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„Barock am Main“ Mortadidella!

Das Festival „Barock am Main“ mit der sehr lehrreichen Geschichte des „Horribilis von Huckevoll“.

Kleine Nebenumgarnung, mit Hunscha und Kinbach.
Kleine Nebenumgarnung, mit Hunscha und Kinbach. Foto: Maik Reuss

Ein Mann, der einen anderen so hoch werfen kann, dass dieser an den Mond dotzt: Das muss ein Teufelskerl sein, oder der größte Angeber der Welt. Um zweiteres handelt es sich im Falle des Horribilis von Huckevoll, dessen Name zwar originell ist, dem aber selbst Skeptiker im Publikum nicht von vornherein absprechen werden, von adligem Geblüt zu sein. Er ist recht stattlich. Ansonsten glaubt man ihm natürlich kein Wort. 

Horribilis von Huckevoll, Erbsass auf Ehrenbreitmaul, ist der Titelheld einer Geschichte, in der es vom ersten bis zum letzten Satz darum geht, aufzuschneiden und zwar effizienter als die anderen. Wer meint, Manipulation und Lüge, Umgarnung durch und Verstrickung in immer tollere Erfindungen seien Zeichen einer virtuellen Welt, in der alles unübersichtlich geworden ist, der irrt. Brauchen bloß zwei Menschen zusammenkommen und sei es auf dem Mond oder in einer Wüstenlandschaft, und schon geht es los. Ist einer von ihnen der Horribilis von Huckevoll, dann gute Nacht.

Das neue Stück für das vom Main derzeit ein wenig entfernte Frankfurter Festival „Barock am Main“ geht auf Andreas Gryphius (1616-1664) zurück, dessen Scherzspiel „Horribilicribrifax Teutsch“, wohl am Ende des Dreißigjährigen Kriegs entstanden, etliche Motive liefert. Vor allem ist es aber Gryphius’ aus besten Gründen pechschwarze Weltsicht, die hinter der schönsten Albernheit wabert. Die opulente Schminke der Maskenbildnerin Katja Reich hat diesmal eine Wendung ins Schmerzliche. Was ist der Mensch?, fragt die Frankfurter Bürgerin Martha Fleischbein, und da auch sie Gryphius’ Sonett „Menschliches Elende“ gelesen hat, kennt sie die Antwort: ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, ein Ball des falschen Glücks, ein Schauplatz herber Angst. Jedoch ist das kein Grund zum Verzagen.

Horribilis von Huckevoll kommt in der Fassung von Rainer Dachselt und in der Regie von Sarah Gross also nach Frankfurt. Er klingt und spricht als wie von hier, aber das hört er nicht gern. Dann flucht und hadert er lieber auf ausländisch. Er ist in echt Michael Quast, der wo berechtigterweise damit prahlen kann, dass die meisten von uns wegen ihm gekommen sind.

Prahlen würde er aber auch unberechtigterweise, ein Horribilis von Huckevoll fragt nicht um Erlaubnis. Der Text sieht vor, dass ihm die Kolleginnen und Kollegen zunächst nicht widersprechen. Dabei sind sie auch nicht ohne. Die Szene spielt vor dem von Anna-Sophia Blersch als Puppenhaus-Adventskalender-Kombi gebauten Wohnhaus der Fleischbeins. Mutter und Tochter, Katerina Zemankova und Pirkko Cremer, haben es faustdick hinter den Ohren, derzeit aber noch unterschiedliche Pläne. Selene will den Horribilis oder keinen. Die Mutter findet sowohl den scheuen Kaufmann Pfennig, Dominic Betz, als auch den eine Spur verstörten, grammatikalisch aber sattelfesten Lateinlehrer Scherbius, Philipp Hunscha, interessant. Der frankfurterisch frankfurtfixierte Frankfurter Ratsherr von Uffenstein, Alexander J. Beck, interessiert sich für Horribilis als mögliches Bollwerk gegen die Schweden. Die fliegende und windige Händlerin Knorz, Ulrike Kinbach, würde Horribilis gerne einmal so richtig vorführen. Da schwant einem Schlimmes, denn dieser putzmuntere Frauentyp hat in robusten Komödien immer Erfolg. Auf Horribilis’ Seite wiederum steht Matthias Scheuring, heute als norddeutscher Adjutant Kuddel, getreu der verwirrenden Lage, die im Krieg entsteht. Dieser ist noch nicht vorbei. Dass Höchst schon zerstört sein soll – wie seltsam, während wir mittendrin hocken, immer wieder staunen auch die Figuren, die ja nicht blöde sind –, sorgt für Angst und Schrecken.

So liebt es der Horribilis, der außer seiner Stattlichkeit und Angeberei aber so wenig hat, dass er gutherzigen Zuschauern bald leid tun wird. Zumal die Knorz ihn, der im Inneren seines Herzens ein labiles Rumpelstilzchen, aber ohne dessen Durchschlagskraft ist, unheimlich aufs Kreuz legt. Das grauslige Muhkalb verfolgt ihn – vorne mit glühenden Augen die Knorz, als Euter und Hinterteil der Pfennig –, aber auch manche Lüge holt ihn ein. Ja, sicher wird man darüber belehrt, dass man nicht immer angeben soll und mehr auf das Sein als auf den Schein achten und so. Vor allem kichert man aber wieder zwei Stunden lang dumm und froh rum. Eine weitere Hauptrolle hat wie immer die Souffleuse.

Vor dem Gebäude der Höchster Porzellan-Manufaktur ist es nicht ganz so lauschig wie vor dem (in Sanierung befindlichen) traditionellen Spielort am Bolongaro-Palast. Aber es ist schön, und vorher kann man sich im Laden eine Struwwelpetertasse kaufen oder nachher bereuen, dass man es nicht getan hat. Und alle Augen sollen bitte dorthin schauen, wo doch noch immer ein Investor für die insolvente zweitälteste Porzellanmanufaktur Deutschlands gesucht wird.

„Barock am Main“ vor der Höchster Porzellan-Manufaktur: bis 24. Juni. www.barock-am-main.de

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