Lade Inhalte...

Alte Nationalgalerie Entschleunigt euch!

Das ruft uns in der Berliner Alten Nationalgalerie die fulminante Ausstellung „Wanderlust“ zu und zeigt mannigfache Lebensreisen von Künstlern und Wandervögeln, Bergsteigerinnen und Spaziergängern.

Carl Spitzweg
Carl Spitzweg Engländer in der Campagna, um 1835, Öl auf Papier. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders

Womöglich begegnen wir am morgigen Himmelfahrtstag, in der säkularen Variante auch Vater- oder Herrentag genannt, in der freien Natur ja noch dem einen oder anderen Wanderburschen mit Birkenreisern oder Maiblumen am Hut. Früher war das so Brauch. An diesem Tag wurde gewandert: Familien, Freunde, Schulklassen, Vereine.

Auf dem Land mutierte die naturbeschauliche Tradition dann zwischendurch zum kollektiven Besäufnis, gern auf Pferdewagen oder Fahrrädern. Daran erinnern heutzutage in unserer Stadt, wo Himmelfahrt eher ein Tag für Familie und Freunde geworden ist, gelegentlich noch jene allerdings anlasslosen gelben Bier-Bikes mit den im Straßenverkehr gefährlich falsch navigierenden und peinlich lauten Fahrern.

Und natürlich erfreut sich das Wandern noch heute großer Beliebtheit bei Land- wie Stadtbewohnern. So mancher romantisch Angehauchte würde wohl gerne einmal die Position dieses Mannes in dem grünlich schimmernden Rock und mit dem rötlichen Haarschopf einnehmen, wenn bloß der Aufstieg nicht so beschwerlich wäre: Caspar David Friedrichs berühmtes Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“ ist die Inkarnation des Wanderers, und nach dem offenbar problemlos gelungenen Aufstieg zeigt sich hier eine fiktive Landschaft – aus Elbsandsteingebirge und einer fernen exotischen Bergwelt. 

Zahllose Wege hat CDF im Lauf seines Lebens zurückgelegt, seine Füße strapaziert, um zu solchen Motiven zu gelangen. Von Dresden aus lief er in die Sächsische Schweiz bis ins Riesengebirge, bahnte sich sozusagen den „Malerweg“, ebenso nach Neubrandenburg, Greifswald, Rügen. 

Das Wandern wurde zur Grundidee seiner Bilder. Und diese berühmte Leihgabe aus der Hamburger Kunsthalle ist sozusagen das Leitbild der großen, in zehn Kapitel gefassten „Wanderlust“-Sonderschau der Alten Nationalgalerie in Berlin. Die speist sich vor allem aus den eigenen Beständen, ergänzt durch erstklassige Leihgaben aus anderen deutschen Museen sowie aus dem Ausland, aus Kopenhagen, Paris, Prag und sogar Moskaus Tretjakow-Galerie.

Der große Rundgang ist angelegt als Wanderung – auch als Pilgerweg, den man allerdings bequem in Sandalen oder Pumps machen kann. Gleich am Eingang zieht es den Blick hoch zu einer emanzipierten „Bergsteigerin“ mit Hut an einem nördlichen Berghang: Eine fast monumentale Frauendarstellung des Dänen Jens Ferdinand Willumsen von 1912. Es ist die naturliebende Malersgattin. Mit Wanderstock, Hut und langem Rock steht sie vor dem Gipfel, schaut sinnend in die Ferne. Wenige Schritte später stehen wir am Fuße des Lava spuckenden Vesuvs und gleich darauf vor dem gigantischen „Wetterhorn“, 1830 gemalt von Karl Eduard Biermann. Und dem „Wanderer auf Bergeshöh“, Carus verewigte ihn im Jahr 1818: Die Natur als Schauspiel.

Kern der Schau ist die Romantik, die Natur als Allegorie. In der Folge wurden visionär gehobene Landschaftsansichten „nach der Natur“ gemalt, in der der einsame Mensch über den Horizont ragt. All ihre Bilder sind versammelt: Friedrich, Schinkel, Carus, Blechen, Richter, Schwind, Kersting, lesbar als Künstlerwanderungen und zugleich „Lebensreisen“ zwischen Gipfel und Abgrund. Ihr Wandern, ihr Pilgern wird zum Sinnbild. Zwischen Naturfaszination, Erkundungsgeist, Erbauung und Religiosität pendeln auch die Selbstbilder wandernder Maler des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts.

Aufwertung der Natur

Die Philosophie des 18. Jahrhunderts wertete die Natur auf, Kant setzte das „Wilde“ in die ästhetische Kategorie des Erhabenen. Romantiker und spätere Maler schufen Ikonen der Sehnsucht, stellten gleichsam das Göttliche der Natur dar, selbst in Landschaften, die sie nie gesehen hatten. Noch andere woben Sagen, Märchen ein in ihre Bilder. Die Entdeckung der Natur, der Wissenschaft der Botanik und Mineralogie (Alexander Humboldts Expeditionen), dazu die Gletscherforschung – all das stärkte ab 1800 die „Wanderlust“, die Idee von Welterkundung und Welterkenntnis. Goethes Sturm-und-Drang-Dichtung, die „Italiensehnsucht“ lösten ein neues Lebensgefühl aus. Und mit Jean-Jacques Rousseaus Parole „Zurück zur Natur“ wurde das Wandern zum Mittel der Entschleunigung, die eine neue Selbst- und Welterkenntnis ermöglicht. Wie nötig hätten wir, die Moderne-Getriebenen, das heute!

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum