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Biennale 2017 Bunte Kunst in Venedig

Die 57. Biennale wartet mit banalen Lösungsangeboten für eine bessere Welt auf. Es gibt aber auch originelle Lichtblicke.

57. Kunstbiennale Venedig - Deutscher Pavillon
Den Hauptraum im Deutschen Pavillon bespielt der Frankfurter Shooting Star Anne Imhof mit dem fünfstündigen Gesamtkunstwerk „Faust“. Foto: dpa

Schon mal ein Tänzchen mit leibhaftigen Huni-Kuin-Indianern aus dem Amazonasgebiet gewagt? Die 57. Biennale von Venedig macht es möglich, wobei die Polonaise nicht jedermanns Sache zu sein scheint. Die Gefolgschaft der quer durch die Giardini fröhlich jauchzenden Menschenschlange sieht verdächtig nach einer Crowd von unverbesserlichen Alt-und Neuhippies aus. Verbrochen hat die Retro-Peinlichkeit Ernesto Neto. Die Spezialität des Brasilianers sind organisch strukturierte Höhlen aus dehnbarem Polyamid. Wer sie begeht, ist zu weiteren Aktivitäten aufgerufen, wobei Yoga und Meditation zu den erwünschteren Handlungen gehören. Aber was hat die Besucherbespaßung, die laut Eigenbeschreibung Zivilisationskrankheiten soll, hier zu suchen?

Christine Macel, die 1969 geborene Leiterin der Biennale, registriert in Zeiten von Rechtspopulismus, Terror, Europazweifel und Vernunftmüdigkeit ein Bedürfnis nach mehr Spiritualität und Weltanschauung. Unter letzterer versteht die Chefkuratorin am Pariser Centre Pompidou nicht etwa das nationalistische Revival, sondern Buddhismus, Sufismus, Schamanismus und was es noch so im Baukasten der esoterisch angehauchten Zeitgenossen gibt. Eine beinahe religiöse Sicht scheint sie auch auf den Zweck der Kunst zu haben. In deren Schutzraum könnten Utopien gedeihen, die der kapitalistische Pragmatismus nicht zulasse. Sie sei gleichzeitig ein Katalysator, der den Menschen alternative Erfahrungswelten anbiete.

Bloß nicht den Lebensmut verlieren also, die Kunst hilft, schreit es deshalb in Macels Hauptausstellung „Viva Arte Viva“ auf Schritt und Tritt. Unterteilt ist der Parcours in Sub-Pavillons, womit sie zu den Länderpavillons zum ersten Mal eine konkurrierende Nebenspur legt. Thematisch wird das Verhältnis der Künstler zur Muße angetippt, ihre Lektürevorlieben, Ängste und Quellen der Kreativität, oder die Funktion von archaischen Ritualen für die Herausbildung einer besonderen Sensibilität. Nietzsche trifft Freud trifft Pasolini? Zumindest wähnt man sich in einer Zeitmaschine zurück in das Jahrzehnt, in dem Macel geboren wurde. Und tatsächlich scheint der überwiegende Teil der Werke im Arsenale dem Gebot einer stimmungsaufhellenden Therapiestunde zu gehorchen. Postinternetkunst und andere aktuelle Strömungen sucht man jedenfalls vergeblich.

Kam man bei der letzten von Okwui Enwezor kuratierten, dezidiert politischen Biennale nicht umhin, sich mit der elenden Krisenlast des Planeten auseinanderzusetzen und dabei trotzdem über jede Menge hochpreisige Marktkunst von Baselitz bis Gursky zu stolpern, muss man diesmal auf die hohe Frequenz weiblicher Namen aus aller Herren Länder mitunter zweimal schauen. Rina Banarjee aus Indien entführt mit ihren fantasievoll gebastelten Pflanzenskulpturen in eine psychedelische Dschungelwelt. Huguette Caland aus dem Libanon zeichnet mit wenigen Linien erotisch-humorvolle Körperwelten und Teresa Lanceta aus Spanien schmeichelt dem Auge mit farbig kraftvollen Wandteppichen, die als Reaktion des stillen Widerstands auf die Diktatur von General Franco entstanden sind. Selbst Franz Erhard Walther fügt sich hier mit seinen ockerfarbenen Stoffskulpturen geschmeidig ins Konzept.

Überhaupt kann man sich vor gewebten, gestrickten, geflochtenen, genähten, gehäkelten und gesponnenen Werken kaum retten. Als Königin dieser Disziplin, die aufs Handgemachte setzt, erweist sich die US-Amerikanerin Sheila Hicks. Sie türmt ihre knallbunten Riesensteine bis zur Decke und hat damit die Aufmerksamkeitsökonomie der aktivierten Smartphones auf ihrer Seite. Ein anderer Schwerpunkt feiert die wohltuenden Kräfte der Natur. Für den Franzosen Michel Blazy besteht die Lösung des tickenden Umweltproblems darin, Turnschuhe zu Blumentöpfen umzufunktionieren. Der Japaner Shimabuku verfährt ähnlich mit dem MacBook Air. Statt ein Fenster in die digitale Welt zu öffnen, soll die geschärfte Deckelseite des Geräts als Äpfel schneidendes Beil dienen. Und Marcos Avila Forero demonstriert in seinem Video, wie Afro-Kolumbianer in dem Fluss Atrato ein dankbares Perkussionsinstrument entdecken.

So einfach oder banal geraten die Lösungsangebote für eine bessere Welt, wenn Künstler am Werk sind. Die sind es aber, denen Macel nun mal den roten Teppich ausrollt. Zum Glück. Denn trotz all der längst ausgesponnenen Ideen, die in der Hauptschau unkontrolliert flottieren, gibt es durchaus originelle Lichtblicke. Wenn sich etwa der in Pariser Vororten aufgewachsene Kader Attia auf seine arabischen Wurzeln besinnt und den weniger Informierten den Kosmos der orientalischen Musiktradition mit ihren exponierten Sängerinnen vorstellt. In Schaukästen mit akademischer Literatur, Fotos und Konzertmitschnitten, aber auch mittendrin auf einer imaginären Agora. Die hier erklingenden ausdrucksstarken Stimmen dienen als elektromagnetische Impulsgeber für Couscousballette, die sich je nach der Tiefe und Höhe der Töne zu wunderschönen Mustern gruppieren.

Voll ins Schwarze von Macels gegenweltlichem Angebot trifft der italienische Pavillon, der sich unter dem Motto „Il mondo magico“ diesmal auf drei Positionen beschränkt Die in geheimnisvolle Düsternis getauchte Architektur profitiert von einer dem Theater abgeschauten Inszenierung. Roberto Cuoghi zieht am meisten in Bann. Er entführt in eine imaginäre Fabrik, in der Figuren mit dem Gesicht von Christus hergestellt werden. Trotzdem hat man den Eindruck, in das Schlauchsystem eines Dr. Frankenstein geraten zu sein, liegen doch die lebensgroßen Lehmkörper in von dünnen Folien verdeckten Zellen, die auf Menschenversuche schließen lassen.

Eine andere Endzeitwelt entwirft Gal Weinstein im israelischen Pavillon. „Sonne steht still“ heißt sie und besteht aus Räumen, in denen der Schimmel ganze Arbeit geleistet hat – was nicht heißt, dass die Wandpanoramen nicht abstrakt malerische Qualitäten hätten. Unkontrollierbare organische Prozesse sind hier ebenso im Gange wie ein Mensch, der sich in seiner Aktivität zurückzieht und das, obwohl er zuvor aus metallischer Wolle, Filz und Kissenfüllungen überdimensionale Skulpturen geschaffen hat, die sich auf den geruchsintensiven Stockwerken drängen. Weinsteins Allegorie auf die israelische Geschichte liest sich wie eine melancholische Abrechnung mit einem Land, das bis heute zwischen wundersamen Leistungen und drohendem Crash oszilliert.

Bei so viel Fluchtbewegungen aus dem Hier und Jetzt ist man für seine schmerzhafte Präsenz im deutschen Pavillon mehr als dankbar. Selten erwies sich die Kategorie Shooting Star als so treffend wie im Fall der Frankfurterin Anne Imhof. Gerade mal fünf Jahre seit ihrem Abschluss an der Städelschule haben der 38-jährigem Performerin gereicht, um sich in den Olymp des globalen Kunstbetriebs zu katapultieren. Ihr von Susanne Pfeffer kuratierter Auftritt in Venedig, das fünfstündige Gesamtkunstwerk „Faust“, legt in lebenden Tableaus unzählige Deutungsfährten vor, von dem Diktat der Körperoptimierung über den wachsenden Wunsch nach Abschottung bis zur Flüchtlingskrise.

Ein Panzerglasboden trennt die Akteure voneinander. Es sind junge, blasse, Sportswear tragende Frauen und Männer, die ihren Körper bis in die kleinste einstudierte Geste beherrschen. Sie stellen sich wie Laborratten zur Schau und spielen erniedrigende Machtspiele. Sie singen traurige Lieder, legen Feuer und löschen es mit Feuerwehrschläuchen. Die Besucher betrachten das mitunter brutale Geschehen wie im Zoo aus sicherer Distanz und doch auch in der Rolle des unfreiwilligen Mitspielers.

Das Gebäude umspannen Gitter und Trennwände, damit die, die drin sind, ihr brüchiges Sicherheitsgefühl nicht verlieren. Die zwei eingezäunten Dobermänner vor dem Eingang verheißen dennoch nichts Gutes für diese ungleiche Gemeinschaft. In ihr regiert die Faust und die faustische Sehnsucht nach Selbstüberhöhung, die sich in dem von den Nazis 1938 umgestalteten Haus nur noch wie ein hyperrealistischer Weckruf für unsere polarisierte Gesellschaft dechiffrieren lässt. Es bleibt aber nicht nur beim Abgesang. In aufblitzenden Momenten drängen sich Andeutungen von Rebellion auf. Die schlagende Faust reckt sich dann zum geballten Widerstandssymbol. Die Jugend forscht und schlägt mit schmerzhafter Diagnostik zurück. Ein sicherer Kandidat für den Goldenen Löwen.

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