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Ausstellung Das Gesicht der „Richterin Gnadenlos“

Anregende, fesselnde Arbeiten der Malerin Rissa in den Kunstsammlungen Chemnitz.

Rissa
Die Künstlerin Rissa spricht in den Kunstsammlungen Chemnitz über ihre Arbeit „Kirsten (Heisig) allein“, 2010/2018. Foto: dpa

Vor dem Porträt im Ausstellungssaal der Chemnitzer Kunstsammlungen bilden sich immer wieder Gruppen, Frauen und Männer. Man sieht ihren Mienen an, dass sie ganz gut Bescheid wissen, wer da dargestellt ist, die Geschichte ging ja vor acht Jahren monatelang durch die Medien, durchschnitt die Meinungslandschaft in Befürworter und Gegner. Und als die Porträtierte tot war, lösten sich die Lager in Entsetzen, Empörung und Mitleid auf. Fast niemand im Publikum redet, es ist, als fehlten den Leuten die Worte, nicht wegen der hart-strukturartigen Malweise, sondern wegen der tragischen Geschichte hinter diesem Bildnis der „Kirsten (Heisig) allein“.

Der Malerin Rissa aus Rheinland-Pfalz verdankt die Kunstwelt das mutige Porträt der ehemaligen Berliner Jugend-Richterin Kirsten Heisig, die ihrem Leben mit nur 49 Jahren im Jahr 2010 im Berliner Grunewald ein Ende setzte. Die Juristin war bekannt geworden für ihr konsequentes, aber ebenso umstrittenes „Neuköllner Modell“ in der raschen und harten Strafverfolgung jugendlicher Täter. Aber Heisigs Courage mündete für sie, die Gegnerin der in der Sache nicht weiterführenden Sozialromantik, in Isolation, Einsamkeit, im Scheitern an gesellschaftlichen Strukturen und an der Ablehnung durch ihre Kritiker, die sie „Richterin Gnadenlos“ nannten.

Nicht zuletzt zerbrach sie am eigenen, sie bis zur Erschöpfung ausbrennenden und alle Lebensfreude tilgenden Ehrgeiz. Eine Frau, die nicht mehr zurückfand und mit sich selbst und ihrem Umfeld geduldiger werden konnte. In diesem Gesicht hat die Farbe ihre Bindung an die Gesichtszüge der Porträtierten vollends verloren. Es ist ein Puzzleteil-Porträt, ein maskenhaftes Objekt in einer Maschinerie, kein Subjekt. Sie habe der couragierten, aber so tragisch geendeten Richterin ein Denkmal setzen wollen, sagt die couragierte Malerin Rissa.

Jahrzehntelang war die Künstlerin vor allem die Frau hinter dem berühmten Mann, dem legendären Düsseldorfer Rasterbilder- und Rakel-Maler Karl Otto Götz (1914–2017). Rissa, alias Karin Götz, kam vor 80 Jahren im Chemnitzer Ortsteil Rabenstein zur Welt. 1953 floh sie mit ihren Eltern aus der DDR in den Westen – aus politischen Gründen. An der Düsseldorfer Kunstakademie war Götz ihr Lehrer, 1965 heiratete sie ihn. Das Paar ließ sich in Niederbreitbach-Wolfenacker nieder. Auch sie lehrte, wie K.O. Götz und noch lange nach dessen Emeritierung, an der Kunstakademie Düsseldorf.

Die beiden bildeten gerade am Ende seines Lebens vor den Augen der Welt eine seltene Symbiose. Als der greise Maler erblindete, wurde sie zu seinem Auge und zu seiner Führhand für Pinsel und Rakel, mit dem er die geschütteten Farben durchpflügte. Ihre Malerei freilich stand da zumeist im Schatten der seinen. Götz bekam im hohen Alter immer häufiger Retrospektiven, das verschlang ihre Kraft.

Jetzt nun hat Rissa, wie sie sich seit 1964 nach der herb-rauen norwegischen Region mit alten Holzhäusern am Wasser nennt, eine eigene große Ausstellung. Die Kunstsammlungen Chemnitz und damit die soeben in Pension gegangene Direktorin Ingrid Mössinger haben die einst verlorene Tochter der Stadt eingeladen. Und die bedankt sich – auch anlässlich ihres Achtzigsten – mit 30 Gemälden, die sich deutlich unterscheiden von denen ihres Mannes, ausgenommen einiger Details, die wie kleine Zeichen durch die Bildfläche flattern.

Rissa malt gegenständlich, figürlich, prägnant, fast plakativ, aber nie lärmend und ohne jede Aufdringlichkeit. Es ist ein nicht mit der Pop Art der siebziger Jahre zu verwechselnder Stil, weist aber einige Elemente davon auf, wie die fast ins Surreale vergrößerten Hände mit knallroten Fingernägeln und einem bedrohlich scharfen Messer. Oder den Fingern am spitzen Reibeisen, vielsagend der Titel: „Große Phobie“.

Alles in ihrem harten Stil wirkt ins Gefährliche getrieben. Auch „Die Schaukel“. Gerade das Motiv lässt an den französischen Kubisten Fernand Léger und dessen Malweise denken,in der Figuren wie Maschinen-Menschen wirken. Rissa malte die roten Haare der arabeskenhaften Frau aus einem einzigen breiten Pinselzug, flatternd wie eine Flagge – unübersehbar eine Referenz an K.O. Götz. Derweil aber die männliche Figur, eine Roboter-Gestalt, beim Schaukeln abstürzt.

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