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Arbeit in der DDR Arbeiter zu Halbgöttern

Da hatte doch mancher die Faxen dicke: Eine Dresdner Ausstellung vermittelt Eindrücke von der „Ostdeutschen Arbeitswelt im Wandel“.

Bergarbeiter
Hauer unter Tage im Steinkohlebergwerk „Martin Hoop“, Zwickau, Sachsen, 1975. Foto: Werner Mahler/OSTKREUZ

Es sind ziemlich coole Jungs, die da in einem Bild des Fotografen Thomas Billhardt über das Gelände des VEB Kombinat Chemische Werke „Walter Ulbricht“ in Leuna laufen. Sie kommen in frontaler Linie auf den Betrachter zu wie „Die glorreichen Sieben“ in dem gleichnamigen amerikanischen Western von John Sturges aus dem Jahr 1960. Nur dass es acht sind. Ansonsten das gleiche Selbstbewusstsein, die gleichen lässigen Schritte, der gleiche Eindruck von Unbesiegbarkeit. Der kleinste der Chemiearbeiter trägt gar eine elegante Streifenhose, den Schmutz der Arbeit mit Stolz und Würde zeigend.

Haargenau dieselbe Formation, wiederum zu siebt, kennt man aus dem schon nach einer Woche Kinolaufzeit verbotenen Defa-Film „Spur der Steine“ von Frank Beyer (1966). Im Gedächtnis geblieben ist daraus vor allem dieses Bild: die glorreichen sieben Zimmermänner auf staubiger Straße, Manfred Krug in der Mitte. Die Ikonografie des Heldentums geht ideologisch verschlungene Wege.

Man kann darüber spekulieren, wie gestellt die Szene aus Leuna ist, wie oft die Männer auf den Fotografen zulaufen mussten, bis das Bild gefunden war, auf dem alle Gesichter so souverän, alle Beinpaare so apart, kurz: bis alle Prolls wie Halbgötter aussahen. Aber wie inszeniert auch immer, wer dieses Bild aus dem Jahr 1979 und viele andere aus der Dresdener Ausstellung „Arbeit! Ostdeutsche Arbeitswelt im Wandel 1945–2015“ betrachtet, wird ermessen, wie elementar der Boden war, der zerbrach, als die DDR 1989 Bankrott machte. Mit ihrem Arbeitsplatz verloren die Menschen den Schlüssel zur Gesellschaft, zur Heimat. Sie verloren wichtige Instanzen alltäglicher Selbsterfahrung, Bewährung und gedanklicher Abwägung. Warum die geistigen und sozialen Strukturen gerade Dresdens derzeit so derangiert sind, wird an diesem Ort ein wenig begreiflicher.

Die Ausstellungsmacher beschreiben die DDR als Arbeitsplatzgesellschaft. „Die ostdeutschen Unternehmen bildeten wahre ,Multiplexe‘ die mehrere Funktionen gleichzeitig versahen“, schreibt Wolfgang Engler im Katalog: „Im Mittelpunkt stand die Arbeit, aber um sie herum formiert sich eine Gesellschaft im Kleinen“. Kinderbetreuung, Ferienreisen, medizinische Betreuung, Malzirkel, Gärten, Wohnungsbeschaffung – mit dem Arbeitsplatz war sogar die Freizeit durch die Betriebe mitorganisiert.

Auch Kunst und Kultur. Die Ausstellung argumentiert vor allem mit Fotografien und Gemälden, die aus den Sammlungen verschiedener Großbetriebe stammen, aus den Leunawerken, Carl Zeiss oder der Wismut. Oft sind es Auftragswerke, die im Zuge von jährlich organisierten Pleinairs entstanden und durch die Betriebe angekauft worden sind.

Betrachtet man die Bilder chronologisch, fällt die Konjunktur des Unbehagens auf. Das grimmige Titanentum der frühen Bilderwelt verschwindet, macht für einen kurzen Moment einer künstlerisch vielleicht verordneten, dennoch frappierenden Fröhlichkeit Platz, um dann in einem geradezu gepflegten Missmut aufzugehen.

Zu Beginn gehorchen die Arbeiterporträts traditionellen Pathosformeln: Verloren und unglücklich stehen einzelne Elemente der angeblich herrschenden Klasse in steifer Fürstenpose im Raum. Dann die Titanen am Schmelzofen, herkulisch Hand anlegend ans Getriebe der Welt.

Nach und nach aber verlangt die Realität ihr Recht und der skeptische Gesichtsausdruck kehrt zurück, den man hier und da schon aus den Porträts der Neuen Sachlichkeit der Weimarer Republik kennt. Jetzt scheint er fast zur Norm der aufrichtigeren Kunst zu werden. Es ist jener fragende, leicht trotzige, illusionslose und irgendwie Distanz heischende Blick, den ein großer Teil der ostdeutschen Kunst, vor allem die Fotografie, alsbald zu ihrem Schönheitsideal macht.

Als gelungenes Beispiel dafür kann man in Dresden ein junges Paar in Öl betrachten, das sich vom Fabrikbetrieb in seinem Rücken offensichtlich nichts mehr erwartet. Das signalisieren nicht nur die gedruckten Bananen auf dem T-Shirt der jungen Frau als Gegenbilder zur Industrietristesse (gemalt wurde das Bild 1989, noch vor dem November, von Norbert Wagenbrett), sondern vor allem dieser fast finstere, illusionslose Blick. Die beiden haben die Faxen dick. Gekauft wurde das Werk, „Brigade III“ genannt, für die Sammlung des VEB Leuna dennoch.

Zwischen diesen Enden der historischen Parabel, zwischen Heroismus und Depression, liegen anrührende Gemälde wie Petra Flemmings Triptychon „Frauen“, das die Doppelbelastung der berufstätigen Frau zu einer problemgesättigten Bilderzählung macht.

Auch Werner Petzolds großformatiges Gemälde „Brigade Rose“ rührt an, aber nur, wenn man den Katalogbeitrag dazu von Luise Schendel liest. Sie hat die drei Überlebenden der dargestellten sieben Wismut-Bergleute besucht und von heute aus befragt. Petzolds Bild gehorcht allen Regeln einer Kunst, die sich, wie es in der Ausstellung heißt, „auf der Wende vom normativen zum integrativen Gestus in Arbeiterdarstellung befand“. Brigadier Harald Rose wird inmitten seiner Jünger gemalt, ein freundlicher Chef, der das Vertrauen seiner Leute verdient, weil er, so legt seine Gestik nahe, weiß, wo’s lang geht. Die Nachwendezeit erlebte der beliebte Brigadier als Gastwirt in der Gaststätte „Gartenanlage Bahnhof 2“ in Altenburg – hoffentlich halbwegs gemütlich. „Ich habe immer dafür gesorgt, dass ich etwas zu tun hatte“, sagt er.

Vom Pathos prometheischer Naturbeherrschung bis zum erleichternden Gefühl, noch was zu tun haben, spannt sich der weite Bogen dessen, was Arbeit sein kann. Für jemanden, der wie der Verfasser im Ruhrgebiet aufwuchs, ist es verblüffend, wie manche Bilder aus der Vergangenheit sich gleichen. Ein Gemälde von Lutz R. Ketscher zeigt Arbeiter auf der Heimfahrt von der Schicht im Bus. In sich zusammengesunken, erschöpft, ausgelaugt. Ein paar Häufchen Asche in fahlem Licht, zum Abwärmen entlassen von dem erleuchteten Moloch, den man im Hintergrund die nächste Schicht verbrauchen sieht. So war Industriearbeit eben auch, in Ost wie in West. Eine verfluchte Schinderei, an der jede Sinnstiftung abprallt.

Untergebracht ist die Ausstellung sinnigerweise in ehemaligen Räumen des inzwischen vom Markt verschwundenen Chipherstellers Quimonda – nach der Wende bis ins Jahr 2009 einer der größten Arbeitgeber der Region. Heute befindet sich darin eine Tagungsstätte der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, die die vom Dresdner Institut für Kulturstudien unter Leitung von Paul Kaiser konzipierte Ausstellung mitveranstaltet. Die Räume sind für eine solche Schau nicht ideal, die verwendeten Stellwände kann man bestenfalls zweckdienlich nennen. Die Lage weit draußen in Dresden-Klotzsche lohnt dennoch, ist doch das unmittelbar angrenzende hochmoderne Halbleiterwerk des Infineon Konzerns – ein silbrig glänzendes, blitzsauberes Riesendings mit 2000 Beschäftigten – ein Beispiel dafür, dass es in Sachsen wirtschaftlich aufwärts gehen kann.

Tagungszentrum der DGUV, Dresden: bis 28. Dezember. „Arbeit! Ostdeutsche Arbeitswelt im Wandel: 1945-2015“ (DIK-Verlag Dresden, 330 S., 35 Euro).

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