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Ausstellung Das Leben ist nicht schön, aber intensiv

Das Musée d’Orsay in Paris widmet dem Maler und Zuschauer Edgar Degas eine Ausstellung.

Degas
Vier grüne Tänzerinnen, 1899. Foto: Lyon MBA/Photo Alain Basset

Paris war Edgar Degas noch nie sehr zugetan. Der bärbeißige, zum Schluss menschenverachtende Maler, im September 1917 gestorben, erhält erst jetzt eine ebenso verspätete wie versteckte Hommage. Am Eingang des Musée d’Orsay weist kein Schild auf die Ausstellung hin; Eingeweihte müssen sie über den Aufzug ins zweite Stockwerk suchen, dann mit der Rolltreppe drei Etagen höher fahren, um endlich an der Cafeteria vorbei zu den Werken des untypischen Impressionisten zu gelangen.

Die acht verdunkelten Räume sind allerdings proppevoll: Degas bleibt populär, auch wenn ihn die Pariser Kuratoren schneiden - Auguste Rodin etwa, der fast gleichzeitig wie Degas im Kriegsjahr 1917 starb, erhielt im Unterschied zu dem vereinsamten, diskret beerdigten Maler schon damals ein Staatsbegräbnis. Und ein Jahrhundert ehrte ihn der Pariser Grand Palais mit einer großen Retrospektive – während Degas mit der Dachkammer des Orsay vorlieb nehmen muss. 

Das Ausstellungsmotto „Degas Danse Dessin“ (Degas, Tanz, Zeichnung) stammt von Paul Valéry, der zwanzig Jahre nach dem Tod des ihm nahestehenden Malers einen gleichlautenden und bebilderten Essay mit einer Luxusauflage von 305 Exemplaren herausgab. Pablo Picasso war übrigens einer der ersten Käufer. Textauszüge des in Frankreich gefeierten Schriftstellers begleiten die Ausstellung, als würden Degas’ Zeichnungen, Radierungen, Gemälde und Skulpturen nicht genügen. Paul Valéry (1871–1945) war ein großer Bewunderer seines älteren Malerfreundes; allerdings erweitern nur wenige seiner Kommentare die heutige Sicht auf das Werk von Degas. 

Ein Gewinn ist, wie der Dichter die Bewegung und Intensität in Degas’ Werken auf den Ratschlag von Ingres zurückführt: „Zeichnet Linien.“ Valéry meint, Degas vermöge mit seinem Zeichenstift „zu schauen“ – vielleicht mit ein Grund dafür, dass Picasso seinen Kollegen zu Unrecht als Voyeur bezeichnete. Zahllose Studien von Händen, Hüften oder Gesichtern fügt Degas in fast klinischen „Operationen“, wie Valéry schreibt, zu ganzen Körpern, die meist in gespannter Bewegung und voll intensivem Leben sind. Degas schafft indes keine Frankensteinschen Monster, er schafft Tänzerinnen. Oder wie Valéry schreibt: „Er fängt sie eher ein, als er sie schön macht. Er definiert sie.“

Die bekannteste seiner „danseuses“ hat er nicht auf dem Papier oder der Leinwand erfasst, sondern als Wachsfigur: Die „Kleine Tänzerin“ von vierzehn Jahren: Ein Meter hoch, in Wachs modelliert, mit einem Ballettröckchen, Korsett und echten Haaren, war sie der Skandal des Pariser Salons von 1881. Zu realistisch, zu lebensecht – lebendig. Frech und unendlich fragil, mager und arm, eine Pose einnehmend und doch nicht zu bändigen (oder eben „einzufangen“); den rechten Fuß quergestellt, das Antlitz in die Ferne gerichtet, jedenfalls dem Bildhauer entzogen. Die heute in fast dreißig Bronzeskulpturen über die ganze Welt verstreute Skulptur bildet ganz natürlich den Mittelpunkt der Degas-Ausstellung. 

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