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Ausstellung in Frankfurt Das Trauma des Ersten Weltkriegs

Die Frankfurter Schirn-Kunsthalle führt durch „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“.

Schirn
Das Bild „Dame mit Schleier und Nerz“ von Otto Dix ist eines der Bilder, die in der Ausstellung „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ zu sehen ist. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa)

Schillernd, die Vorstellung, seit langem schon, als wäre da jemals ein „goldenes Jahrzehnt“ gewesen. Waren die Zwanzigerjahre nicht. Unhaltbar die Bezeichnung, sie trifft auf die Weimarer Republik nicht zu. Es ist das frivole Etikett für eine Epoche, die 1919 aus einer Katastrophe hervorging, und die, kaum hatten sich die Verhältnisse in der ersten deutschen Demokratie halbwegs konsolidiert, in die nächste Notlage geriet. Das verführerische Wort von den „Goldenen Zwanzigern“ war stets schamlos, eine Beschönigung, ein Betrug. Aber vieles war ja Täuschung, war Betrug oder Selbstbetrug.

Denn Krise war eigentlich immer. Ferner die Katastrophe absehbar, wenn man den Visionen der Kunst Vertrauen schenkte. Von Anfang an war es das Hakenkreuz, mit dem sich die Feinde der Republik dekorierten, ob am Stahlhelm oder am Revers. Unübersehbar beherrscht es das Bild eines Horst Naumann, dessen „Weimarer Fasching“, der dominiert wird von einem Hakenkreuzler. In Naumanns Collage, mit Zeppelin, Reichspräsidenten und Tiller Girls, mit Banknoten, Massengrab und Gasmaskenkreatur: In dem Panoptikum von 1928/29 ist die Faschingsverkleidung zur brutalen Kenntlichkeit entstellt.

„Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ heißt die den Besucher packende Ausstellung, die Ingrid Pfeiffer in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle eingerichtet hat, in der Künstler der Zeit mit äußerst  unterschiedlichen Mitteln die extremen sozialen Spannungen, die extremen politischen Kämpfe und extremen gesellschaftlichen Umbrüche ins Bild gesetzt haben, ob als Ölbild, Aquarell oder Zeichnung. Ebenfalls ein Medium krasser Beobachtung ist die Lithografie, die Karikatur eines der Anklage und die Gouache nicht nur eine ulkige Humoreske. Dass bereits auf dem Treppenaufgang zur Ausstellung ein USPD-Plakat die Spartakuspolitik mit antisemitischen Klischees auflädt oder ein nationalistisches Plakat den Bolschewismus als Tat eines ganzkörperbehaarten Untermenschen darstellt, ist eine Demonstration für sich. Auch Grafiker beteiligten sich in der verwirrenden Vielfalt der Weimarer Republik an der großen Konfusion.

Die Themenausstellung komprimiert auf neun Stationen 190 Gemälde und Grafiken, auch einige Skulpturen; versammelt sind 62 Künstler und Künstlerinnen, denn die Schirn präsentiert entschieden eine Schau der Frauen, von Jeanne Mammen über Lea Grundig oder Hanna Nagel bis zu Elfriede Lohse-Wächtler. Schon im Vorraum wird ein Prolog angestimmt, neben Karl Völkers Bahnhofsszene, geduckte Massen auf einer schrägen Treppe nach unten drängend, wurde Rudolf Schlichters „Margot“ gehängt, das Bild einer selbstbewussten Frau, die Zigarette in der Linken, die rechte Faust in die Hüfte gestemmt. Hier bereits dominiert der veristische Blick der Neuen Sachlichkeit, die ihre Kunst als emanzipatorisches oder politisches Statement betrachtete, etwa zum Wirtschaftsleben, in dem „Der Schieber“ zum König der Netzwerker aufstieg.

Ausgehend von dieser Einstimmung führt die Schau das Trauma des Ersten Weltkriegs vor Augen, unübersehbar die Kriegsinvaliden im Straßenbild – grauenvoll zugerichtet, amputiert oder vom Gas zerfressen, 1,5 Millionen Opfer, Schutzbedürftige, sich selbst überlassen. Otto Dix, der von sich sagte, er sei eigentlich ein unpolitischer Künstler, hielt krasse Gegensätze fest. Vor dem Caféhausfenster eine Demonstration der Rechtlosen: „Wir wollen Brot“. Welten stoßen aufeinander, Blicke. Zum blasierten Blick des Bürgers schaut in George Grosz’ Kurfürstendammszene der Verkäufer von Zündhölzern auf, ein Mann mit Weltkriegskopfbedeckung, darunter ein verschlossenes Auge und ein Glasauge.

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