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Ausstellung Das Meer ist Verheißung, mehr noch ist es ein Grab

Das Deutsche Historische Museum in Berlin beschäftigt sich mit Europas Blick auf die Ozeane: Es geht um Sklaven, um ein besseres Leben, um die Toten im Mittelmeer.

Abschied der Auswanderer
Antonie Volkmar: Abschied der Auswanderer, 1860. Foto: Deutsches Historisches Museum, Berlin

Es wäre ein Leichtes aufzuzählen, was man in dieser Ausstellung alles vermisst. Die Geologie zum Beispiel. Über „Europa und das Meer“ eine Ausstellung zu machen, die erst mit dem klassischen Griechenland und dem Hafen von Piräus beginnt, ist schon etwas. Dann aber weiterzumachen, ohne Jules Michelets „La Mer“ von 1861 zu erwähnen oder eines der zahllosen anderen Werke der europäischen Meeresmythologie. Es vergingen ja bis heute kaum fünfzig Jahre ohne neue Beiträge darüber. Aber dazu kein Wort mehr.

Stattdessen ein paar Hinweise auf Dinge, für die man die Ausstellung unbedingt besuchen und die man beim Herumgehen nicht übersehen sollte. Die Ausstellung zeigt in erster Linie Europas Beziehung zum Meer an Hand wichtiger Hafenstädte. Also Venedig, Danzig, Sevilla, Lissabon, Amsterdam, Nantes, London, Bremerhaven, Bergen, Kiel und Brighton. Letzterer stellt den Tourismus als Schlusspunkt der Entwicklung des europäischen Verhältnisses zum Meer dar – als hätte die Antike nicht auch schon den Blick aufs Meer gefeiert. 

Zwei Briefe muss man sich unbedingt ansehen. Der eine ist aus dem Jahr 1549. Der Dominikanermönch Bartolomé de las Casas (1484-1566) schreibt an Seine Majestät Kaiser Karl V. Er verteidigt sich gegen den Vorwurf der spanischen Großgrundbesitzer in den Kolonien, Indios zu Unrecht die Freiheit gegeben zu haben. Angesichts der unmenschlichen Behandlung, der sie durch ihre Herren ausgesetzt seien, so der Mönch, hätte seine Majestät wohl noch mehr von ihnen die Freiheit geschenkt. „Aus all diesen Gründen bitte ich Eure Hoheit inständig, sich bewusst zu machen, dass die Indios keineswegs verpflichtet sind, zugrunde zu gehen, um die Spanier zu versorgen ... .“ Das ist die Stimme Europas – sagen wir heute. Die Ausstellung demonstriert, dass es ganz andere Stimmen gab, die Europa ganz anders schildern. 

Aber zunächst der andere Brief. Er ging am 21. Mai 1590 an Philipp II. Miguel Cervantes schilderte seinem Herrscher darin, wie er in seinen Diensten sein ganzes Vermögen, die Aussteuer seiner Schwestern und seine linke Hand verlor, ohne auch nur einmal eine Belohnung erhalten zu haben. Er tat das sehr sachlich, am Ende aber bat er darum, ihn doch auf eine der vakanten Stellen in der Neuen Welt zu setzen, also zum Beispiel als Rechnungsprüfer in Neu-Granada oder als Buchprüfer für die Galeeren von Cartagena. Wie wir wissen, bekam er keine der von ihm gewünschten Stellen, blieb in Spanien und schrieb den „Don Quijote“, für viele den europäischen Roman schlechthin. 

Man steht vor diesem Brief und fragt sich, welchen Verlauf die europäische Literaturgeschichte genommen hätte, wenn Cervantes ein paar Jahre lang „Buchprüfer für die Galeeren in Cartagena“ gewesen wäre. Thomas Manns „Meerfahrt mit Don Quijote“ hätte vielleicht nie stattgefunden.

Zurück zu den anderen Stimmen Europas. Bei denen spielen Galeeren eine wichtige Rolle. In dieser Ausstellung empfiehlt sich dafür ein Besuch von Nantes an der Loire. Der Hafen der Stadt war ein Zentrum des transatlantischen Sklavenhandels. Eine beeindruckende „Übersicht über den Verkauf von 587 Männern, Frauen und Kindern ... .“ ist im Katalog nicht abgebildet. Schon darum sollte man sich in der Ausstellung mit ihr beschäftigen. Die Übersicht hält fest wer Sklaven und Sklavinnen zu welchen Preisen gekauft hat. Es gibt auch eine genaue Aufstellung, wann welche Zahlungen fällig werden. Die „Übersicht“ stammt von 1788. Für nicht wenige der Sklaven musste erst 1790 gezahlt werden. 

Die Ausstellung erinnert daran, dass die „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ vom 26. August 1789 so wörtlich nicht genommen wurde, wie wir sie heute verstehen. Die Revolution schaffte die Sklaverei nicht ab. Herr Villeneuve wird seine Schulden 1790 wohl noch bezahlt haben. Und er wird auch weiter seine Sklaven und Sklavinnen – wofür auch immer – eingesetzt haben. Der französische Nationalkonvent schaffte 1793 die Sklaverei in der Kolonie Saint-Domingue (Haiti) ab und erst 1794 in allen französischen Kolonien. 1802 machte der Konsul Napoleon Bonaparte das wieder rückgängig. Daraufhin erklärte sich Haiti am 1. Januar 1804 für unabhängig von dem 7000 Meerkilometer entfernten Frankreich.

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