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Berliner Festspiele Erde, Wasser, Feuer, Luft

Ihr eigener Körper und die Elemente: Ana Mendietas Filme „Covered in Time and History“ im Martin-Gropius-Bau.

Ana Mendieta: „Sweating Blood“
Ana Mendieta: „Sweating Blood“, 1973.

Ohne dem derzeitigen Überwältigungs-Guru des Mediums Videoperformance, Bill Viola, den Ruhm abzusprechen: Neben den farbigen Super-8-Körperaktionen der gebürtigen Kubanerin Ana Mendieta (1948–1985) aus den Siebzigern nimmt sich seine bombastische, psychedelische Erde-Feuer-Wasser-Luft-Inszeniererei aus wie Wellness-Kunst.

Mendieta zeigt sich als Filmerin und Performerin als starke, in ihrer zum damaligen Zeitgeist quer laufenden Ästhetik rückhaltlos radikale Feministin der Kunst, dazu als Exilantin, die nach ihren Wurzeln suchte. Dies alles zu einer Zeit, in der Männer die Kunstwelt dominierten. Mendietas große Leidenschaft für den US-amerikanischen Bildhauer-Minimalisten Carl Andre endete tragisch kurz nach der Hochzeit. Zwei obsessive, exzessive Künstler trafen aufeinander wie zwei Asteroiden, die kollidieren: Nach einem Streit stürzte Mendieta sich am 8. September 1985 aus dem 34. Stock der New Yorker Wohnung. Andre wurde damals vom Verdacht, am Tod seiner Frau beteiligt gewesen zu sein, freigesprochen.

Der Nachlass dieser außergewöhnlichen Künstlerin, geboren in Havanna und in den Wirren der Revolution vom Vater, einem Castro-Gegner, in die USA gebracht, war bisher selten zu sehen, in Berlin noch nie. Die neue Direktorin des Martin-Gropius-Baus, Stephanie Rosenthal, hat sich schon in ihrer Wirkungszeit an der Hayward Gallery London intensiv mit Ana Mendietas Werk befasst und damals eine vielbeachtete Ausstellung mit den eigenwilligen Super-8-Filmen der Exil-Kubanerin, die in Iowa aufwuchs, kuratiert.

Nun also macht Rosenthal diesen Vorsprung auch im Ausstellungshaus der Berliner Festspiele produktiv. An anthrazitfarben gestrichenen Saal-Wänden im zweiten Stock des Museums laufen tonlos die Sequenzen aus 23 Filmen, denen eine mehrjährige Forschungsarbeit und Digitalisierung vorausging: Es sind Performances, bewegte Bilder, Fotografien – und Naturlandschaften, die mit dem eigenen Körper der Künstlerin zur allegorischen Synthese werden: An einem Flussufer schmiert sich die nymphengleiche Enddreißigerin behutsam, anmutig und seelenruhig mit Blut ein, so als wäre der Lebenssaft aus einem Behältnis nur Sonnencreme. Im nächsten Film schwimmt sie in einer griechischen Flussquelle wie ein Fisch unter Wasser, als würde so der antike Mythos von den Flussgöttinnen lebendig.

Zugleich aber sind solche Film-Bilder auch aufgeladen mit Existenziellem, mit elementarer, sogar destruktiver Symbolik, wenn sie etwa die eigene Körperschablone aufs Straßenpflaster wirft, mit Kreide umrissen wie an einem Tat- oder Unfallort. Oder brennend an eine Felswand, als urzeitliches Menetekel, so spirituell wie heidnisch, so brutal wie poetisch, so melancholisch wie witzig.

„Covered in Time and History“: Der Titel der Ausstellung, besagt, wie zeitlos und doch zeitgemäß diese Bilder sind, in denen Ana Mendieta das Körper-in-der-Landschaft-Geschehen aber nie verortet, es sei denn, die Titel geben vage Hinweise – etwa „Creek“. Es sind Gleichnisse vom Werden und Vergehen selbst noch in Szenen, in denen Flammen Lebendiges vernichten wie Gras, Holz oder Seil, bis nur noch Rauch, Glut, Asche und schwarze Löcher im Erdreich bleiben. Als Spuren von Leben, wie die Szenen von im Wasser zerfallenden weiblichen Konturen im Sand eines Strandes.

Mendietas Filme – sie sprach von „Skulpturen“– bewegen sich entgrenzt zwischen Body-Art, Land-Art und Performance. Alles fließt ineinander. Es sind die Körper-Landschafts-Zeichen einer Exilantin, die, indem sie sich nackt in die Erde grub, nach Zugehörigkeit fragte. Das macht Mendietas Filmkunst heute so schmerzhaft aktuell in abermaligen Zeiten von Flucht und Vertreibung.

Martin-Gropius-Bau,
Berlin: bis 22. Juli.
www.berlinerfestspiele.de

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