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Ausstellung Elams Blüte, Amlaschs Diebe

Ein enormes, von erfolgreicher Diplomatie geprägtes deutsch-iranisches Ausstellungsprojekt in Bonn führt in „Frühe Kulturen zwischen Wasser und Wüste“.

Ausstellung
Rhyton (Trink- oder Spendegefäß) aus Kaluraz, frühes 1. Jhdt. v. Chr. Foto: The National Museum of Iran/Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Manchmal darf es eben etwas mehr sein. Gewiss ist die Ausstellung „Iran – Frühe Kulturen zwischen Wasser und Wüste“ allein aufgrund der Vielzahl an prächtigen und raren Objekten eine Attraktion ersten Ranges. Aber weil der Kooperationspartner nun ausgerechnet der Iran ist, der jüngst noch eine Kunst-Ausstellung in Berlin hat platzen lassen, kommt diesem Ereignis eine besondere Bedeutung zu. Rein Wolfs, Intendant der Bundeskunsthalle in Bonn, hat es beiläufig bei den Danksagungen im Katalog vermerkt: „Als Ausstellungskuratorin hat Susanne Annen mit großem diplomatischen Geschick und interkultureller Kompetenz die gesamte Projektleitung übernommen.“

Aber auch die iranische Seite betont ausdrücklich den politischen Mehrwert. Zahra Ahmadipour, Vizepräsidentin der Islamischen Republik Iran und Direktorin der Iranischen Behörde für Kulturelles Erbe, verweist ganz allgemein auf gegenwärtige Krisen und Katastrophen und meint, dass „das gemeinsame Erbe der Menschheit zu mehr Zusammenarbeit und zur gemeinsamen Suche nach Lösungen“ ansporne. So könnten Auswege „aus politischen Sackgassen“ gefunden werden. Und weil Zahra Ahmadipour auch für Tourismus zuständig ist, hegt sie die Hoffnung, dass die Ausstellungs-Besucher inspiriert werden, „selbst eine Reise zur Wiege dieser reichen Kultur, das heißt nach Iran, zu unternehmen.“

Zwar hätte man sich zeitlich nicht weiter von den Anfechtungen der Gegenwart entfernen können als mit diesem Ausflug in die Zeit zwischen dem 7. und 1. Jahrtausend vor Christus. Gleichwohl wirken die Zeugnisse der frühen Kulturen auf dem Boden des heutigen Iran frisch zupackend und faszinierend fremd.

Wer kennt Elam? Ein Reich im Süden und Westen des heutigen Iran, das seine Blüte zwischen dem 3. und 1. Jahrtausend hatte und dessen Zentrum Susa war? Der Iran selbst hat nicht wenig dazu beigetragen, dass es lange nur eine Randrolle spielte. Das lag an der überragenden Strahlkraft, die das nachfolgende persische Großreich der Achämeniden vor 2500 Jahren entwickelte. Alles schien damals seinen Anfang genommen zu haben – und übersehen oder ignoriert wurde, dass dieses Reich nicht aus dem Nichts entstanden ist. „Neueste archäologische Grabungsfunde und Forschungsergebnisse“, so ist zu erfahren, „machen deutlich, dass der Übergang vom elamischen Reich zu den Achämeniden keinen rigorosen und gewaltsamen Umbruch bedeutete, sondern durchaus von einer gewissen Kontinuität geprägt war.“

Zwar tappt die Forschung noch vielfach im Vagen. Nicht nur rund um Elam, sondern auch bei der Annäherung an die diversen Kleinreiche wie etwa dem der Mannäer oder der Urartäer. Aber was bislang entdeckt wurde in Festungen, Dörfern, Oasen, Gräbern und Tempeln – nicht zuletzt von der Kuratorin Barbara Helwing, die 14 Jahre am Deutschen Archäologischen Institut im Iran gearbeitet hat – ist beeindruckend genug. Es wurde damals Handel getrieben mit Lapislazuli und Alabaster, mit Baumwolle und Tieren – nicht zuletzt mit Pferden, von denen die benachbarte Supermacht der Assyrer gar nicht genug bekommen konnte.

Der Kontakt beförderte den kulturellen Austausch und befeuerte die Kreativität. Das lässt sich an den Leihgaben erkunden, die das Iranische Nationalmuseum zur Verfügung gestellt hat: Flügelschlagende Fabelwesen in Silber, Zähne fletschende Löwenköpfe in Gold und eigenwillige Schnabelkannen aus Ton. Grandios sind die Objekte aus Speckstein, die erst 2001 entdeckt worden sind und seitdem unter dem Namen „Dschiroft“ gefasst sind: Sie zeigen Helden, wie sie wohl in den Legenden triumphierten, und Palmblätter, wie sie in der Oase wuchsen. Diese Raritäten waren bislang ebenso wenig in Ausstellungen zu sehen wie die Beigaben aus zwei Prinzessinnen-Gräbern, auf die Archäologen erst vor zehn Jahren stießen: Armspangen und Schmuckscheiben, die von Machtbewusstsein und Schönheitssinn zeugen. Bei alledem gibt es mehr Fragen als Antworten. Exemplarisch für das Rätsel, das uns die Frühzeit aufgibt, ist die feiste Frauenfigur aus dem 7. Jahrtausend mit schweren Brüsten und fassdicken Oberschenkeln, die merkwürdigerweise ohne Kopf und Hände auftritt.

Erschwert wird die Erforschung der alten Reiche durch die lückenhafte Überlieferung. Dies ist auch dem sogenannten Amlasch-Problem geschuldet: Die Kleinstadt Amlasch, so steht es im Katalog geschrieben, gilt als Zentrum des Handels mit antiken Objekten aus Raubgrabungen. Vor den Archäologen sind leider viel zu häufig Diebe am Fundort.

Die Entschlüsselung wird aber auch dadurch erschwert, dass es fast keine schriftliche Überlieferung gibt. Umso bedeutender ist die Felseninschrift von Bisotun, die um 500 in drei Sprachen – Altpersisch, Neubabylonisch und Elamisch – verfasst wurde und die Entschlüsselung der Keilschrift möglich machte. Das Objekt ist ähnlich einzigartig wie der ebenfalls dreisprachige Stein von Rosette aus dem Jahre 196 vor Christus, der zum Verständnis der ägyptischen Hieroglyphen Entscheidendes beigetragen hat.

Am Ende des Rundgangs ist der Besucher geladen, den persische Garten zu besuchen, der prototypisch auf dem Platz vor der Bundeskunsthalle blüht und plätschert und duftet. Kein Wunder ist es, dass in Persien von einem Paradies auf Erden gesprochen wurde, wenn eine solche Anlage den Alltag mitten in der Wüste erleichterte. Ein ausgeklügeltes unterirdisches Kanalsystem (Qanat) machte es möglich.

Der älteste dieser Gärten, von dem die Forschung weiß, stammt aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Vorstellbar ist nun, dass sich mancher Besucher nach dem Ausflug in die Botanik so sehr gestärkt fühlt, dass er sich gleich noch einmal auf eine Runde durch die Ausstellung macht.
Denn es ist ein faszinierender Schatz vom Anfang der Geschichte, der hier so konzentriert wie kurzweilig ausgestellt wird. Die vielen Blitzlichter, die hier in die Dunkelheit fallen, weisen in ein Land und eine Zeit, die eine Reise wert sind – erst einmal nach Bonn. Dann sehen wir weiter.

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