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Ausstellung Balanceakte des Lebens

Der Mode-Fotograf Juergen Teller unterhält und provoziert im Gropius-Bau Berlin.

Enjo Your Life!
„Plates/Teller, No.75“, 2016. Foto: Juergen Teller

Diese Art von Humor muss man mögen. Oder ertragen. Der 1964 bei Erlangen geborene Juergen Teller – er schreibt sich mit „ue“, seit er Mitte der Achtziger nach England zog – hat seiner großen Schau im Berliner Martin-Gropius-Bau den entspannt klingenden und doch ernst gemeinten Titel „Enjoy Your Life!“ gegeben.

Vor Monaten noch richtete er diese komisch-dreist-ironische Aufforderung an Heerscharen von Besuchern der Bonner Bundeskunsthalle. Da gab es viel Zuspruch und mindestens ebenso viel Gegenwind für derartig „schräge“ Fotokunst. Nun, im Frühling 2017, geben im Gropius-Bau, dem Kunstschaufenster der Berliner Republik, 250 Teller-Fotografien Einblick in sein Gesamtwerk. Da konfrontiert der berühmte Mode-Fotograf – der von Louis Vuitton über Marc Jacobs bis Céline die Kampagnen der wichtigsten Labels fotografierte – das hiesige Publikum mit der „Marke Teller“. Die ganze Schau ist eine riesige Collage, eine Art Bilderzählung über unsere Zeit.

Und überall Teller. Stöße von Namens-Stellvertretern in Vitrinen, auf den Fotos, teils mit solchen bedruckt. Nicht selten sieht man Porträts der eigenen Familie, gleich am Eingang mit dem liebevollen Konterfei der alten Mutter, die ein Band mit dem Namen des Sohnes hochhält. Oft sind die Teller mit Kuriosem, Bizarrem, Anzüglich-Erotischem bedacht: Da wäre ein Turm kopulierender Kröten, unweit davon ein glotzender, sich aufplusternder Frosch.

So viel Selbstironie inklusive Selbstvermarktung muss also sein. Bis hin zur Clownerie, dem tragikomischen Bruch des Lustigen. Es ist nicht zu übersehen: Übertreibung wird bei Teller zum Konzept. Gerade auch, wenn es um Prominente geht. Eva Herzigova etwa lässt der Fotograf für die Serie „Plates“ mit einem Teller posieren. Schauspieler Lars Eidinger macht einen auf Persiflage, nackt in Nylonstrumpfhosen. Er mimt Venus, die Schaumgeborene. Unter seinen Füßen ein Foto – sein Kopf auf einem Teller, der zur Aureole wird.

So schön überhöht kommen andere VIPs nicht weg: Kanye West posiert im Waldgeist-Fell mit Teller. Topmodel Saskia de Brauw krabbelt auf allen Vieren über den Rasen wie ein Käfer. Und Victoria Beckham steckt in einer riesigen Shoppingtüte, die Beine steif gespreizt, wie eine Barbiepuppe.

Wer sich vor die Kamera Tellers begibt, muss also mit allem rechnen, im schlimmsten Fall mit der ungeschönten Wahrheit, wie sie Akt-Porträts der alternden Vivienne Westwood zeigen. Der Fotograf mixt nicht nur obsessiv Accessoires, die so gar nicht zusammenpassen, wie etwa Pudelmützen, Bademäntel, Shorts, Strapse, Lebensmittel – und Cannabispflanzen in pinkfarbenem Licht. Er wählt auch konsequent wenig schmeichelhafte Lichtverhältnisse für seine Modelle wie für sich selbst. Und mit Vorliebe lächerliche Posen. Da steht er selber im roten Anorak und mit Rollkoffer auf einem Stockhaufen hinter einem alten Gehöft. Wie zum Zeichen: Naturbursche statt Jetset.

Absurdes mutet er auch Tieren zu, die ja aber wohl weniger eitel sind als Promis: Ein Esel schleppt einen Heuhaufen mit sich, so dass vorn bloß noch der Kopf rausguckt, wie aus einem Schneckenhaus. Und auf einer Indienreise 2014 kam Teller in Kolkata gar eine Wildsau vor die Linse, die neben dem eigenen schwarzgrauen Frischling stoisch vier weiße Hausschweinferkel säugt. Trotz oder gerade wegen der Kuriosität und der Drastik seiner Bilder gibt es kaum einen bekannten Menschen, der nicht vor Tellers Kamera posieren würde, die deutsche Fußballnationalmannschaft eingeschlossen. Was für Waden. Den schönsten Körperteil Kim Kardashians lässt er auftreten als Star. Sie robbt bodenständig über einen Lehmhügel. Zumindest obenrum wärmt ein Pelzjäckchen.

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