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Ausstellung Neun Tänzerinnen auf einen Streich

Selten kann man bekannte Skulpturen von Degas, Picasso, Giacometti oder Rodin so in Ruhe betrachten wie in Ingelheim.

Tänzerin
Max Beckmann, „Tänzerin“, 1935. Foto: Städel Museum Frankfurt am Main /ARTOTHEKVG Bild Kunst, Bonn 2018

Ich bin nicht durchgestiegen bei „Organische Formen (Schreitender Mann)“ aus dem Jahre 1921. Ich sollte noch einmal nach Ingelheim fahren. Gibt es eine Monographie über den „Schreitenden Mann“ in der Kunstgeschichte? Geht es beim Schreiten um Fortschritt? Oder um Raumergreifung? Und ist Bellings Schreitender einer oder sind es nicht zwei? 

Eine Ausstellung ist gut, wenn sie uns Fragen beantwortet, aber manchmal scheint sie uns noch interessanter, wenn sie uns welche stellt, auf die wir vorher nicht gekommen waren. Das Schreiten zum Beispiel ist ja mindestens so alt wie die Pharaonenkunst und von dort haben die Griechen sich den schreitenden Jüngling abgeguckt. Wohin schreitet einer 1921? Max Raabe, der sich sehr für diese Zeit interessiert, stellt in einem kleinen Film (auf Youtube) Rudolf Belling vor. Nur zwei Minuten lang doch voller Emphase und kenntnisreich.

Gehen Sie auf keinen Fall aus der Ausstellung, ohne einen Blick auf Lehmbrucks „Torso der Schreitenden“ von 1914 geworfen zu haben. Nein, ich möchte sie nicht noch einmal mit meinen Assoziationen zum Thema „Schreiten“ behelligen. Betrachten sie die Taille! Sie lachen nicht?! Haben Sie so etwas schon einmal gesehen? In Natur? Das ist ein Pin Up. Man sollte ein Maßband nehmen und Busen, Taille und Hüfte vermessen. Spätestens bei der Veröffentlichung dieser Maße würden auch die lachen, die ihren Augen nicht trauen. 

Ich habe so etwas schon einmal gesehen. Nicht in Natur, sondern auf einem Foto. In einem Buch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in dem ein Fotograf einen „natürlichen“ Frauenkörper und einen vom langjährigen Korsetttragen „verunstalteten“ nebeneinander stellte. Das Ideal, sehen wir hier, tötet das Leben. Das ist eine schreckliche Nachricht für alle die, die im Ideal das Schöne sehen. Aber manchmal ist das Schöne nicht des Schrecklichen Anfang, sondern eine Kreatur des Schreckens. Es ist dann eine Erinnerung daran, was wir einander anzutun in der Lage sind. 

Sie haben Picassos „Kind“ von 1960 übersehen? Gehen Sie noch einmal hoch. Dort steht es im Flur zwischen den beiden Ausstellungsräumen. Ja, ich weiß, wieder ein Schreitender! Aber wie entsteht dieser optimistische Eindruck bei einem Wesen, das nur aus Kopf, Beinen und Händen zu bestehen scheint? Ist mehr nicht nötig? Oder ist es doch der beherzte Schritt, dieses „reinspaziert in die Welt!“? Picasso war damals 79 Jahre alt und seit vielen Jahrzehnten galt er als der bedeutendste Künstler seiner Epoche. Da bastelt er sich als Kind, ein munterer Hansguckindieluft, der genau weiß, dass ihm nichts passieren kann? Oder macht er sich lustig darüber und ist es das, was uns so heiter erscheint?

Ingelheim ist nicht einmal eine Stunde weit von Frankfurt entfernt. Man kann dort gut essen und natürlich trinken. Die Stadt liegt schließlich inmitten von Weinbergen. Ein Sonntagsausflug, wenn schon nicht zu Rodin und Picasso, dann doch wenigstens auch zu ihnen, lohnt sich in jedem Fall. 

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