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Ausstellung Der nette Herr Marx

Drei Ausstellungen an vier Standorten würdigen den Philosophen und Kapitalismuskritiker zum 200. Geburtstag.

Christian Ludwig Bokelmann
Christian Ludwig Bokelmann: Im Leihhaus, kurz vor der Eröffnung, 1876. Foto: Galerie Paffrath, Düsseldorf

Vor dem Trierer Stadtmuseum, in der Nähe der Porta Nigra, steht überlebensgroß Herr Marx, pünktlich enthüllt zum 200. Geburtstag des Philosophen und Gesellschaftstheoretikers am vergangenen Samstag. Und tatsächlich war es der verhüllte Marx, der irgendwie einstand für die Diskussion, die um das Denkmal geführt wurde – und die der Stadt auch nicht sonderlich angenehm schien. 

In Erinnerung bleibt die Frage einer Journalistin anlässlich jener vier Marx-Ausstellungen, mit der die Stadt und das Land Rheinland-Pfalz den Trierer Bürgersohn ehren. Ob man, fragte die Dame, dieses Geschenk aus einem Land annehmen dürfe, in dem Pressefreiheit und bürgerliche Rechte, für die Marx schließlich auch gekämpft habe, mit Füßen getreten würden. Darauf antwortete Oberbürgermeister Wolfram Leibe einigermaßen floskelhaft-schmallippig. Wenn Deutschland immer mit erhobenem moralischem Zeigefinger durch die Welt laufe, werde die Zahl von Gesprächspartnern im globalen Maßstab „sehr klein“.

Leider stimmt auch die Darstellung der Dame, Marx habe immer für Freiheit gekämpft, allenfalls zur Hälfte. Der liederlich-geringschätzige Umgang mit liberalen Freiheitsrechten in marxistischer Theorie und kommunistischer Praxis kann sich – leider sei es gesagt – auch auf Marx selbst berufen, der in dieser Hinsicht zumindest ambivalent bleibt. Die revolutionäre Avantgarde im „Kommunistischen Manifest“, die im Unterschied zu allen anderen den Gang der Geschichte kennt – daraus lassen sich auch totalitäre Funken schlagen.

Sporadischer Nachweis der Aktualität

Gehen die vier Marx-Ausstellungen in Trier solchen Gedanken nach? Nicht so richtig, obwohl Marx’ teils katastrophale politische Wirkungsgeschichte im 20. Jahrhundert einigermaßen ausführlich dargestellt wird. Lieber verlegen sie sich auf den sporadischen Nachweis, wie aktuell Marx’ Konzepte angesichts eines eskalierenden Raubtierkapitalismus und einer zunehmenden Aufspaltung der Weltbevölkerung in sehr reich und sehr arm seien. 

Anspruch der vier Schauen ist es, eine „kritische Würdigung“ zu liefern, „die sich von Klischees und Vorurteilen löst“. Diesem Anliegen geht man opulent und gehörig akribisch nach – die Zahl der Leihgeber ist beeindruckend. Es gibt Gemälde, Buchausgaben, Manuskripte, Karikaturen, Comics und auch sonst sind viele Zeitdokumente zu sehen (darunter auch einen Pfeifenkopf mit sozialrevolutionärer Aufschrift). 

Im Rheinischen Landesmuseum und im Stadtmuseum im Simeonsstift ist die große Landesausstellung „Karl Marx 1818-1883. Leben. Werk. Zeit“ lokalisiert. Das ansprechend renovierte Geburtshaus – ein idyllisches, rund um einen von Amselgesang erfüllten Innenhof gebautes Anwesen aus dem 18. Jahrhundert in der Altstadt – beherbergt eine ebenfalls neue Präsentation (mit dem Londoner Sterbesessel), außerdem widmet auch die Katholische Kirche dem Mann, von dem der Satz stammt, Religion sei Opium des Volkes, eine Ausstellung im Museum am Dom. Sie stellt das Thema Arbeit in den Fokus – freilich weniger aus der Sicht von Marx als der der katholischen Soziallehre, für die der Name Oswald von Nell-Breuning steht. Marx und Nell-Breuning – immerhin eine interessante Konfiguration.

Absicht der Kuratoren ist es, die Ausstellungen thematisch zu trennen: Das Marx-Haus etwa widmet sich vordringlich dem Analytiker und Kritiker der kapitalistischen Gesellschaftsordnung wie auch dem Vordenker der Sozialdemokratie – die sich freilich zu dem, was sie heute ist, erst in rigider Abkehr von Marx’ Revolutionsteleologie herausbildete. Die Schau im Landesmuseum stellt Marx vor den Hintergrund der politischen und sozialen Entwicklungen seiner Zeit (Liberalismus, Obrigkeitsstaat, Industrialisierung, Pauperismus), während das Stadtmuseum unter dem Titel „Stationen eines Lebens“ den Schwerpunkt auf die Person von Marx lenkt.
Ganz geglückt ist die Trennung allerdings nicht – vieles überschneidet einander, wirkt doppelt vorgeführt, wobei die Präsentationen den Besucher durchaus nicht erschlagen und überfordern. Wenn man etwas kritisieren könnte, dann wäre es die weitgehende Abwesenheit von neuen Erkenntnissen. 

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