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„Artige Kunst“ Wer hat Angst vor Blut und Boden?

Die Situation Kunst in Bochum stellt „artige“ NS-Kunst aus – und entzaubert so ein Museums-Schreckgespenst.

Hans Schmitz-Wiedenbrück: Familienbild (vor 1939). Foto: German Art Gallery, The Netherlands

Als sich der Sammler Peter Ludwig 1986 zu Arno Breker bekannte, war die Empörung groß – schließlich war der Bildhauer einer der Lieblingskünstler Adolf Hitlers, einer der vom NS-Staat gefeierten „Gottbegnadeten“. Gerhard Richter und andere Künstler trugen sich in eine Unterschriftenliste gegen Ludwig ein, wenige Tage nach Eröffnung des nach ihm benannten Kölner Museums war das ohnehin ramponierte Ansehen des Aachener Industriellen erst einmal dahin.

Dabei ging es Ludwig keinesfalls darum, Breker in seinem Museum auszustellen – seine Breker-Büste blieb im Büro – oder die Nazi-Kunst als Ganzes wieder hoffähig zu machen. „Ich halte es für eine Blickverengung“, sagte er damals, „zwölf Jahre aus der deutschen Geschichte ausradieren zu wollen. Es ist eine absurde Vorstellung, am 30. Januar 1933 hätte die Bildkunst aufgehört. Aber unsere Museen tun heute so.“

Im Grunde gilt Ludwigs Einschätzung heute immer noch. Tausende vom NS-Staat angekaufte Gemälde und Skulpturen lagern gut verschlossen im Depot des Deutschen Historischen Museums oder in Kunstmuseen, deren Leiter sich im „Dritten Reich“ um die Pflege der deutschen Kunst verdient machen wollten. Und immer noch ist die Aufregung groß, wenn ein Museum solche NS-Kunst aus dem Giftschrank holt. 2015 hängte die Neue Pinakothek in München die Bilder zweier Hitler-Günstlinge neben Werke der von den Nazis als „entartet“ diffamierten Maler Max Beckmann und Otto Freundlich. Zum Vergleich. Und als historisch-kritische Betrachtung. Oder etwa doch, um einige der „besseren“ Künstler der NS-Zeit zu rehabilitieren?

In der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“ ist die Verlockung, einen frischen Blick auf die NS-Kunst zu legen und dabei die eine oder andere kunsthistorische Perle aus dem braunen Sumpf zu fischen, vielleicht besonders groß – die Münchner Museen sind mit Blut-und-Boden-Malerei eben besonders reich gesegnet. Aber auch andere Museumsleute treibt die (bange) Frage um, wie man mit diesen Zeugen der Vergangenheit umgehen soll. Und ob das schleichende Gift der Nazi-Propaganda vielleicht noch wirkt.

Auch in der Situation Kunst in Bochum haben sie sich darauf gefasst gemacht, dass die „falschen“ Bilder bewundert werden. Und dann doch einen Schreck bekommen, als sich ein Transportarbeiter lobend über die NS-Malerei an den Wänden äußerte: So was könne man sich doch wenigstens übers Sofa hängen.

„Artige Kunst“ hat Alexander von Berswordt-Wallrabe, Begründer der Situation Kunst, die Ausstellung betitelt; „artig“ steht für die Kunst der NS-Zeit und für den Gegensatz zur angeblich „entarteten“ Moderne; auch deren Werke sind in Bochum zu sehen.

Kurz vor der Eröffnung entschloss sich von Berswordt-Wallrabe, jedes „artige“ Kunstwerk der Ausstellung mit einem entsprechenden Schildchen zu versehen – als bestünde sonst akute Verwechslungsgefahr. Schon wenige Tage später fand er diese Vorsichtsmaßnahme selbst übertrieben. Mittlerweile wurden die „artig“-Schilder wieder entfernt.

Ohnehin wird man in Bochum nicht von großformatigen „Blut-und-Boden“-Gemälden empfangen. Sondern von fotografierten Leichenbergen aus Bergen-Belsen und gezeichneten Folterszenen aus den Verliesen der Gestapo. Man muss durch diese Schleuse der historischen Erinnerung, um zur „artigen“, Kunst zu gelangen: zu Gerhard Keils blonden Hünen, den Bauernfamilien auf deutscher Scholle, von Robert Schwarz erträumten gebärfreudigen Frauen oder den antiken Mythenfiguren eines Ivo Saliger. All diese Gemälde als Kitsch abzutun, würde wohl zu kurz greifen.

Alexander von Berswordt-Wallrabe will vielmehr die Kunstpolitik der Nazis entschlüsseln und damit einen wesentlichen Teil der NS-Propagandamaschinerie. Schließlich standen die Künste in Deutschland nie höher im Kurs der Politik als zur Zeit der Nazi-Barbarei.

In Bochum wird vor allem eines deutlich: Während die Nazis der Moderne in Film, Architektur und Design teilweise aufgeschlossen gegenüberstanden, sortierten sie in den bildenden Künsten alles Moderne rigoros aus. An die Stelle der „entarteten“ Malerei traten Bilder unberührter Natur, idealisierte Akte und Genreszenen einer Welt vor dem Industriezeitalter.

Epigonal und hundsmiserabel

Mit dem modernen Stil verschwand auch die moderne Wirklichkeit, es gab kaum noch Ansichten des Großstadtlebens oder der industriellen Arbeitswelt; auch der deutsche Soldat erscheint in der Regel nicht als Kämpfer, sondern als Familienmensch.

Gegen diese Weltsicht stellen die Bochumer Kuratoren berühmte Pressefotos der Kriegswirklichkeit und Werke „entarteter“ Künstler. Mitunter folgt die Pärchenbildung einer grimmigen Lust an der Zuspitzung: Ein gestählter Zehnkämpfer von Arno Breker blickt auf Karel Niestraths „Hungernde“ herab und ein schönfärberisches Gemälde des Steinbruchs Flossenbürg – hier mussten sich KZ-Insassen buchstäblich zu Tode schuften – hängt neben einem Prachtschinken des von den Nazis aus großen Steinquadern errichteten Münchner Haus der Kunst. So will Alexander von Berswordt-Wallrabe die Besucher darauf stoßen, dass von der Vernichtung ein direkter Weg zur Kunstproduktion unter den Nazis führt. Und eine, wie er findet, zu Unrecht eingeschlafene Diskussion wiederbeleben.

Das ist ihm zweifellos gelungen. In der „Zeit“ wurde etwa moniert, die NS-Kunst würde durch den übervorsichtigen Versuch, sie einzuhegen und zu „entzaubern“, mit einer Bedeutung aufgeladen, die sie gar nicht hat. Tatsächlich folgte die bildende Kunst im NS-Staat keinem politischen Programm, sondern sie führte die von der Moderne hinter sich gelassenen Traditionen des 19. Jahrhunderts fort. Anstößig sind die meisten Bilder auch nicht wegen ihres Motivs, sondern wegen ihrer Entstehungszeit: Während ein Paul Junghanns im Jahr 1940 auf der deutschen Scholle noch mal den Pflug anspannen lässt, geht die Welt in Flammen auf.

Aber was ist durch diese Weitung des Blickwinkels gewonnen? Es gibt weiterhin genug Gründe, die NS-Kunst abzulehnen: wegen ihrer falschen Versprechen auf einen heile Welt; ihrer perfiden Ablenkungsstrategien und ihrer Huldigung angeblich zeitloser Familienbilder und Geschlechterrollen; oder einfach, weil sie so oft epigonal und hundsmiserabel ist. Letztlich reicht das alles jedoch nicht aus, um die Angst der Museen vor der NS-Kunst zu erklären.

Vermutlich wirkt hier noch das historische Erbe der Nachkriegszeit nach, als die deutschen Museen fieberhaft den verlorenen Anschluss an die Moderne suchten und die „entartete“ Kunst zum Ausdruck einer geglückten Entnazifizierung wurde. Ein guter Teil des Publikums wollte diese ästhetische Wende schon damals nicht mitmachen, und auch heute gibt es viele Museumsbesucher, die auf Bildern klassisches Handwerk sehen wollen. Das macht sie selbstredend weder zu Nazis noch zu schlechten Menschen. Aber für die auf dem Fundament der Moderne errichteten Museen sind sie trotzdem ein Schreckgespenst.

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