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Ausstellung in Berlin Kreuzberg Religion, Tradition und Gefühl

Kerzenanzünden am Schabbat: Was als starke Liebe gedacht ist, mündet oft in Schmerz. Im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien zeigen zehn junge Künstler aus aller Welt Werke ihrer „Reise nach Jerusalem“.

18.07.2012 16:26
Von Irmgard Berner
Auch Ben Reich spielt in seiner „Light Box“ leicht ironisch an auf Caravaggio. Foto: Kunstraum Kreuzberg/Bethanien

Der Engel verspricht Erlösung, oder zumindest Hoffnung. Im Kunstraum Kreuzberg Bethanien schwebt er segnend über zwei kleinen Szenen auf einem Tafelbild, das die israelische Malerin Zohar Fraiman in glanzloses Blau getaucht hat: Links sitzt erschöpft eine Frau auf einem Stuhl und verbirgt ihr Gesicht in den Händen. Ob sie weint, sieht man nicht.

Zwei Kerzen brennen auf einem kleinen Tisch. Eine junge Frau in Schwarz steht aufrecht dahinter, bohrt den Blick in den Rücken der vor ihr Sitzenden: die Mutter.

Diese häusliche Situation steigert Fraiman noch in der Szene rechts: Da steht die Mutter hinter der Tochter, hält diese fest umklammert, schmerzverkrampft streckt das Mädchen die nackten Beine von sich. Die Kerzen sind erloschen. Wäre da nicht der Engel mit ausgebreiteten Flügeln über dem leeren Zwischenraum, ginge von dem im Stile biblischer Heiligenbilder gemalten „Hadlakat Ha Ner“ eine unerträgliche Beklemmung aus.

Ha Ner heißt auf Hebräisch die Kerze, und um das Ritual des Kerzenanzündens am Schabbat geht es hier: Die Mutter spricht den Segen, damit Frauen bei der Geburt des Kindes nicht sterben mögen. Mütter übertragen Bräuche wie diese auf ihre Töchter – ob die das wollen oder nicht. Was aber als starke Liebe gedacht ist, münde oft im Zufügen von Schmerz, sagt Zohar Fraiman, 25, die streng religiös erzogen wurde. Noch drastischer geht sie mit dem Thema Sexualität um. Im Gemälde „Anna’s Pleasure“ stellt sie das sexuelle Vergnügen einer Frau mit Freundinnen wie einen fallenden Engel in einer Kreuzigungsszene im Stile Caravaggios dar.

Mit derartigen Ambivalenzen, die aus religiösen Gefühlen entspringen, setzen sich zehn junge Künstler in ihren Arbeiten im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien auseinander. Metaphorisch haben sie sich dafür auf eine „Reise nach Jerusalem“ begeben, also zu dem seit Jahrtausenden heiß umkämpften Zentrum der drei monotheistischen Religionen. Ob als Befreiungsschlag oder als melancholisch-poetisches Reflektieren ihrer Wurzeln, ob als Recherche in der jeweils anderen Religion oder in überlieferten Geschichten führen sie die Besucher aus dem areligiös geprägten Berlin – die Stadt, in der sie nun selber wohnen – in einen äußerst eindringlichen Exkurs von Bildern, Installationen, Fotos und Videos.

Sie entführen in das Spannungsfeld religiös begründeter Emotionen jedoch nicht als Flucht vor Traditionen, Skandalen oder radikalen Brüchen, sondern um diese zwischen den positiven und negativen Polen auszuloten. Oft ironisch gebrochen und nie blasphemisch, arbeiten sie sich ab an den Tabus in enger Verbundenheit mit den Ritualen oder am Fehlen des Glaubens an ein höheres Sein, etwa durch das Aufwachsen in sozialistischen, atheistisch geprägten Systemen.

So recherchierte die in der DDR aufgewachsene Iwajla Klinke, 33, christliche Bräuche bei Prozessionen und Kirchgängen, die ihre Wurzeln häufig im Heidentum haben. Bis nach Sizilien zur „Settimana Santa“, der Osterwoche, reiste sie, um Figuren in Schmuckkostümen in gestochen scharfe Porträtfotos zu bannen. Ätherisch androgyn wirkt ein halbnackter Jüngling, der das Herz eines geschlachteten Tieres vor seiner Brust hält, verziert mit weißen Spitzenborten.

Als raumfüllende Installation hat die türkischstämmige Künstlerin Nezaket Ekici, 42, eine „Islamic Chapel“, eine Kapelle mit Kreuz auf der Giebelspitze, gebaut, die es im Islam so natürlich nicht gibt, als Hybris also, deren schwarze Stoffwände mit arabischen Schriftzeilen, Suren aus dem Koran, durchlöchert sind. Licht strahlt aus dem Inneren der muslimischen Heilskapelle.

Mit philosophischen Fragen bewegt sich der Russe Yury Kharchenko, 26, auf seiner Suche in einem permanenten Dialog mit dem „anderen“. Großformatig zeigt er die Überwindung des Bösen in Form eines hohen schwarzen Berges; in einer Serie von kleinen Gemälden findet er in der Gegenüberstellung von Mensch und Fenster – als Symbol des göttlichen Lichts und zu der jüdischen Weise „Wenn Gott in das Denken einfällt“ – zu einer klaren Bildsprache. Der Mormone Stevie Hanley, 29, greift das Höhlenmotiv auf, das auf einer aufgeklappten Zeichnung zugleich den Gang in die Hölle mit homoerotischen Elementen auflädt. Die Kunst sei immer von Religiosität durchdrungen, das ist eine nachdrückliche Behauptung dieser Ausstellung.

Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2. Bis 19. 8., tgl. 12–19 Uhr.

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