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Berliner Kupferstichkabinett Das Handy-Foto von 1860

Die Ausstellung „Romantik und Moderne“ in Berlin widmet sich dem Kleinformat. Der scheidende Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts, Hein-Thomas Schulze Altcappenberg, lässt es bei der Gelegenheit noch mal richtig krachen.

Eduard Hildebrandt: Japanische Küste mit dem Fuji-Yama, 1863. Foto: bpk / Kupferstichkabinett, SMB

Ein blauer Pinselstrich, etwas versetzt über einem weiteren in Grau, sonst nichts. War der Romantiker Carl Blechen insgeheim ein abstrakter Maler, der Kunstgeschichte um 90 Jahre voraus? Das könnte meinen, wer einige von Blechens kleinen Wolkenminiaturen auf Papier sieht, entstanden um 1829, die derzeit in Berlin zu sehen sind. In ihnen löste sich der für seine dramatisch übersteigerten Landschaftsbilder berühmte Maler vollständig von der Erde, richtete die Perspektive stattdessen in den Himmel und schuf so auf dem Papier abstrakte Farbgebilde, die mal zu explodieren scheinen, mal gelassen ruhen.

Dass die Moderne im Kleinformat zur Welt kam, hat gute Gründe. Große Umbrüche kündigen sich en miniature an, das ist in der Kunst nicht anders als in der Politik. Echte Vorboten des Kommenden sind meist in kleinen Zeichnungen und Aquarellen zu finden, nicht in großen Ölgemälden, die schon allein des größeren Aufwands (und der Kosten) wegen zum Gediegenen drängen, zu einem Statement, das den Maler repräsentiert. In den kleinen Werken ist der Künstler mutiger, experimentierfreudiger, spielerischer. Der Betrachter muss zwar genauer hinsehen, dafür ist die Sensation oft umso überwältigender.

In seiner letzten großen Ausstellung hat es der langjährige Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts Hein-Thomas Schulze Altcappenberg noch mal richtig krachen lassen, bevor er im Mai nächsten Jahres in den Ruhestand geht. Für die Schau „Romantik und Moderne“ am Berliner Kulturforum hat er aus den 50 000 Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert, die das Kupferstichkabinett besitzt, 116 Werke gewählt, die die Vorteile der Gattung besonders deutlich machen.

Neben der seismographischen Empfindlichkeit für die Tendenzen der Zeit zählt dazu schlicht die Leichtigkeit der Utensilien. Die Zeichnung ist das Handyfoto des 19. Jahrhunderts. Mit kleinem Aquarellkasten und Skizzenblock begibt sich der Berliner Maler Eduard Hildebrandt im Auftrag Friedrich Wilhelm IV. 1862 auf Weltreise und kehrt zwei Jahre später mit 282 Aquarellen zurück. Zum ersten Mal seit ihrer Erstausstellung im 19. Jahrhundert sind sie wieder zu sehen, in einer Auswahl von 18 Blättern. Hildebrandts Bilder galten lange als kunsthistorisch unbedeutend und wurde als reine Ethnografika eingelagert.

Aber für den heutigen Betrachter, geprägt durch die Geschichte der Fotografie und der fotorealistischen Malerei, bieten die kleinen Aquarelle und Gouachen aus Kairo, Bombay, Ceylon oder Peking eine faszinierende Sicht: Die minutiös auf Vorzeichnungen aus Bleistift verwendeten Aquarellfarben schaffen eine Farbintensität, die es mit digitalen Hollywoodproduktionen aufnehmen können. Hildebrandt ist ein Meister der Physiognomien tropischer Lüfte: die schon am Morgen stickige Luft über dem Ganges, die einzigartigen Lichtreflexe im Dunst der Küste von Birma oder die wassergesättigte Luft in einem tropischen Monsunregen – das ist Cinemascope auf 30 Zentimetern Kantenlänge.

Im künstlerischen Rang seit jeher unbestritten ist Adolph Menzel. Von ihm sind in der Ausstellung rund zwanzig Werke aus dem Kinderalbum „Der Onkel den Kindern“ sowie die virtuosen „Bleistiftgemälde“ zu sehen, in denen er mit dem Stift die Grenze zwischen Kontur und Fläche auflöst. „Kinderalbum“ – das hört sich nach naiver Erbauung an. Aber der Zyklus, an dem Menzel Blatt für Blatt, beginnend 1863 über zwanzig Jahre hinweg, jeweils zum Geburtstag seiner Nichte Gretel und seinem Neffen Otto arbeitete, ist in Wahrheit eine komplexe und gewitzte Auseinandersetzung mit den Konditionen des Seins und den Möglichkeiten der Kunst.

In dem kleinen Aquarell „Haus im Abbruch“ fallen noch Ziegelsteine zu Boden, obwohl die Arbeiter Hacke und Hammer längst auf einer Mauer abgelegt haben. „Mal sehen, ob die Kinder das entdecken“, wird sich Menzel gefragt und ihnen das Rätsel der rieselnden Steine so erklärt haben: „Ich bin es und die Kunst, die die Steine weiter fallen lassen können, wenn die Arbeiter längst Pause machen.“

Einen weiteren Höhepunkt der Zeichnung auf dem langen Weg in die Moderne bilden drei kleine Werke Vincent van Goghs: „Felder mit Garben“, „Ernte in der Provence“ und „Brandung“. Zwar existieren zu van Goghs Rohrfederarbeiten Gegenstücke in Öl, aber die Zeichnungen sind alles andere als Vorstadien. Van Gogh übersetzte vielmehr, wie die Co-Kuratorin Anna Marie Pfäfflin im Katalog eindrucksvoll zeigt, gemalte Landschaftsdarstellungen in Zeichnungen und diese wieder in Gemälde zurück. Erst bei dieser wiederholten Übertragung von einem Medium ins andere destillieren sich die Grundstrukturen der Landschaft in der für van Gogh typischen Weise als System von Schraffuren, Strichen, Feldern von Punkten und Wirbeln heraus. Pfäfflin spricht gar von einer „Überwindung der Malerei“.

Dank der so gewonnenen Abstrahierung sehen wir plötzlich auf van Goghs gezeichnetem Seestück die Brandung als zotteliges Fell eines gleichmäßig atmenden Tieres mit Namen Meer. Ungerührt ziehen die Fischer darüber hin.

Kupferstichkabinett, Sonderausstellungshalle im Berliner Kulturforum: bis 15. Januar. www.smb.museum

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