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Amedeo Modigliani Selbstbewusste Objekte

Die Londoner Tate Modern feiert den Künstler Amedeo Modigliani mit einer großen Ausstellung.

Anblicken und Angeblickt-Werden: „Akt“, 1917. Foto: Privatsammlung / Tate Modern

Von der Decke tropft Wasser, durch die Fenster fällt fahles Licht. In der Ecke liegt eine schmale Matratze, daneben steht ein Stuhl. Überall an den Wänden lehnen fertig gemalte Bilder, zu erkennen ist eines, das die schwangere Freundin des Künstlers zeigt. Auf dem Tisch in der Mitte des Ateliers sieht man eine brennende Kerze und einen vollen Aschenbecher, eine Zigarette glimmt noch. Daneben liegen eine Palette und Pinsel bereit, als würde der Meister jeden Moment zur Tür hereinkommen.

Doch Amedeo Modigliani ist seit 98 Jahren tot, 35-jährig gestorben an tuberkulöser Meningitis, an Alkoholsucht, an Armut. Mit Hilfe fabelhafter 3D-Technik hat eine taiwanesische Firma sein letztes Pariser Atelier virtuell rekonstruiert und damit das Boheme-Leben und -Sterben des Malers sinnlich erfahrbar gemacht, die verheerenden hygienischen Bedingungen im Atelier und die prekäre Finanzsituation des Künstlers eingeschlossen.

Aktgemälde bekommen den größten Saal

Die etwa zehnminütige Show ist ein Höhepunkt der wunderbaren Ausstellung zu Modiglianis Ehren in Londons Tate Modern. Tate-Chefin Frances Morris und ihr Kuratorenteam haben dafür annähernd 100 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen des jüdischen Italieners zusammengetragen, Leihgaben aus Dutzenden von Museen sowie Privatsammlungen weltweit. In einem Raum sind die charakteristischen Köpfe versammelt, die Modigliani vor dem Ersten Weltkrieg modellierte; die Bildhauerei musste der ohnehin kränkelnde Mann wegen zunehmender Atemschwierigkeiten, wohl vom feinen Staub hervorgerufen, aufgeben. Die schmalen Gesichter auf Schwanenhälsen aber tauchen fortan in seinen Porträtgemälden auf.

Den größten Saal ihrer Ausstellung widmen die Kuratorinnen um Nancy Ireson den berühmten Aktgemälden des Italieners, dessen Sexualleben allen bürgerlichen Vorstellungen von künstlerischer Freiheit entsprach, aus dem Kriegsjahr 1917 und danach. „Sexiest show in town“, schwärmte die Kritikerin der „Financial Times“, von einem „spektakulären Aufgebot“ sprach der „Guardian“. Hingegen schrieb der „Spiegel“ von „besonders dekorativem Anschauungsmaterial zur aktuellen Sexismusdebatte“.

Als hätten sie solchem Naserümpfen vorbeugen wollen, identifizieren die Kuratorinnen Modiglianis Modelle als moderne Frauen: Fitness, kurze Haare, Make-Up seien Zeichen der Zeit gewesen; wer die Hüllen fallen ließ, konnte deutlich mehr verdienen als Arbeiterinnen in den Munitionsfabriken. Selbstbewusst und direkt schauen sie von der Leinwand auf die Betrachter.
Freilich sind ihre Namen weitgehend unbekannt – mit der schönen Ausnahme jener Elvira, die uns bekleidet an einem Tisch sitzend sowie als „Stehender Akt“ begegnet, Leihgaben von Museen in St. Louis und Bern. Am Ende geht es Modigliani und seinen Käufern – das Gemälde „Liegender Akt“ erzielte 2015 sagenhafte 158 Millionen Euro – doch wohl mehr um einen Blick auf die Frau als Objekt, mag der Blick auch respektvoll ausfallen.

1917 war ein Pariser Polizeichef noch beunruhigt

„Radical Nudes“ überschrieb vor einigen Jahren die Courtauld-Galerie eine Ausstellung „radikaler“ Aktzeichnungen Egon Schieles. In Anlehnung daran könnte die Tate-Show vielleicht „zahme Nackte“ heißen. Beunruhigend war Modiglianis Kunst schon vor 100 Jahren höchstens für jenen Polizeichef, der 1917 eine Ausstellung in Paris kurzzeitig schließen ließ.

Gegen Ende seines Lebens, während eines Erholungsaufenthaltes in Südfrankreich, experimentierte Modigliani mit dem Malen en plein air. Lediglich vier dieser Bilder sind bekannt, die „Landschaft von Cagnes“ (1919) gibt der Ausstellung einen  eigenen Farbtupfer. Der Publikumsandrang am Themse-Ufer ist groß, in den Räumen im Hauptgebäude der Tate Modern wird es wie immer ein wenig eng. Vor Modiglianis virtuellem Atelier beträgt die Wartezeit leicht einmal 30 Minuten. Es lohnt sich.

Tate Modern, London: bis 2. April. tate.org.uk

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