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Carsten Nicolai Physik wird Poesie

Carsten Nicolais Installation „tele“ spielt in der Berlinischen Galerie mit Einsteins Quantenverschränkung.

Es spukt in der Berlinischen Galerie. Jedenfalls glaube ich das naiverweise für den ersten Moment. Oder ich will es glauben, weil ich mir, in Ermangelung solider und nüchterner technischer Kenntnisse, nicht erklären kann, was doch eindeutig zu sehen ist: Lautlos schicken zwei fast 20 Meter voneinander entfernte Spiegelaufbauten gelbe Strahlen hin und her, die den dunklen Raum markieren wie gespannte Seile, auf denen die Fantasie tanzt.

Auf der immateriellen Lichtstraße in der dunklen Halle blitzt und funkelt es alle paar Zentimeter. Lichtstrahlen treffen auf Fotozellen, deren Impulse wiederum die Strahlen neu auslösen. Das sorgt für Magie. Man schaut einem sich selbst reproduzierenden System zu, das ständig Kommunikation erzeugt. Das immaterielle Licht durchmisst und definiert den abgedunkelten Raum. Die elektromagnetischen Wellen breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit aus. Unser Auge nimmt dies als beständigen, geraden Strahl wahr. Die ganze Erscheinung wird zur Skulptur im dunklen Raum.

Aber unsere menschliche Wahrnehmung muss dieses physikalische Phänomen zunächst einfach für Spuk halten, denn mit Albert Einsteins „Besonderheiten der Quantenverschränkung“ ist man als Museumsbesucher ja normalerweise nicht präpariert. Und immerhin hatte auch der geniale Relativitätstheoretiker seine Entdeckung einst liebevoll als „spukhafte Fernwirkung“ bezeichnet.

Beim Betrachten der Welt steht diese für unser menschliches Auge auf dem Kopf; erst das Gehirn rückt sie wieder zurecht. Aus einfachen optischen Phänomenen ergeben sich große philosophische Fragen: Was eigentlich sehen wir? Ist es wirklich? Spiegelt uns unser Gehirn vielleicht nur etwas vor?

Hier setzt Carsten Nicolai mit großer Neugier auf neuronale Fragestellungen und weckt zugleich die Lust am Spekulativen, an der Irritation, am Irrationalen, an einer Grenzüberschreitung hin zum Mystischen.

Der, wie sein drei Jahre älterer Bruder, der Konzeptkünstler Olaf Nicolai, aus dem einstigen Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) stammende Experimentator arbeitet an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft. Genauso wie sein berühmter isländisch-dänischer Kollege Olafur Eliasson. Von diesen beiden heißt es, sie seien suchende, forschende, spielende Bild-Künstler zwischen Vorbildern wie der Comic-Figur Daniel Düsentrieb und dem Visionär Buckminster Fuller.

Carsten Nicolai, 52, studierter Landschaftsarchitekt, ist im zweiten Künstlerleben auch als elektronischer Musiker namens Alva Noto bekannt. Die Musik des Labelgründers klingt durchaus nach John Cage, mit Beats, die bisweilen von sanften zu derb-knarzenden Geräuschen reichen.

Und das Oszillierende ist seine Sache auch bei Installationen wie „tele“. Er versetzt das Publikum in einen realen und doch zugleich imaginierten Raum, anscheinend spielend. Welche aufwendig-akribische Berechnung und raffiniert-perfektionistische Arbeit in der kargen Installation stecken mag, das enthält Nicolai uns Betrachtern zugunsten des magischen Moments vor. Ihm geht es allein um die tatsächliche „spukhafte Fernwirkung“, dieses Einsteinsche Phänomen, bei dem sich zwei räumlich getrennte Quanteneinheiten in einem gemeinsamen Zustand befinden, zwei Teilchen derart miteinander verbunden sind, dass Veränderungen sich unverzögert auf den Zustand des anderen auswirken.

Nicolai macht quasi telepathische Verbindungen „sichtbar“, überträgt logische Naturgesetze auf unsere menschliche Wahrnehmung, die auch liebend gern dem Mystischen zugeneigt ist. Und dies tut der Konzeptualist, Bildhauer, Musiker – und Hochschullehrer in Dresden – wissenschaftlich abgesichert: Er baute für die Vorführung dieses Licht-Prozesses „archimedische Körper“. Diese Aufbauten zählen zur Klasse von regelmäßigen geometrischen Körpern – konvexen Polyedern, benannt nach dem antiken Mathematiker Archimedes.

Das Natur-Phänomen Licht dient Carsten Nicolai als Bildstoff und Bildmaterial mit schier unerschöpflichen Facetten. Was im Museums-Raum und was in unseren Köpfen geschieht, wird eins. Und das stellt unseren Sinnesapparat auf die Probe. Physik wird Kunst. Naturwissenschaft erleuchtet. Wird sogar Poesie.

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