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Cranach in Düsseldorf Lichte Einfälle für düstere Motive

Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf würdigt den Meister Lucas Cranach als Vorbild für Künstler der Moderne.

Christus und die Ehebrecherin, um 1520.
Christus und die Ehebrecherin, um 1520. Foto: Museum of Fine Arts Budapest, 2016, Dénes Józsa

Als Lucas Cranach nach Wittenberg in Sachsen kam, lag die kleine Residenzstadt noch am Rand der Zivilisation. Das fand jedenfalls der Augustinermönch Martin Luther, und vielleicht lockte ja gerade die nahe Wildnis den in Wien zu einiger Berühmtheit gelangten Maler an den entlegenen Hof des Kurfürsten Friedrich. Warum sich der fromme Herrscher ausgerechnet in den Schöpfer derber Kreuzigungsszenen und graziler Schönheiten verguckte, ist sein sein Geheimnis geblieben.
Aber seine Entscheidung hatte historische Folgen: Cranach blieb für fast fünf Jahrzehnte in Wittenberg, stieg dort zum Meister einer ob ihrer Produktivität in ganz Europa bestaunten Werkstatt auf und trug später entscheidend dazu bei, die Kunde Luthers zu verbreiten.

Es liegt also nahe, im Jubiläumsjahr der 1517 eingeläuteten Reformation auch Cranach ausgiebig zu feiern; wobei man mit ein wenig ketzerischer Gesinnung durchaus fragen könnte, wessen Kirche eigentlich die vollere ist. Während die Menschen für Cranachs genialische Bilder blutrünstiger oder wenigstens nackter Schönheiten begierig Schlange stehen, predigen Luthers Nachfolger zusehends vor leeren Bänken.

Warum das so ist, wird einem auch in der Cranach-Ausstellung im Düsseldorfer Museum Kunstpalast schlagend vorgeführt: Die protestantischen Bilder des sanften, Kinder segnenden und Ehebrecherinnen beschützenden Jesus mögen inhaltlich revolutionär gewesen sein; doch pulsiert in ihnen eindeutig weniger malerisches Herzblut als in den thematisch braveren Gemälden, die sich seine katholische Kunden an die Wände hängten.

Sicher: Cranach landete für Luther manchen schönen Propaganda-Coup, etwa als er den von vielen Deutschen tot geglaubten Reformator als „Junker Jörg“ porträtierte und so die Nachricht verbreitete: Luther lebt. Aber mit politisch gezügeltem Temperament war Cranach künstlerisch oft nur noch die Hälfte wert. Das sahen nicht nur seine Zeitgenossen so, sondern auch die modernen Maler, die viel lieber Cranachs Überschwang zitierten als das Werk seines vergleichsweise steifen (und einschüchternd talentierten) Zeitgenossen Albrecht Dürer. Pablo Picasso fand in Cranachs beinahe schon romantischem Genie jedenfalls Inspiration und Bestätigung – neben seiner „Kopie“ von Cranachs „Venus und Cupido“ bezeugt dies im Museum Kunstpalast auch eine ganze Serie von Lithographien.

Gemeinsam mit Picasso rechtfertigen Otto Dix und ein paar jüngere Künstler, dass im Untertitel der Düsseldorfer Schau auf die Stichworte „Meister“ und „Marke“ noch die „Moderne“ folgt. So richtig bewiesen ist die behauptete Aktualität des alten Meisters damit allerdings nicht – wie man ohnehin sagen muss, dass die thematischen Kapitel der Ausstellung weniger vollwertige Mahlzeiten als Appetitanreger sind.

Gerne hätte man mehr über Cranachs Frühzeit, die Arbeit seiner schier unermüdlichen Werkstatt und die damit verbundene Problematik der korrekten Zuschreibung von Cranach-Werken erfahren. Wobei das wohl nicht die Themen sind, die man im Ausstellungsgeschäft als „sichere Bank“ bezeichnen würde.

Eine sichere Bank ist dagegen Cranachs Genie, das die schönsten Einfälle oft für die düstersten Motive reserviert. Wenn Herodes den abgeschlagenen Kopf des Täufers serviert bekommt, scheint seine abwehrende Geste zu sagen „Danke, ich bin satt.“ Ein frisch erschlagener Löwe haucht seinen letzten Atem mit rechtschaffener Empörung aus, und im Paradies hat die herrliche Schlange leichtes Spiel, weil sich Adam und Eva miteinander etwas zu langweilen scheinen. Vielleicht zog Cranach die modernen Maler auch deswegen so sehr an, weil seine menschlichen Typen nicht unbedingt menschenfreundlich wirken.

Dass seine Frauen alle irgendwie gleich aussehen, hat sicherlich vor allem praktische Gründe. Aber wenn man jetzt in Düsseldorf in einer braven Dame die mörderische Judith wiedererkennt, fragt man sich schon, wie christlich die darin enthaltene Botschaft ist.

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