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Berenice Abbott in Berlin Eine Amerikanerin in New York

Schnörkellos grandios: Fotografische Arbeiten der amerikanischen Fotografin Berenice Abbott lassen jetzt im Berliner Martin-Gropius-Bau staunen.

Berenice Abbott: Gunsmith and Police Department 6 Centre Market Place and 240 Centre Street, Manhattan, 1937. Foto: Berenice Abbott/ Commerce Graphics, courtesy Howard Greenberg Gallery, NY

Sie war jung und sie brauchte das Geld. Die Folgen trug sie auf allen Wegen. Als Prägung, als Ermunterung, als Maßstab. Das alles ist jetzt in einer exzellent gemachten Ausstellung im Martin-Gropius-Bau zu sehen.

Achtzig Fotografien der Amerikanerin Berenice Abbott (1898 – 1991) sind in den Sälen ausgestellt: die genauen, sensiblen Porträts großer Künstler und Literaten, die New Yorker Stadtmotive und die späten Aufnahmen in physikalischen Versuchslabors.

Letztere Pionierarbeiten spannen in der zweiten Etage des Ausstellungshauses dann geradezu einen Seelenverwandtschafts-Bogen zu den wissenschaftlichen Großfotos des um Generationen jüngeren Deutschen Thomas Struth.

Berenice Abbott, das Mädchen aus Springfield, Ohio, war 1921 nach Paris gegangen, um zu studieren. Bald traf sie in der Bohème auf ihren Landsmann, den Fotografen und Surrealisten Man Ray; der suchte eine Assistentin. Und siehe da: Hervor kam ihr Talent fürs Metier.

Bald hatte sie ein eigenes Studio, porträtierte, getaucht in diffuses Licht und ungreifbare Materialität, sozusagen das Who is Who der damaligen Geisteswelt, James Joyce etwa oder Jean Cocteau. „Fotografie bringt dir nicht bei, wie du deine Gefühle ausdrückst, sie bringt dir bei, zu sehen“ war ihre Maxime.

Durch Man Ray, dem sie rasch zur Konkurrentin erwachsen war, lernte sie den großen Eugène Atget kennen. Dessen facettenreiche Zeitenwende-Fotografien des alten Paris an der Schwelle zur Moderne wurden ihr Vorbild. Nach seinem Tod 1927 kaufte sie die 1 500 Negative und die 10 000 im Atelier verbliebenen Abzüge. Sie wollte ein Atget-Fotobuch machen und ging deshalb 1929 zurück in die USA.

Die sachliche Flaneurin

Frappierend für sie, wie sehr auch New York sich im Übergang befand, alte Viertel abgerissen wurden, die Wolkenkratzer-Skyline im Eiltempo in den Himmel wuchs. Die heute weltberühmte – in der Berliner Ausstellung in ausgewählten Bildern erlebbare Serie „Changing New York“ (300 Motive) entstand. Mit ihr wurde Abbott zur Flaneurin in New York im Stil der Neuen Sachlichkeit.

So gelang ihr die metamorphosenhafte Chronik der sich wandelnden Stadt zur Zeit der Weltwirtschaftskrise und der Großen Depression. Meist sind die Bilder menschenleer, umso imposanter die Brücken, die Autos, die Fassaden und extremen Aufsichten von den Türmen hinunter in die Straßenschluchten. Und Kurioses, etwa die schamlose Gun-Werbung an einem Waffengeschäft gegenüber dem Polizeiabschnitt 6 in Manhattan.

Gute Fotografie, so Abbott, solle dokumentarisch sein, ohne spezielle Effekte, ganz der ungewöhnlichen Perspektive geschuldet. Mit diesem Anspruch bereiste sie 1934/35 die Ostküste der USA, die ganze Route 1, wegen der viktorianischen Häuser und der Bauten des Architekten Henry Hobson Richardson. Sie wollte die urbane Veränderung der Städte erfassen. Inzwischen benutzte sie eine Plattenkamera. Die ermöglichte ihr klare, detailreiche und präzise Aufnahmen.

Und so ist es nur folgerichtig, dass Abbott Ende der 50er Jahre, sogar angestellt am Technologie-Institut Massachusetts, zu den damals neuartigen Fotoexperimenten über die physikalischen Gesetze des Lichts und des Magnetismus kam. Auch zum Motiv „Interference Pattern“, vor dem wir nun wie magnetisiert stehen.

„Die Fotografie“, sagte sie, „wird niemals erwachsen, wenn sie andere Medien imitiert. Sie muss ihren eigenen Weg gehen, stets ganz bei sich selbst sein.“ Deshalb solle die Fotografie ihre Motive und Kompositionen nicht malerisch gestalten, sondern dokumentarisch genau, als schnörkellos nüchterne Kunst. Bei ihr ist es große Kunst geworden.

Martin-Gropius-Bau, Berlin: bis 3. Oktober. Katalog im Steidl-Verlag.

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