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„Bling Bling Baby!“ Gefangene des Scheins

Eine Schau zur internationalen Protzkultur und zum Medienterror der Islamisten: „Bling Bling Baby!“ hätte die Ausstellung der Stunde werden können, ist jedoch mehr Ausdruck denn Reflexion der Zeit.

Wilma in Hot Tub, aus der Serie „Twin Palms“. Foto: Matt Henry

Auch die Macher der Düsseldorfer Ausstellung „Bling Bling Baby!“ wurden offenbar vom Ausgang der US-Präsidentschaftswahl überrascht, denn sonst hätten sie sich den Blick hinter die Kulissen des Trump-Towers kaum entgehen lassen. Hier regiert der prahlerische Luxus barocker Kronleuchter und antiker Marmorsäulen, und weil Donald Trumps Zuhause gerade das Weiße Haus ersetzt, wüsste man schon gerne, was diese vergoldete Welt des falschen Scheins eigentlich zusammenhält.

Aus „Bling Bling Baby!“ hätte durchaus die Ausstellung der Stunde werden können: Eine Schau zur Promi- und Protzkultur in einer Welt, in der die Reichen immer reicher und die Verteilungskämpfe in den unteren Einkommensschichten zusehends härter werden. Allerdings hätte es dafür aufseiten der Kuratoren das soziale Bewusstsein gebraucht, das offenbar auch den meisten im NRW-Forum ausgestellten Fotografen fehlt. Insofern ist die Ausstellung vielleicht mehr Ausdruck denn Reflexion der Zeit.

Im NRW-Forum soll vor allem alles schön bunt sein. Es geht um den anhaltenden Flirt der Fotografie mit Kitsch, Glitzer und Prunk, durchaus mit Blick auf die Brüche, die sich dabei beinahe automatisch ergeben, aber ohne eine Idee, wie man das Sammelsurium quietschbunter Bilder zum Sprechen bringen könnte. Auch die Lust am Überfluss wirkte schon mal ansteckender: Neben Pionieren wie David LaChapelle und Pierre et Gilles sehen Esther Haases in Bonbonfarben posierende Models etwas ermattet und das von David Drebin inszenierte Nachtleben der Superreichen eher trostlos aus; ob es daran liegt, dass erstere ihre Ideen aus einer lebendigen schwulen Subkultur schöpften, während letztere nur noch den Markt hochglänzender Bilder bedienen?

Mit dem Kitsch, den sich der sprichwörtliche kleine Bürger an die Wand hängt oder ins Regal stellt, hat das alles nicht mehr viel zu tun – und auch nicht mit den Aufstiegsfantasien schwarzer Rapper, von denen sich die Ausstellung ihren Titel leiht. Kleinbürger-Kitsch und Hip-Hop-Prunk sind ähnlich geschmacklos, aber dabei auch auf bewegende Weise ehrlich. Beide Phänomene kommen in der Ausstellung leider nicht über Alibifunktionen hinaus: Mike Schreiber zeigt ein paar Rapper in Schwarz-weiß und der Starfotograf Martin Schoeller einen in Eitelkeit – oder eitler Selbstironie? – badenden Sean Combs. Und das war es dann auch schon.

Es gibt einige Fotografen in der Ausstellung, die zeigen, wie in den Bildern etwas kippt, wie der zur Schau gestellte Reichtum grotesk oder unwirklich wird. Aber auch dieses Bewusstsein bleibt in den engen Grenzen der Mode- und Hochglanzfotografie gefangen. Selbst dort, wo hinter dem schönen Schein der Abgrund gähnt, scheint sich niemand zu fragen, woran sich die Menschen in dieser üppig möblierten Leere festhalten.

Die Protzkultur ist längst ein globales Phänomen, was die Ausstellung zwar nicht besser macht, aber den Besucher immerhin zu einigen schönen regionalen Einfärbungen der Bling-Bling-Ästhetik führt. Bei Hassan Hajjaj, laut Wikipedia der „marokkanische Andy Warhol“, haben die Aufschneiderposen dank ihrer ärmlich-grellbunten Überzeichnung jedenfalls etwas geradezu Befreiendes.

Ein Stockwerk höher zeigt das NRW-Forum mit Simon Menners „Terror Komplex“ das Kontrastprogramm: Der Berliner Künstler untersucht die Medienstrategien islamistischer Terrorgruppen und führt deren extrem professionelle Arbeit in einer um explizite Gräuelbilder bereinigten, aber immer noch ausreichend gespenstischen Ausstellung vor.

Auf einer riesigen Bilderwand zeigt Menner mit Gegenüberstellungen, dass sich IS und Al Quaida freimütig bei westlichen Vorbildern – von Rambo bis CNN – bedienen und ihren Propagandafeldzug mit modernster Technik führen. Sie senden aus Nachrichtenstudios und statten ihre Scharfschützen in Ego-Shooter-Manier mit Körperkameras aus; für eine Bildertapete sammelte Menner Standbilder, die Opfer der IS-Mörder kurz vor dem Einschlag des tödlichen Projektils zeigen. Bei der Gewalt kennen die Islamisten keine Grenzen, beim Abbilden von Frauen schon: Angela Merkel taucht in deren PR-Videos ausschließlich verpixelt auf.

Es ist eine Ausstellung, die einem einfachen Motto folgt: Kenne deinen Feind. Was umso wichtiger ist, weil dieser Feind uns ganz genau studiert zu haben scheint.

„Bling Bling Baby!“ und „Simon Menner: Terror Komplex“ im NRW-Forum, Düsseldorf: bis 15. Januar. Der Katalog zu „Bling Bling Baby!“ ist bei Hatje Cantz erschienen und kostet 58 Euro.

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