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Berlin Fleisch hat etwas zu erzählen

Junge Ausstellungsmacher beweisen im Schinkel-Bau am Lustgarten ein sicheres Auge und humorvolle Sicht.

Vanessa Beecroft
Vanessa Beecroft: Performance in der Neuen Nationalgalerie, 2005. Foto: Stefanie Dietzel / SMB

Eigentlich essen etliche der zwölf jungen Ausstellungsmacher von „Fleisch“ lieber vegetarisch. Hier nun machen sie liebend gern eine Ausnahme, ja, sie suchten sich die „Fleisch-Stücke“ geradezu begierig aus.

Wegen eines Stück Fleisches geben die Hunde die Freundschaft auf, besagt ein altes Sprichwort. Nun, das Dutzend Kuratoren hat ausgesprochen freundschaftlich im Alten Museum eine dezidierte, anschauliche, denkwürdige, humorvolle Ausstellung zustandegebracht zum Thema Fleisch: Als Stoff der Kunst seit Jahrtausenden, als Gegenstand religiösen Opfer-Kults. Als Nahrung.

Vierundzwanzig Monate dauert in den Staatlichen Museen zu Berlin die Assistenten-Zeit für Kunsthistoriker, Archäologen, Ethnologen und Restauratoren. Die Idee, diese wichtigen „Lehrjahre“ mit einem „Gesellenstück“ in Form einer interdisziplinären Ausstellung abzuschließen, erwies sich schon 2016 als Publikumsliebling mit der kulturhistorischen Ausstellung „Der Bart“.

Nun schließen die künftigen Museumsleute an mit „Fleisch“. Sie suchten von der Antiken-, Ägyptischen/Islamischen Sammlung über Gemäldegalerie, Kupferstichkabinett, Kunstgewerbe-, Bode- und Ethnologisches Museum bis zur Nationalgalerie Bilder, Skulpturen, Objekte aus, die mehr als nur abbildhaft von Fleischeslust erzählen, von der kulturhistorischen, künstlerischen eben.

Fleisch: Soeben noch lebendig und plötzlich verwesende Substanz – für die einen eklig, für die anderen Nahrung oder gar Opfergabe an die Götter. Fleisch offenbart den allgegenwärtigen Konflikt zwischen Leben und Tod in der menschlichen Kultur. Die Ausstellung geht der Frage nach, wie dieses Paradoxon die Bereiche Körper, Kult und Ernährung beeinflusst und damit auch unser heutiges Verhältnis zum Fleisch prägt.

Ein großer Saal im von Schinkel erbauten Alten Museum ist gefüllt mit Fleisch: als Körper, als Objekt von Ritualen, als Essen. Rubens üppige „Adromeda“ prangt als riesiges Faksimile an der Saalwand, das pralle alabasterweiße Fleisch der nackten Schönen wird zur Inkarnation der Sinnlichkeit, des fleischlichen Begehrens schlechthin. Hier denkt, anders als beim barocken Stillleben eines Schinkens mit hineingerammtem Messer, niemand ans Essen. Auch nicht angesichts von Jean-Antoine Houdons Statuette eines mittelalterlichen „Muskelmannes“ in vergoldeter Bronze. Er scheint freilich eher einem alten medizinischen Lehrbuch entstiegen als einem Garten der Lüste. Ebenso wenig käme man auf ernährungstechnische, gar lukullische Ideen beim Anblick von Vanessa Beecrofts Fotoprint einer amazonenhaft feministischen Massen-Performance fast nackter Frauen vom 8. 4. 2005 in der Nationalgalerie. Und auch in Dieter Roths unappetitlich braune „Literaturwurst“ aus den Sechzigerjahren, die einem pfälzischen Saumagen ähnelt, möchte wohl keiner hineinbeißen.

Umso mehr aber zeigt Kronos Appetit. Als antiker Kannibale, indem der Gott sein Kind verschlingt. Die drastische Opfer-Darstellung um 1766 stammt von Wenzel Neu. Diese Figurenplastik und der fette Ton-„Masthund“ aus dem alten China bestätigen archaische Fleisch-Verzehr-Gewohnheiten, die einen heutzutage gruseln lassen.

In einer Vitrine liegt eine Tontafel mit 58 verschiedenen Schweinebezeichnungen der späten Uruk-Zeit; das war 3300–3000 v. Chr. Gegenüber finden sich historische Jagddarstellungen, dazu ein marmorner Tier-Opferstein aus Pergamon, mit einem Relief aus Hirschgeweihen, daneben Christian Jankowskis Video „Die Jagd“, 1992–1997. In einer Zeit, in der die Fleischbeschaffung durchs Jagen keine Überlebensgrundlage mehr darstellt, wirkt dieser Beutezug im Supermarkt absurd – führt jedoch auch vor Augen, wie Massentierhaltung und Fleischindustrie den Fleischesser vom Lebewesen Tier völlig entfremden.

Unweit davon hängt ein altes gelbbraunstichiges Foto aus dem Ethnologischen Museum von einer Opferstätte für Konfuzius in China. Kaum vorstellbar, dass dem weisen Mann aus der Zhou-Dynastie dieses Massaker an Ziegen geschmeichelt hätte. Und ungerührt raucht der Schlachter des Fleischhofs Moabit, eine Zigarette, während er mit einem Hieb ein Schwein zertrennt. Alexander Enger fotografierte die Szene 1964.

Die 70 Kunstwerke und Objekte wurden mit sicherem Auge ausgewählt. Angenehm der Verzicht auf den üblichen trockenen kuratorischen Diskurs-Überbau. Gelungen ist eine Schau, die Körper – Fleisch– zwischen Sterblichkeit, Sexualität und Kult sinnlich fassbar macht.

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