weitere 21 Jahre; es war eine Emanzipation mit erheblichen Entbehrungen und verlustreichen Erfolgen. Ein politischer Kampf, wie schon die zwei Jahrzehnte zuvor, seit der reichsweiten, der ersten deutschen Frauenkonferenz vom 16. bis 19. Oktober 1865 in Leipzig.

Die Gesetzgebung des Kaiserreichs machte es der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung schon von Rechts wegen schwer, erst das 1908 erlassene Reichsvereinsgesetz erleichterte die politische Betätigung von Frauen, während Prüderie und Doppelmoral das Selbstbewusstsein der Frau weiterhin skandalisierten. Wenn die proletarische Frauenbewegung aus der Erfahrung von Kapitalismus, krassester Ausbeutung und Armut hervorging, opponierte die bürgerliche gegen das Leitbild der abhängigen Ehefrau und deren Benachteiligung in bürgerlichen und akademischen Berufen.

„Wacht auf Ihr deutschen Frauen aller Stände, aller Parteien“, mobilisierte der Verein für das Frauenstimmrecht 1909, die Illustration mit Schweifstern und aufgehender Sonne fiel sehr zeitgemäß aus (allemal besser als die dräuend-apokalyptischen Bilder des Antifeminismus). Die Emanzipation, in England radikaler durchgezogen als in Deutschland, war nicht nur ein Kulturkampf im Kaiserreich. 1897 hielten die Wäscherinnen in Neu Isenburg von April bis Juni ihren Streik durch.

Die Ausstellung wurde auch eingerichtet, um an den vorsätzlich durch die bürgerliche Gesetzgebung herbeigeführten Bildungsnotstand zu erinnern. Oder daran, dass eine feministische Publizistik die vorsätzlich kümmerliche körperliche Selbstbestimmung der Frau anprangerte. Kongresse, auch für dieses Kapitel gibt es eine Vitrine, forderten die politische Teilhabe.

Unübersehbar, wie Frauen zu einer „Meinungsmacht“ in einem frauenfeindlichen Klima aufstiegen. Die Exponate illustrieren das Aufbegehren, darunter Plakate, ein gelbes Suffragettenbanner. Dunkelgrün sind die Vitrinen, Stellwände und Raumteiler - also begleitet vom Englishgreen, einer der Farben der Frauenbewegung, bewegen sich die Besuchenden vorbei an kessen Zeitschriften oder Liebiegs kreuzbravem Haushaltskalender. Frauenleben im Kaiserreich. Ein Pamphlet wie das eines Paul Julius Möbius, „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“, muss nicht erst aufgeschlagen werden, um zu ahnen, wie Frauenverachtung und -hass in den besser ausgestatteten vier Wänden der wilhelminischen Gesellschaft wirkten. Wie Gift.

Audioquellen, Videoquellen, Kleidungsstücke aus erster Hand, Plakatquellen, Printquellen. Mit ihnen verschränkt die Ausstellung mehrere Perspektiven, eine allgemeine sozialgeschichtliche mit der Organisationsgeschichte der Frauenbewegung, eine mentalitätsgeschichtliche mit der Geschichte der führenden Persönlichkeiten, darunter Anita Augspurg. Eine Radikale, was das Eherecht betraf, auch als Friedensaktivistin, radikal auch ihr Kurzhaarschnitt.

Von einem emanzipatorischen Standpunkt aus ist der Titel „Damenwahl“ nicht recht vorteilhaft und aus feministischer Perspektive kaum angebracht. Wie auch immer, die Frauenemanzipation gilt als eine Geschichte der Zivilisierung, doch dass sie es nicht ungebrochen war, macht die Schau anschaulich durch die vehemente Parteinahme von Frauenverbänden und ihrer Protagonistinnen für den vaterländischen „Verteidigungskrieg“ vom August 1914 an, bis zum entsetzlichen Ende. Erschreckend entbehrungsreich der Einsatz von Frauen an der „Heimatfront“, in den Munitionsfabriken, in Männerberufen, in den Lazaretten. Zugleich erinnert die Ausstellung an den Militarismus der wilhelminischen Frauenverbände, deren Einsatz fürs nationale Flottenprogramm sowie den Kolonialismus in Übersee. Welch ein Mut also, sich als Pazifistin zu bekennen, namentlich einer Rosa Luxemburg.

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der Frühgeschichte der Emanzipation und der langen Vorgeschichte bis zum 19. Januar 1919. Auch die Entwicklung während der Weimarer Republik nimmt einen breiten Raum ein, neben der Veränderung der Geschlechterrolle vor allem die Verbesserung der Lebensrealität durch eine veränderte Rechtsprechung als Folge einer gerechteren Verfassungsrealität.

Am 19. Februar 1919 sprach die Sozialdemokratin Marie Juchacz in der Nationalversammlung. Statt Dankbarkeit zu formulieren, erinnerte die Rednerin an das Unrecht, das Frauen durch die verweigerte Gleichberechtigung bisher hatten hinnehmen müssen. Auch dies ein Dokument, das sich Besuchende durch eine Ohrmuschel vergegenwärtigen können, nicht im O-Ton, wie bei einer weiteren Rede, im Mai 1928, als Juchacz die Frau als „vollberechtigten Staatsbürger“ heraushebt. Nicht zuletzt in der Nachkriegsgesellschaft von Weimar darauf aufmerksam macht, dass sich mehr Frauen im „wahlfähigen Alter als Männer“ befänden.

Auch deswegen veranschaulicht die anschließende Station, „Frauen gegen den Nationalsozialismus“, nur die halbe historische Wahrheit angesichts der weiblichen Wählermassen. Ohne die libidinöse Anbetung der Führergestalt ist der Erfolg des Nationalsozialismus nicht zu erklären – auf diesen Aspekt, als wäre nicht Sexualität ein zentrales Thema der Frauenemanzipation gewesen, lässt sich die Ausstellung gar nicht erst ein. Auch der Katalog ignoriert die Vermagdung der Frau durch den Nationalsozialismus doch erheblich, während die Ausstellung, neben der gewaltsamen Auflösung der Vereine und Verbände, deren gleichzeitige Gleichschaltung anspricht. Die demokratische und sozialistische Frauenbewegung wurde verfolgt, zerstört, exiliert. Zur Ambivalenz einer so ambivalenten Figur wie der Frauenrechtlerin und ersten Ministerialrätin im Reichsinnenministerium, Gertrud Bäumer, gehört, dass sie 1933 eine Verfolgte des Naziregimes war, die sich gleichwohl der Nazi-Ideologie nicht verschloss.

Im Lichtkegel von Schreibtischlampen zeigt sich wie in einer Verhörsituation das Schicksal der Verfolgten, der Vertriebenen, der Entkommenen – der verschleppten und ermordeten Johanna Tesch. Die Kurzbiografien in der Ausstellung würdigen Kämpferinnen sehr unterschiedlicher Couleur, Sozialistinnen wie Rosa Luxemburg oder Clara Zetkin, bürgerliche Streiterinnen wie Helene Lange oder feministische Theoretikerinnen wie Hedwig Dohm.

Unbedingt schlüssig, dass diese erste Wechselausstellung im neuen Haus die Frankfurter Frauenbewegungstradition anschaulich macht, von Bertha von Pappenheim bis Elisabeth Schwarzhaupt, besonders nachdrücklich an Tony (Toni) Sender erinnert, geboren in einem jüdisch-orthodoxen Elternhaus. Mit 22 Jahren tritt sie 1910 in die SPD ein, sieben Jahre später, empört über die Zustimmung der Partei zu den Kriegskrediten, gehört sie zu den Gründungsmitgliedern der USPD. Toni Sender ist als Expertin für Außenpolitik und Wirtschaftsfragen von 1920 bis 1933 Reichstagsabgeordnete – im Visier der Nazis auch als Journalistin. Noch im März 33 rettet sie sich in die USA – um schließlich in der UN-Menschenrechtskommission sich für die Rechtsstellung der Frau zu engagieren. Sidonie Sender, 1888 geboren in Biebrich, stirbt 1964 in New York.

Die Frauenemanzipation ist bei allen bösen, auch selbstverschuldeten Rückschlägen, darunter der Mobilisierung für das „Vaterland“ und einen vernichtenden Krieg, eine Geschichte der Zivilisierung der Gesellschaft. So führt der Parcours aus den abgedunkelten Ausstellungsanfängen über die zum Teil eng verwinkelten Kabinette in einen hell gestalteten Raum – damit ist dann die unmittelbare Gegenwart der Bundesrepublik erreicht. Arbeitsplatte Videoschirm und Intervieweinspielungen erklären die Frauensache zu einem unvollendeten Projekt der Moderne.

Wenn in der Ausstellung Kleidungsstücke, immer wieder Kleidungsstücke gezeigt werden, das lange (bequeme) Reformkleid von 1910 oder das schwarze (repräsentative) Barrett, das 1945 zur Anwaltsrobe von Elisabeth Selbert gehörte, dann geht es um weit mehr als um Modisches. Sehr konsequent. Weniger konsequent, wenn der Internationalismus der Frauenbewegung, während der ersten Ausstellungsstationen unübersehbar, sich zunehmend verliert, mit der rechtlichen und politischen Etablierung während der Weimarer Republik vollständig.

Dass die Frauenemanzipation eine Geschichte der Modernisierung durch Mobilisierung gewesen ist, macht sie von Anfang an anschaulich. Dass sie das nicht allein auf politischem Gebiet war, sondern auch eine mentale, zeigt bereits die Bewegung „Ab aufs Rad“. Schon im Jahr 1900 schrieb die Protagonistin der nordamerikanischen Frauenbewegung, Susan B. Armstrong, dass das Fahrrad die Frauen „mehr emanzipiert“ habe „als alles andere auf der Welt. Es gab ihnen ein Gefühl der Freiheit und der Selbstständigkeit.“

Wie auch immer man zu der Einsicht stehen mag, dass auch dieses Rad Geschichte geschrieben hat – im Anschluss an die Promenade durch diese Ausstellung ist unabweisbar, dass vor allem Frauen Geschichte gemacht haben. Man darf das für eine List der Geschichte halten, sowie eine Ironie der Gleichstellung.

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