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Artfoyer der DZ Bank Künstlerisches Licht auf falsche Trophäen

Zwei Stipendiatinnen der Kunstsammlung nähern sich im Art Foyer der Nazi- und Kolonialzeit.

Artfoyer der DZ Bank
Sara-Lena Maierhofer, aus der Serie „Kabinette“. Foto: Sara-Lena Maierhofer

Jüdisch. Jüdisch. Jüdische. Jüdische. Jüdische. Jude. Jude. Jude. Jude. Juden. Und immer so weiter. In alphabetischer Reihenfolge von A bis Z listet die in Wien lebende Künstlerin Tatiana Lecomte in der von den Nazis dekretierten „Deutschen Normschrift“ jedes einzelne Wort auf, das der SS-Führer Jürgen Stroop in seinem Bericht über die Auslöschung des Warschauer Ghettos gebrauchte.

Ihre akribische Zusammentragung auf etlichen Din A4-Seiten ist derzeit unter anderem im Art Foyer der DZ Bank zu sehen, nachdem Lecomte neben der Künstlerin Sara-Lena Maierhofer eines von zwei Projektstipendien der Kunstsammlung der DZ Bank erhalten hatte.

„Es gibt keinen Stroop-Bericht mehr“ hat Lecomte ihr Werk genannt, in Anlehnung an eben jenen 128 Seiten umfassenden Rapport des SS-Schergen, der darin wie zum Triumph und Beleg die Zerstörung des Warschauer Ghettos beschreibt – mit gleicher Akribie, mit der ihn Lecomte für ihre mehrmonatige Arbeit auseinandergenommen hat, bis auf jedes Komma, jeden Punkt, die sie am Ende auflistet. Unterläuft ihr ein Fehler mit der eigens erlernten Nazi-Schrift, setzt sie neu an, wie zu sehen ist.

Der bloße Entstehungsprozess, gewissermaßen eine quälende „Strafarbeit“, trifft dabei auf die Grausamkeit des Stroop-Berichts selbst. Mit dem Auseinandernehmen hat ihn Lecomte zugleich überwunden, lässt es ihre Auflistung doch nicht mehr zu, die grausamen Botschaften des einstigen Rapports zu rekonstruieren. Es gibt eben keinen Stroop-Bericht mehr.

Neben ihrer künstlerischen Auflösung des Stroop-Berichts hängt dann auch ein Bild vom Warschauer Ghetto, aus dem monströser Rauch aufsteigt. Es war zuerst eine Aquarellmalerei, die Lecomte abfotografiert hat – ein bewusster Bruch mit der Motivwelt, die für Aquarellarbeiten eigentlich typisch ist. Sie durchdringt das Entsetzliche somit mit allen Mitteln, die der Kunst zur Verfügung stehen, und legt den Finger einmal mehr in die Wunde dessen, was im Letzten doch unbegreiflich bleiben muss.

Gegenüber von Lecomtes Werken sind Arbeiten ihrer Mitstipendiatin Sara-Lena Maierhofer im Art Foyer zu sehen. Ihre Werke sind plexigläserne Verschachtelungen, auf denen jeweils ein leicht verzerrtes, schattenreiches Artefakt hineinverewigt ist. Es sind Artefakte, wie sie in völkerkundlichen Häusern wie dem Frankfurter Weltkulturen Museum, dem Leipziger Grassi Museum für Völkerkunde oder dem Humboldt Forum in Berlin zu sehen sind. Artefakte, die über die koloniale Vergangenheit nach Deutschland gekommen sind, als Trophäen eines vermeintlich glorreichen Siegeszuges der Deutschen auf fremdem Terrain.

Es trifft sich, dass die Plexiglasvorrichtungen, die mit den abgebildeten Artefakten eine gleichsam verschobene Symbiose eingehen, eben jene Grundrisse abbilden, in denen die gezeigten Trophäen heute ausgestellt sind. Maierhofers Werke werden so zum Politikum im Kleinen, worüber die offene Frage schwebt, inwiefern Objekte, die als Beute nach Deutschland kamen, angemessen gezeigt werden können.

 

DZ Bank Art Foyer , Frankfurt:

bis 9. Februar.

www.dzbank-kunstsammlung.de

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