Lade Inhalte...

Ausstellung Otto Neurath in Wien Bild-Esperanto

Eine Wiener Schau über den Ökonomen, Philosophen, Wohnbauaktivisten und Volksbildner Otto Neurath: Das Wiener Museum für Angewandte Kunst konzentriert sich auf seine Auseinandersetzung mit Schrift und Bild.

09.04.2010 00:04
Julia Kospach
Zeichen für fünf Gruppen der Menschheit. Foto: MAK

Otto Neuraths Arbeiten sind über die Welt verstreut. Für die aktuelle Neurath-Ausstellung trug das Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK) Material von 13 Leihgebern und aus den Beständen des eigenen Hauses zusammen. Viel Aufwand für eine kleine, aber sehr pointierte Schau, die eine Art erweiterter Neuausgabe der Neurath-Ausstellung im Schindler House des MAK Center for Art and Architecture in Los Angeles ist. In dem amerikanischen Architekturtheoretiker Nader Vossoughian hatte diese einen leidenschaftlichen, kenntnisreichen Kurator, der auch in Wien als Co-Kurator fungiert.

Einer der Grundgedanken des Wiener Ökonomen und Philosophen Otto Neurath (1882-1945), so Vossoughian, war es, "dass die Stadtplanung von der Planung einer Demokratie nicht getrennt werden kann". Ein hochpolitisches Konzept, das die Stadt als soziales, wirtschaftliches und historisches Phänomen versteht. Im Roten Wien der 20er Jahre, das schon kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs seinen ersten sozialdemokratischen Bürgermeister bekommen hatte, fiel es auf fruchtbaren Boden. Das Gebot der Stunde war eine sozialreformerische Gemeindepolitik. Große Gemeindewohnbauprojekte, Bildungsinitiativen und weit reichende Fürsorge- und Gesundheitsprogramme entstanden.

Neurath, vor allem bekannt als Mitbegründer des Wiener Kreises, ging das noch nicht weit genug. Sein Bestreben war es, in der industrialisierten Großstadt soziale Demokratie und organisierte Selbsthilfe auf einen Nenner zu bringen. "Gypsy Modernism" lautet der Titel der Schau, die sich dem Universalisten und hingebungsvollen Promotor der Volksbildung auch deshalb widmet, weil ihn das in Österreich weit verbreitete Schicksal des "Unbedankten" trifft. So sagt Kuratorin Karin Pokorny-Nagel, die die MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung leitet, in deren Räumen die Ausstellung gezeigt wird. Inspiration für Neurath war die Siedlerbewegung, der sich in Wien nach dem Weltkrieg Zehntausende anschlossen, die am Stadtrand öffentlichen Grund und Boden in Kleingarten-Selbstversorger-Siedlungen umfunktionierten.

Kleinhaus aus dem Katalog

Dieses halblegale Wild-Siedeln ging vielen zu weit, für Neurath aber war es Ausdruck städtischer Selbstorganisation und Selbstermächtigung, zu der er durch systematische Organisation beitragen wollte. Er gründete den "Österreichischen Verband für Siedlungs- und Kleingartenwesen", der die Siedler in allen Belangen des Lebens unterstützte. Unter anderem arbeitete er mit jungen Architekten zusammen, die später berühmt wurden. Darunter Franz Schuster, Josef Frank und Margarete Schütte-Lihotzky, die wenige Jahre danach die "Frankfurter Küche" als Vorläuferin aller Einbauküchen entwickelte. Für Neurath entwarf sie den Prototyp eines als Notunterkunft gedachten, erweiterbaren Fertigteil-Siedlungshauses, dessen Planzeichnungen und Innenansichtsskizzen in der Schau zu sehen sind. Diese Kleinhäuser konnten aus dem Katalog bestellt und vom Käufer selbst aufgebaut werden.

Die optische Gestaltung dieser frühen Verwirklichungen verweist auf ein weiteres zentrales Element von Neuraths Arbeit, das die Ausstellung ebenfalls ins Visier nimmt. Sein Engagement für eine standardisierte Bildsprache, deren leicht zu erfassende visuelle Grammatik die Idee der Aufklärung der arbeitenden Massen und der Demokratisierung des Wissens unterstützen sollte. So sind etwa Tafeln mit Bildstatistiken zu sehen, wie sie ab 1925 im neu gegründeten Österreichischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum gezeigt wurden. Ihr Ziel: Dem Laien Statistiken und historische Daten bildhaft darzustellen. Neurath widerstrebte, dass sich in Wien die Macht in den Verwaltungs- und Museumsbauten entlang des Rings konzentrierte und entwickelte als Gegengewicht dazu mobile Ausstellungssysteme.

Die Schautafeln widmen sich so disparaten Themen wie "Vermögensverteilung im Deutschen Reich", "Wanderbewegung wichtiger Länder" bis zu "Negersklaven in den 15 Südstaaten der USA": Für das Jahr 1860 dokumentiert letztere Tafel 16 Figuren in Weiß mit Hut, sowie 8 schwarze, die jeweils für 500.000 Weiße bzw. schwarze Sklaven stehen. Unter den Weißen trägt einer eine Peitsche in der Hand. Er steht für die halbe Million der Sklavenhalter. Allein in der Gestaltung von Piktogrammen wie diesen drückt sich deutlich die kritische Haltung gegenüber der Sklaverei aus.

Die Piktogramme sind ein ungeheuer vertrauter Anblick - jeder kennt sie aus Schul- und Lehrbüchern, aus Atlanten und Almanachen. Sie alle verdanken Neurath bis heute viel. Neurath und seine Mitarbeiter wie der Grafiker Gerd Arntz entwickelten eine international verständliche Bildsprache, die Wiener Methode der Bildstatistik "Isotype".

Erneut ging es um soziale und kulturelle Bildung für alle als Vehikel der Selbstbestimmung. In diesem Punkt war Neurath über alle Maßen wirkungsmächtig. Das macht die Ausstellung, die auch einen britischen Neurath-Propagandafilm aus seiner Zeit in England nach der Emigration aus Wien 1934 ausgegraben hat, sehr deutlich. Die New York Times nannte seine Pädagogik via Piktogramme ein "Bild-Esperanto".

Museum für Angewandte Kunst, Wien: bis 5. September. www.mak.at

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen