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Ausstellung Märchen und Kulturschocks

Eine vielfältige Fotoausstellung im Frankfurter Kunstverein und im Artfoyer der DZ Bank zeigt Fotografien in der Stadt.

Martin Errichiello, Filippo Menichetti: „In Fourth Person“, 2015-2017.
Martin Errichiello, Filippo Menichetti: „In Fourth Person“, 2015-2017. Foto: Martin Errichiello/Filippo Menichetti

Fotografie ist in der Stadt: Während fünf Häuser die Triennale RAY präsentieren, diesmal unter dem Motto „Extreme“, haben sich andere Institutionen Frankfurts mit Ausstellungen von Fotokunst angeschlossen. So nutzt man womöglich auch die Chance, dass ein fotointeressiertes Publikum eigens in die Stadt kommt, um einen allemal sehr abwechslungsreichen Parcours zu absolvieren. 

Nur scheinbar stellt der Frankfurter Kunstverein „Schaum-Talent“ aus: die 20 jungen, unter dem Titel „Foam Talent“ zusammengefassten Künstler wurden vom Fotografiemuseum Amsterdam, das sich kurz „Foam“ nennt, ausgesucht. Es geht um neue Tendenzen in der Fotokunst, die Arbeiten sind vielfältig, oft mit langfristigen Projekten verbunden, sind manchmal rätselhaft, immer originell. 

Das Duo Martin Errichiello und Filippo Menichetti etwa sehen sich auch als Historiker und Archäologen. Fotografisch begleiteten sie unter vielem anderen die Sprengung einer alten Autobahnbrücke, auf einer Italienreise entlang der A3. Historische Aufnahmen eines schwarz-weißen Italiens gehören zu ihrem Portfolio. Fliegt, als sie am Viadotto sind, auch ein Teil des alten Italiens mit in die Luft? 

Ergebnis einer ausgedehnten (vier Jahre) und gefährlichen Fotoreportage ist Sadegh Souris Serie „Fuel Smuggling“, die davon erzählt, dass täglich (!) etwa sechs Millionen Liter Diesel und Kerosin aus dem Iran nach Pakistan geschmuggelt werden. Meist nachts, oft in klapprigen Fahrzeugen und ohne Licht, da die Grenzpolizei auch nicht zögert zu schießen. Auf Windschutzscheiben sieht man die Einschusslöcher; ausgebrannte Transporter liegen am Straßenrand; die Menschen auf Souris Bildern wirken schicksalsergeben. 

„Foam Talent“ ist, da es kein Oberthema  gibt wie in den fünf „Extreme“-Ausstellungen der RAY, sicher die disparateste der derzeitigen Fotografieausstellungen. Verrückt-wilde Modefotografie von Erik Madigan Heck ist darunter, man weiß nicht, wo das Kleidungsstück, entworfen von der Japanerin Rei Kawakubo, aufhört und wo Hecks Inszenierung aufhört. Alix Marie rückt dem Menschen im wahrsten Sinn des Worts ganz nah auf die Pelle: Extrem vergrößerte Hautpartien, Falten, Körperausschnitte lassen rätseln, Körperteile hängen wie groteske Wäschestücke von der Leine. Weronika Gesicka hat bei ihrer Serie „Traces“ auf US-amerikanische Alltagsszenen der 50er und 60er Jahre zurückgegriffen und entlarvt vor allem deren latenten Sexismus. Das Frauengesicht zum Beispiel, das so strahlend zurücklächelt, ist nur eine Maske, die der Mann hält. 

Die disparaten, manchmal gefunden, manchmal gestellt wirkenden Motive Vasantha Yogananthans erklären sich damit, dass er die Geschichte des indischen Ramayana-Epos erzählen möchte. Verhangene Landschaften, stille Architekturen wechseln sich ab mit Menschen, die gleichsam zu literarischen Figuren werden. Etwas Märchenhaftes haben auch die Fotografien von Kai Oh, die von Seoul nach Nürnberg kam und nach eigenen Angaben einen Kulturschock erlitt. Geerdet hat sie sich dann durch Spaziergänge durch die Natur, sie fotografierte Baumpilze, Moos, Stämme im Schnee, reifbedecktes Gras, reifumrandete Herbstblätter und fügte ihre Fotografien zu Collagen. 

Während sich der Kunstverein also dem aufschäumenden Talent widmet, hat sich das Artfoyer der DZ Bank einmal mehr für ein Thema entschieden, das allerdings von den aus der Sammlung des Hauses ausgewählten Werken sehr frei umspielt wird: „Die Zahl als Chiffre in der Kunst“. 
Andreas Gursky fehlt nicht mit seiner monumentalen „Singapur Börse II“, während es bei Imi Knoebel am Nachthimmel wimmelt. Von rückwärts laufenden Filmen ließ sich vermutlich Konzeptkünstler Timm Ulrichs inspirieren. Schnecken legte er fein säuberlich im Quadrat aus, ließ sie dann auseinanderkriechen und fotografierte die Stadien. Auf den neun Bildern sieht es nun aus, als fänden die dunkelblau eingefärbten Tierchen zum sauberen Quadrat zusammen. 
„Offenbarung“ heißt eine Serie Miguel Rothschilds, die Offenbarung hat die Betrachterin erst, wenn sie den Bildern, zum Beispiel eines der Fensterrosette in Notre-Dame, nahe tritt: Es handelt sich um einen Scherenschnitt – oder Locherschnitt? – denn die Farben sind ausgestanzt; das Konfetti liegt unterhalb am Fuß des Bildes hinter Glas. 

Hintergründige Büroalltagsausschnitte sind Tamara Grcics Arbeiten aus der Serie „Die Bank“. Die Mandarine liegt neben dem Marker, ein Traubenstiel neben dem Abfallkorb. Da hat jemand nicht getroffen. Nichts wirkt von der Fotografin zurechtgelegt. Und doch meint man, sie treffe mit ihren Bildern eine hinterlistige Aussage über die Arbeit in dieser namenlosen Bank. Wie auch Mario Merz eine tiefere Absicht zu verfolgen scheint mit der Installation „Isola della Frutta“, von der die Ausstellung 35 Bilder zeigt. Auf diesen häufen sich, unter anderem, Maiskolben und Äpfel, Bohnen und Feigen, Wirsingköpfe und Zwiebeln zu Mustern oder kleinen Lawinen. Leuchtziffern ergänzen das Foto-Arrangement, möglicherweise folgen sie einer höheren Mathematik. 

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