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Architekturmuseum Rettung der Betonmonster

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt liefert eine internationale Bestandsaufnahme des Brutalismus und ruft vehement zu dessen Erhalt auf.

Rozzol Melara, Triest, Italien, 1969–1982 Foto: Paolo Mazzo

Außenhaut, so ist es nicht zu übersehen. Außenhaut pur, so sollte es sich unbedingt aufdrängen. Denn ob Holz, Stein oder Stahl, die Materialien, aus denen die dritte Haut des Menschen gemacht ist, die Architektur, sollte tunlichst ungeschönt wirken. Dafür stand das französische Wort „brut“ zur Verfügung. Doch um es nicht nur bei dem Begriff zu belassen, der auch so viel wie herb bedeutet oder roh – um die Dinge auch wirklich in die Hand zu nehmen, setzte man auf den „béton brut“, ein Le Corbusier an erster Stelle. Sichtbare Betonoberflächen, Stahlbeton in seiner gröbsten Ausfertigung. Fassaden der rüden Art, ungeschminkte Außenhaut. Auch heute erzielt dieser Brutalismus immer wieder Gänsehaut pur. Aber warum nur? 

Wenn ab heute das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt gemeinsam mit der Wüstenrot Stiftung brutalistische Bauwerke zeigt, dann handelt es sich erstmals um den weltweiten Überblick über eine Architekturentwicklung der 1950er bis 1970er Jahre. Das Wort Brutalismus, 1953 von den britischen Architekten Alison Smithson und Peter Smithson aufgebracht, ein Jahr später bereits ein Etikett für ihre eingeweihte Schule in Hunstanton, sollte noch nicht mit dem Wort brutal in Verbindung gebracht werden. Es dauerte allerdings gar nicht lange, da war es manchem Baumeister schon recht, mit dem Begriff nicht nur schillernd zu hantieren, sondern mit dem Gebäude richtig grobe Wirkungen zu erzielen. 

Fotos und Kartonmodelle, 3D-Gipsdrucke und Betongüsse machen im DAM unmissverständlich klar, wie wenig es bei einer brüskierenden Vokabel blieb, sondern vielmehr um eine brüskierende Architektursprache ging. Gerade die an der Universität Kaiserslautern verfertigten etwa 25 Betongüsse, keiner größer als ein Schuhkarton, reihen sich auf zu einer kleinen Parade von Skulpturen, die im Zusammenspiel mit jüngeren oder aktuellen Fotos der Bauwerke den Brutalismus anschaulich machen. Sicherlich den kühnen Schwung des Technikinstituts von Enrico Castiglioni und Carlo Fontana im italienischen Busto Arsizo.

Die Monster sollen gerettet werden

Auch das wahrhaftig gewaltig auskragende Dach eines Kinos im armenischen Eriwan – einen allerdings auch enorm gewalttätig wirkenden Dachüberstand. Vollkommen verkommen wirkt das Lycée Sainte Marie in Lyon, und in das Krankenhaus Sarah Kubitschek in Brasília durfte sich der Patient womöglich nicht nur eingeliefert, sondern in ihm ausgeliefert fühlen. Arieh Sharon und Eldar Sharon dachten bei ihrer Bank of Israel ganz offensichtlich an ein architektonisches Sinnbild für einen Betongeldspeicher. Die Ausdrucksweise des Brutalismus hat immer wieder auf bewusst extreme Ausdrucksformen gesetzt. 

Die Ausstellung tritt an unter dem Slogan: „SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster“. Ein wenig schillernd ist von ihnen die Rede, ironisch, aber auch respektvoll, nicht nur erschrocken, vielleicht nicht direkt ehrfürchtig, aber doch elegisch. Denn die Monster sollen gerettet werden. Das DAM beruft sich bei seinem Hilferuf auf die Webseite www.SOSBrutalism.org auf der über tausend Bauwerke verzeichnet sind, darunter 108 Bauwerke, die die Betreiber, Aktivisten, nach dem Muster eines Artenschutzprojektes auf die „Rote Liste“ gesetzt haben.

Auch Oliver Elser, der die Ausstellung kuratiert hat, sieht den Brutalismus, anders als das Bauerbe der Postmoderne, „unter Druck“. Weniger das Technische Rathaus in Frankfurt, wohl aber die beiden weiteren in den letzten Jahren abgerissenen Brutalismus-Exemplare in Frankfurt, der AfE-Turm auf dem Uni-Gelände sowie das Historische Museum erscheinen ihm als Projektionsflächen einer geschichtsvergessenen Abrissmentalität.

Bei dem Uniungetüm ebenso wie bei dem Museumsmonster hätte man angesichts der „robusten Struktur“ über einen Umbau nachdenken können – wenn man denn anderes gewollt hätte als ein brutales Vorgehen an den Tag zu legen. „Es kommt drauf an, was man draus macht“, zitiert das DAM den Slogan des Betonmarketings Anfang der 70er Jahre, vollkommen zu Recht. Zudem um in eine Werkstoffkunde einzuführen. Wasser, Zement sowie ein Gemisch aus Steinen und Sand, daraus ist der Beton gemacht, daraus entstand ein so expressives Beispiel wie das Duisburger Lehmbruckmuseum, wo der brettergeschalte Beton aus einer herrlichen, holzartigen Maserung besteht, ungemein fotogen. Sollte der Beton nach Entfernung der Schalung durch die behutsame Hand bedächtiger Handwerker bearbeitet werden, so ist von gestocktem Beton zu sprechen – so ebenfalls im DAM gut zu sehen, und man darf dann von einer sehr feinen Sache angetan sein. 

Nicht nur eine Entwurfshaltung, sondern eine Ideologie

Erstaunlich auch, wie sehr im Kirchenbau bezwingende Objekte entstanden sind, besonders eindrucksvoll durch die berühmte Wallfahrtsstätte von Neviges, die Gottfried Böhm im Bergischen Land schuf. „Im Sakralbau“, so schreibt der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt im Katalog, „verhalf der brutalistic turn der Architektur zu Emotionen, die breiter und tiefer ausfielen als in den Nutzsparten.“

Tatsächlich konnten die „Sakralbrutalisten“ (Pehnt), trotz der Wucht ihrer Architekturen, trotz Monumentalität und pathetischer Überhöhung, so etwas wie ein Obdach vermitteln. Gelegentlich bildet das Genre einen Umkreis der Geborgenheit aus, während das Gros der brutalistischen Bauwerke keinen Unterschied erkennen lässt zwischen Getreidesilo und Wohnsilo. 

Im DAM gibt es Hinweise darauf, dass der Brutalismus nicht nur eine Entwurfshaltung war, sondern eine Ideologie. Im brasilianischen São Paulo war es Mitte der 60er Jahre ausdrücklich ein Ansinnen, die Außenfassaden eines Architekturinstituts durch geschlossene Wandflächen zu bilden. Ein Ausbildungsbunker. Im „Mäusebunker“ in Berlin, einer Tierversuchsanstalt, identifiziert die Ausstellung eingestandenermaßen den „unheimlichsten Bau der deutschen Nachkriegsmoderne“. Es gibt in dem weltumspannenden Überblick allerdings weitere Gehäuse, in denen Lebewesen wie in Zellen oder Boxen gehalten werden, in „Großstrukturen“, in denen das soziale Elend dermaßen leichtes Spiel hat, dass „Vele di Scampia“ in Neapel zum Tummelplatz für eine TV-Mafia-Serie wurde. 

Wenn behauptet wird, die von 1962 bis 1969 errichtete Boston City Hall sei eine Anspielung auf die italienische Palastarchitektur, namentlich den Palazzo Strozzi, und solle das Selbstbewusstsein der Bürger zum Ausdruck bringen, so ist das eine wahrhaftig ungetüme Vorstellung. Denn das Bauwerk ist gestalterisch ein schier unheimlicher Fehlschlag, es sei denn, man will es unbedingt in der Tradition der Bauwunder der Toskana ebenso wie von Le Corbusiers La Tourette verstehen.

Die Ausstellung zeigt den Brutalismus in seiner Ambivalenz. Die Abbildung des Innenraums, den Paul Herbé und Jean Le Couteur für die Kathedrale Sacré-Coeur in Algier erdachten, gibt einen Eindruck von den grandiosen Gestaltungsmöglichkeiten des béton brut. Demgegenüber ballt sich der gebaute Schrecken vor allem bei den Wohnbauten. Der Brutalismus mag kühne Bauwerke hervorgebracht haben – er ist nie der architektonische Ausdruck einer offenen Gesellschaft gewesen. Für diese Erkenntnis muss man nicht einen Sportpalast im kambodschanischen Phnom Penh näher inspizieren. Oder Belgrads Institut für Stadtplanung auch nur zur Probe aufsuchen. 

 „Die Monster funken SOS“, so heißt es im Katalog, und dadurch wird in der Schau ein architekturhistorisches Credo formuliert, das sich „aktivistisch“ versteht, „nach vorne gerichtet, kämpferisch: SOS Brutalismus rückt die Frage von Denkmalwert und -erhalt ins Zentrum.“ Angesichts der Ressourcenverschwendung von Material und Substanz ist das eine unbedingt nachhaltige Haltung, mit der sich ein Bleiberecht für das eine oder andere Monster begründen lässt. 

Oliver Elser und sein Assistent Felix Torkar haben bei ihrer weltweiten Spurensuche eine enorme Bestandsaufnahme geleistet. Und doch, um für die überzeugenden Beispiele dieser Handschrift einzunehmen, hätte man sich nicht nur die Abbildung von Kenzo Tanges Ölraffinierieartigem Kulturzentrum Yamanashi gewünscht, sondern auch dessen archaisch anmutenden Archen für die Olympischen Spiele 1964 in Tokio.

Oliver Elser ist zuzustimmen, wenn er im Brutalismus eine enorm rhetorische Handschrift ausmacht, neben diesem ästhetischen, eigentlich hochartifiziellen Duktus einen äußerst heroischen. Architektur aus dem Geist einer Überwältigung. Der Brutalismus setzte das Versprechen ehrlicher Fassaden in die Welt. Es blieb nicht dabei, die Form war übergriffig - und griff auf die Funktion über. Eine Pyramide ist sicherlich eine grandiose geometrische Figur – die so aufgetürmte „La Pyramide“ in Abidjan (Elfenbeinküste) ist ein aufgetürmter Schrecken. Hinzu kommt, dass die große Betoneuphorie, der Glaube an einen robusten Baustoff, sich als trügerisch erwiesen hat. Beton hat sich nicht nur als alterungsfähig, sondern als anfällig erwiesen.

Außenhaut pur – Gänsehaut pur. Doch warum, aus schierem Entsetzen oder freudiger Erregung? Am Anfang eine der aus dramatischer Untersicht aufgenommenen Betonschalen der großartigen Sydneyoper Jörn Utzons – am Ende die Aneinanderreihung alles andere als feinsinniger Frankfurter Exemplare aus der Zeit des Brutalismus. Tatsächlich zeigt die Promenade durch das DAM, durch zwölf Regionen der Welt, vorbei an fünf Themenfeldern, dass der ungeschönte Ausdruck, den die Architektur für ein wahrhaftig nur selten unbeschwertes Leben findet, den Menschen in permanent prekäre Verhältnisse einspannt. Es ging dem Brutalismus nicht nur um eine brüskierende Bauweise, er hat auch das Urteil über eine Lebensweise verhängt. Eine rüde Architektur als Anmaßung pur. 

Wasser, Zement sowie ein Gemisch aus Steinen und Sand: Mehr braucht es nicht für Beton. Für den Brutalismus wurde immer wieder ein Überschuss an Gesinnung zugeschlagen. Was bleibt? Auch der Gedanke, dass sich aus dem architekturhistorisch motivierten Slogan „SOS Brutalismus“ zwangsläufig der anthropologische Notruf ergibt – Save Our Souls.

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