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Ausstellung Die Metamorphosen des Cézanne

Eine ungewöhnliche Ausstellung in Karlsruhe. Die Küchenpsychologie ist noch nicht vorbei.

Stillleben mit Teekanne
Stillleben mit Teekanne, 1902–1906 Foto: © National Museum of Wales

Der Maler Paul Cézanne (1839–1906) ist für seinen Nachruhm berühmt. Dem zeitgenössischen Publikum schien er handwerklich unzulänglich und künstlerisch grob, während Kollegen – und der geniale Galerist Ambroise Vollard – begriffen, dass sie auf seinen Bildern tief in die Zukunft der Malerei blickten. Die Nachgeborenen bekommen es leicht gemacht, Cézanne zu bewundern, da sie schon wissen, dass sie Arbeiten eines großen Künstlers vor sich haben. Dabei kann sich das vormalige Befremdetsein noch immer einstellen, wenn, wie jetzt in der Kunsthalle Karlsruhe, eine große Anzahl seiner Bilder zusammenkommt und die Rigorosität seines Vorgehens deutlich wird.

Die Beobachtung, dass Cézanne die Welt seinen Bildern in ungewöhnlichem Ausmaß unterordnete, ist nicht neu, gerät aber nach den Herausforderungen der Abstraktion leicht wieder aus dem Blick. Schließlich ist die Welt auf den Bildern zu sehen, sogar eindrücklich. Viele Äpfel, wirklich sehr viele Äpfel, aber auch Landschaften, Menschen. Und doch stößt die große Ausstellung „Cézanne. Metamorphosen“ in der Kunsthalle jetzt besonders entschieden darauf, dass die Stillleben wie Landschaften, die Gesichter wie Gegenden, die Gegenden wie seltsame, aber offenbar organische Wesen sind.

Lehrreiche Sehschule

Und sie geht den verschiedenen Methoden nach, mit denen Cézanne das erreicht. Entsprechend sind die Säle der „Metamorphosen“ nicht wie üblich chronologisch oder motivisch oder entsprechend der – hier zusehends unplausibel wirkenden – Genregrenzen aufgeteilt, auch nicht in der vertrauten Hierarchie, die die Skizze nach unten, das Ölgemälde nach oben stellt. Stattdessen hängt Kurator Alexander Eiling zusammen, was die Methodik betont. Das ist nicht nur effektvoll, sondern auch eine lehrreiche Sehschule, die den künftigen Leiter der Kunst der Moderne im Frankfurter Städelmuseum – von Mitte Februar an – als markanten Ausstellungsmacher präsentiert.

Cézanne tritt uns als Konstrukteur entgegen. Er kopierte mehr, als es sein Ruf als Maler-Maler und Vorbild der künstlerischen Avantgarde nahelegte, aus den Kopien aber entwickelte er wiederkehrende, immer wieder variierte Elemente für seine Bilder – nicht zuletzt, weil er den Kontakt zu Aktmodellen mied und etwa eine Rubens-Bellona in ihrer lässigen Haltung, einen Arm wie von ungefähr über den Kopf gelegt, wiederholt verwendete. Es ist die Häufung der Beispiele und ihre Unterschiedlichkeit – hier die schlicht Badenden, da die symbolisch aufgeladene antike Szene, und im Getümmel immer wieder die schwungvolle Dame –, die zunehmend davon absehen lässt, was Cézanne eigentlich zeigt. Obwohl ihm die Motivwahl ausdrücklich wichtig war. Leiber, Stoffe, Früchte, Berge aber: Alles nurmehr Formen. Die Entmaterialisierung der Cézanneschen Oberflächen trägt dazu entscheidend bei, die seinerzeit Betrachter, ganz auf eine altmeisterlich sinnliche Oberflächenbehandlung eingestellt, ratlos zurückließ.

Ist sie glücklich? Nein, bestimmt nicht

Cézanne baut also seine Bilder, gestaltet, wie Eiling zeigen kann, seine Äpfel auf einer Vielfalt von Ebenen, wie es Delacroix auf seinem enormen Gemälde „Der Tod des Sardanapals“ tat. Auch wenn das im doppelten Sinne steil wirkt, ist es bestechend. Vor allem erklärt es die irritierend aufwändige Anordnung von Früchten zwischen weißen Tischtüchern oder Servietten, alles unheimlich arrangiert und sozusagen untypisch für Obst. Eiling spricht von „stillgelegten Historiengemälden“. Cézannes permanente Rückbezüge machen am Rande klar, dass die Vorstellung von der zu früh gekommenen Speerspitze einer Avantgarde des 20. Jahrhunderts ihn nicht in seinem ganzen künstlerischen Reichtum umfasst.

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