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Ausstellung Neun Tänzerinnen auf einen Streich

Selten kann man bekannte Skulpturen von Degas, Picasso, Giacometti oder Rodin so in Ruhe betrachten wie in Ingelheim.

Tänzerin
Max Beckmann, „Tänzerin“, 1935. Foto: Städel Museum Frankfurt am Main /ARTOTHEKVG Bild Kunst, Bonn 2018

Wenn ich Ingelheim sage, sagt jeder „Boehringer“. Das ist ein wenig komisch. Schließlich gibt es das Pharma-Unternehmen erst seit 1885 und die Gegend um Ingelheim war schon vor 50.000 Jahren besiedelt und in jüngster Zeit hat Karl der Große sich hier aufgehalten. Aber Boehringer Ingelheim hat einen Umsatz von 18,1 Milliarden Euro und soll das größte forschende Pharmaunternehmen Deutschlands sein. Das wäre auch mal ein guter Grund, nach Ingelheim zu fahren. Aber ich war dort und habe mir Plastiken von Rodin und Degas, von Picasso und Giacometti angeschaut. „Mensch! Skulptur“ des Kunstforums Ingelheim. Die Ausstellung findet statt im Rahmen der von Boehringer finanzierten Internationalen Tage. Kuratiert hat sie wie auch die vorangegangenen Ausstellungen der Kunsthistoriker Ulrich Luckhardt.

Es sind 61 Werke von zwölf Künstlern zu sehen. Wer sich für Kunst und nun gar für Skulpturen interessiert, der wird viele davon kennen. Aber neun von Degas’ Tänzerinnen auf einen Streich? Und hat er der winzigen Kleinen Büste auf einem Doppelsockel von Alberto Giacometti schon einmal in die Äuglein gesehen? Wird er es jemals mit so viel Ruhe tun können wie hier in Ingelheim? Man kann die Ausstellung beginnen mit Auguste Rodins „Mann mit gebrochener Nase“ aus dem Jahr 1863/64. Als er die Büste ausstellte, war ein Skandal die Folge. Das Werk widersprach so sehr den damaligen akademischen Anforderungen an „Schönheit“, dass es geradezu als Verstoß gegen die guten Sitten betrachtet wurde. Das war natürlich Unsinn. Der „Mann mit gebrochener Nase“ knüpfte einfach direkt an die Antike an. Hässliche Männer waren damals ein beliebtes Sujet. Als Inkarnation der Hässlichkeit galt Sokrates, ein berühmter Liebhaber des Schönen. Zu Helene von Nostitz soll Rodin über den Mann mit gebrochener Nase gesagt haben: „Ich versuche darin, die Vollendung in einzelnen Teilen zu erreichen, und diese werden das Übrige fühlen lassen, ohne dass es materiell sichtbar ist.“ 

Man kann sich jetzt auf die Suche machen nach dem Teil, in dem das Vollendete sichtbar ist, aber vielleicht geht es um etwas ganz anderes. Vielleicht geht es eher darum, durch die Darstellung des Hässlichen das Schöne sichtbar zu machen, das materiell gar nicht sichtbar gemacht werden kann. Rodin formulierte es einmal so: „In der Kunst muss man einen gewissen Punkt überwinden. Man muss den Mut haben, auch Hässliches zu schaffen, denn wer diesen Mut nicht besitzt, bleibt auf dieser Seite der Mauer. Es gibt wenige, die hinübersteigen auf die andere Seite.“ Sokrates ist da doch ein gutes Beispiel. Die Idee, die es nicht gibt, zeigt sich nicht, sondern nur in unserem Verlangen nach ihr.

Die, die sich über Rodins „Mann mit gebrochener Nase“ echauffierten, hatten so Unrecht nicht. Wir können das sehen, wenn wir einen Blick auf seine „Kauernde Frau“ von 1882 werfen. Ihr Geschlecht ist zu sehen. Man muss sich nur ein wenig umdrehen, dann erkennt man, wie sehr Georg Kolbes „Kauernde“ von 1906/07 Rodins Plastik folgt. Allerdings verwehrt sie den Blick aufs Geschlecht. Apropos Geschlecht. Picassos Frauenkopf von 1931 stellt seine damalige Geliebte Marie Thérèse Walter dar. Ihr hat er an die Stelle der Nase einen Penis und an die der Augen rechts und links einen Hodensack ins Gesicht gedrückt. Das war schon damals politisch inkorrekt, aber nicht mehr skandalträchtig. Es würde sich lohnen, einmal eine Skandalgeschichte der Kunst zu schreiben. Aber vielleicht gibt es die ja schon. Was dem armen „Mann mit gebrochener Nase“ widerfuhr, ist doch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.

Aber vergessen wir für einen Augenblick die Berühmtheiten, wenden wir uns Rudolf Belling (1886-1972) zu. Die beiden hier vorgestellten Arbeiten sind aus dem Kunsthandel. Man wird sie womöglich nach der Ausstellung kaufen können! Belling ist einer der interessantesten Künstler seiner Zeit. Bei der ersten Großen Deutschen Kunstausstellung 1937 wurden Werke von Belling gezeigt. Gleichzeitig gab es Arbeiten von ihm in der Ausstellung Entartete Kunst. Er selbst war damals bereits im Exil in der Türkei. 

Ich bin nicht durchgestiegen bei „Organische Formen (Schreitender Mann)“ aus dem Jahre 1921. Ich sollte noch einmal nach Ingelheim fahren. Gibt es eine Monographie über den „Schreitenden Mann“ in der Kunstgeschichte? Geht es beim Schreiten um Fortschritt? Oder um Raumergreifung? Und ist Bellings Schreitender einer oder sind es nicht zwei? 

Eine Ausstellung ist gut, wenn sie uns Fragen beantwortet, aber manchmal scheint sie uns noch interessanter, wenn sie uns welche stellt, auf die wir vorher nicht gekommen waren. Das Schreiten zum Beispiel ist ja mindestens so alt wie die Pharaonenkunst und von dort haben die Griechen sich den schreitenden Jüngling abgeguckt. Wohin schreitet einer 1921? Max Raabe, der sich sehr für diese Zeit interessiert, stellt in einem kleinen Film (auf Youtube) Rudolf Belling vor. Nur zwei Minuten lang doch voller Emphase und kenntnisreich.

Gehen Sie auf keinen Fall aus der Ausstellung, ohne einen Blick auf Lehmbrucks „Torso der Schreitenden“ von 1914 geworfen zu haben. Nein, ich möchte sie nicht noch einmal mit meinen Assoziationen zum Thema „Schreiten“ behelligen. Betrachten sie die Taille! Sie lachen nicht?! Haben Sie so etwas schon einmal gesehen? In Natur? Das ist ein Pin Up. Man sollte ein Maßband nehmen und Busen, Taille und Hüfte vermessen. Spätestens bei der Veröffentlichung dieser Maße würden auch die lachen, die ihren Augen nicht trauen. 

Ich habe so etwas schon einmal gesehen. Nicht in Natur, sondern auf einem Foto. In einem Buch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in dem ein Fotograf einen „natürlichen“ Frauenkörper und einen vom langjährigen Korsetttragen „verunstalteten“ nebeneinander stellte. Das Ideal, sehen wir hier, tötet das Leben. Das ist eine schreckliche Nachricht für alle die, die im Ideal das Schöne sehen. Aber manchmal ist das Schöne nicht des Schrecklichen Anfang, sondern eine Kreatur des Schreckens. Es ist dann eine Erinnerung daran, was wir einander anzutun in der Lage sind. 

Sie haben Picassos „Kind“ von 1960 übersehen? Gehen Sie noch einmal hoch. Dort steht es im Flur zwischen den beiden Ausstellungsräumen. Ja, ich weiß, wieder ein Schreitender! Aber wie entsteht dieser optimistische Eindruck bei einem Wesen, das nur aus Kopf, Beinen und Händen zu bestehen scheint? Ist mehr nicht nötig? Oder ist es doch der beherzte Schritt, dieses „reinspaziert in die Welt!“? Picasso war damals 79 Jahre alt und seit vielen Jahrzehnten galt er als der bedeutendste Künstler seiner Epoche. Da bastelt er sich als Kind, ein munterer Hansguckindieluft, der genau weiß, dass ihm nichts passieren kann? Oder macht er sich lustig darüber und ist es das, was uns so heiter erscheint?

Ingelheim ist nicht einmal eine Stunde weit von Frankfurt entfernt. Man kann dort gut essen und natürlich trinken. Die Stadt liegt schließlich inmitten von Weinbergen. Ein Sonntagsausflug, wenn schon nicht zu Rodin und Picasso, dann doch wenigstens auch zu ihnen, lohnt sich in jedem Fall. 

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