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Balthus: Jeder mit sich allein

Balthus: Die Schweizer Fondation Beyeler stellt Hauptwerke des französischen Malers vor.

Kunst
„Die Straße“, 1933. Foto: balthus/ 2018, the Museum of Modern Art, New York/scala Florenz

Was denn oder wovon träumt Thérèse? Nie lässt sich das sagen von einem Menschen, den man schlafend sieht. In der Schilderung des Malers Balthus aber – „Thérèse rêvant“ („Thérèse, träumend“), gemalt 1938 – schläft Thérèse nicht. Ihre Position und die Körperhaltung sprechen dagegen: Das Mädchen sitzt aufrecht, die Arme erhoben, die Hände auf dem mit geschlossenen Augen leicht nach rechts gedrehten Kopf verschränkt. Indem sie das linke Knie mitsamt dem roten Rock an den Körper zieht, gibt sie den Blick frei auf den von einem Rest weißer Unterwäsche nur dürftig bedeckten Schritt. Ihr Träumen ist sehr offenbar eher ein bewusstes Imaginieren erotischer Empfindungen und sexueller Konstellationen. Die Katze zu Thérèses Füßen lässt die Szene gleichgültig, sie schleckt Milch aus einer Schale.

Mit diesem Bild und ähnlich erotisch konnotierten Darstellungen von Kindfrauen hat Balthasar Klossowski de Rola, geboren 1908 in Paris, der sich als Maler Balthus nannte, früh irritiert. Er hat die Absicht nicht geleugnet, damit Interesse an seiner Malerei zu provozieren. Zwar gelang das auf der von noch manch anderen Exzentrikern belebten Pariser Kunstszene der 1930er Jahre nicht sogleich, die entsprechenden Bilder stießen zunächst eher auf Ablehnung, verhalfen Balthus dann aber doch zu Beachtung und Notorietät.

Aufsehen hat das Bild der Thérèse in unseren Tagen, fast achtzig Jahre nach seinem Entstehen, abermals erregt. Es gehört zu den Sammlungen des Metropolitan Museum of Art in New York, dessen Direktion durch eine öffentliche Protestaktion aufgefordert wurde, das Werk abzuhängen oder es zumindest in einem kritischen Kontext zu präsentieren – ein peripherer Nebeneffekt der berechtigten Aufregung über die Missachtung weiblicher Würde nicht nur vonseiten des gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten. Der Protest blieb folgenlos, hat aber die Museumsleitung veranlasst, immerhin Diskussionsrunden zum Thema Kunstfreiheit und Zensur zu organisieren, das Übliche.

Derzeit ist das skandalumwitterte Gemälde Teil einer umfänglichen, durch viele Leihgaben aus aller Welt gestützten und von Raphael Bouvier und Michiko Kono schlüssig eingerichteten Retrospektive auf das Œuvre von Balthus in dem Museum der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel.

Im Zusammenhang mit ähnlichen Schilderungen von jungen Frauen im Umgang mit sich selbst zwischen Impulsen der Verführung und noch kindlicher Naivität wird sichtbar, dass Balthus bei aller einbekannten Lust am Auffälligen nicht das Anrüchige thematisieren wollte, sondern was er selbst „das Passagere“ genannt hat, also Erscheinungen des Durchgangs, der Veränderung als Übertritt von einem Zustand in einen anderen. Die Mädchen sind erfasst in einem Moment auf der Grenze zwischen dem Jetzt des Kindes und der Zukunft der Frau.

Es ist ein Augenblick in der Zeit, den der Maler in seiner Flüchtigkeit fixiert, ja: bannt – und wäre nicht, fragt er in seinen 2002 erschienenen „Erinnerungen“, „besiegte Zeit vielleicht die beste Definition von Kunst“? Die Hoffnung, Zeit gegen die Vergänglichkeit des Augenblicks gleichsam stillzustellen und damit zu bewahren, grundiert das Gesamtwerk. Das bezeugen in der Ausstellung der Fondation, für die Bilder aus unterschiedlichen Phasen der Entwicklung zusammengeführt wurden, schon die frühen Pariser Stadtansichten aus den Zwanzigerjahren bis hin zum Spätwerk der Jahre zwischen 1989 und 1994 wie „Die Katze mit dem Spiegel“. 2001 stirbt Balthus in Rossinière, nach Aufenthalten an vielen anderen Stätten in Europa, auch in Berlin, an dem Ort seines finalen Rückzugs in den Schweizer Bergen.

Nicht nur die Mädchenbilder haben seinen international erst um 1980 einsetzenden Erfolg begründet, sondern mehr noch vor allem die beiden Straßenszenen „La Rue“ von 1933, für die Ausstellung entliehen aus dem Besitz des MoMA in New York, und das zwanzig Jahre später gemalte „Passage du Commerce-Saint-André“, als Dauerleihgabe aus Privatbesitz in der Obhut der Fondation Beyeler.

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