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„Alchemie. Die große Kunst“ Bewundernswert bunter Abbrand

Die Berliner Ausstellung „Alchemie. Die große Kunst“ führt in die geheimnisumwitterten Labore der Schöpfung.

Alchemist
Carl Spitzweg: „Der Alchemist“, um 1860. Foto: Staatsgalerie Stuttgart

Es ist kein Zufall, dass unser Darm und unser Gehirn sich so ähnlich sehen. Unsere Gedanken müssen genau wie die unteren Ausscheidungen durch ein komplexes System voller Windungen und Wendungen, bevor sie nach außen treten. In der Ausstellung „Alchemie. Die Große Kunst“, die 230 Objekte aus drei Jahrtausenden vereint, prunkt eine Teekanne aus Porzellan, die statt eines glatten runden Bauchs aus hirn- wie darmähnlich verschlungenen Röhren besteht. Ein verblüffendes Objekt, das sofort einleuchtet, nicht zuletzt, weil es versinnbildlicht, dass das anregende Getränk im Kopf wie im Bauch Wirkungen zeitigt. Einer der gekrümmten Porzellanschläuche ist sogar kunstvoll vergoldet.

Die 36-jährige Künstlerin Maria Volokhova, spezialisiert auf Porzellanobjekte, gibt zu, dass sie selbst noch nie daraus Tee getrunken hat. Ein befreundeter Wissenschaftler habe ihr sogar erklärt, dass das Wasser im Inneren der Kanne gar nicht die komplizierten Wege hinunterrinne, die sie da vorgeformt habe. Es nehme stattdessen stur den einfachsten Weg. Und damit sind wir schon mittendrin im Doppelcharakter der Alchemie. Sie ist fast immer beides: faszinierende Sicht auf verborgene Zusammenhänge einerseits, Trug und Beschiss andererseits, wie der Kunsthistoriker Thomas Gaehtgens mit Verweis auf Sebastian Brants „Narrenschiff“ anlässlich der Eröffnung im Berliner Kulturforum anmerkte.

„Alchemie. Die große Kunst“ wird kuratiert von Jörg Völlnagel, Referatsleiter Forschung und Ausstellung bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der Alchemie und hat in David Brafman, einem Experten für alte Bücher und Handschriften beim Getty Research Institute in Los Angeles, das die Ausstellung mitkonzipierte, einen Partner gefunden, der für diese lang belächelte Wissenstradition ebenso entflammt ist wie er selbst – mit wissenschaftlicher Distanz versteht sich.

Die Alchemisten des europäischen Mittelalters wollten Gott auf die Schliche kommen, wollten verstehen, wie alles mit allem zusammenhängt und daraus immer wieder aufs neue Leben entsteht. Sie stehen für phantastische Welterklärungsmodelle. Vom jesuitischen Universalgelehrten Athanasius Kircher ist eine Darstellung eines unterirdischen Wurzelsystems vulkanischer Kanäle aus dem Jahr 1678 zu sehen. In den Röhren fließen die zwei Urstoffe Quecksilber und Schwefel, welche im Innern der Erde entspringen und an der Erdoberfläche bei ihrer Begegnung für das lebensspendende chemische Milieu sorgen.

An anderer Stelle ist diese fruchtbare Durchdringung der Materien als Königspaar beim Sex dargestellt, natürlich in Missionarsstellung. Hokuspokus, Spielerei und naturwissenschaftlich nachvollziehbare Experimente gehen dabei ineinander über, wie die Kuratoren betonen. Neben der Erzeugung geht es der Alchemie um die Läuterung der Materie. Doch weder gelang es, Eisen in Gold, noch Einfalt in absolutes Wissen zu verwandeln, aber an eigentlich unbeabsichtigten Nebenprodukten kam dabei eine Menge heraus, eben jenes Porzellan beispielsweise oder der Phosphor. Ihn entdeckte der Alchemist Henning Brand, der 1669 seinen Urin eindampfte und voller Stolz entdeckte, dass die Rückstände beim Erhitzen zu leuchten begannen.

Auf solche und ähnliche Weise wollten Alchemisten es mit dem Schöpfer aufnehmen, wenn auch oft und zu unser aller Glück meist nur im Kleinen. Im Schöpfertum sind sie, so die These der Ausstellung, mit den Künstlern wesensverwandt. Deshalb sind auf dem Kulturforum nicht nur alchemistische Zeugnisse im engeren Sinne, sondern auch ältere und neueste Kunstwerke versammelt, die alchemistischen Verfahren besonders auffällig entsprechen.

Zum Beispiel die „Luzidogramme“ des Fotokünstlers Heinz Hajek-Halke. Er beträufelte rußgeschwärzte Glasnegative mit Terpentin, das beim Antrocknen eigensinnige, phantastische Strukturen annahm. Von ihnen aus kann der Besucher der Schau ästhetische Kraftlinien in verschiedene Richtungen ziehen, zum Beispielen zum Chemiker Friedlieb Ferdinand Runge, der 1855 ein Buch über den „Bildungstrieb der Stoffe“ schrieb und darin der These nachging, chemische Stoffe verfügten über einen inneren Drang zur Musterbildung. Die Berliner Künstlerin Sarah Schönfeld hat den Beweis dafür zumindest für Partydrogen aller Art erbracht. Sie träufelte LSD, Ecstasy, Crystal Meth und dergleichen auf eine Foto-Emulsion und belichtete das Resultat. Zu bestaunen sind planetenartige Gebilde, die merkwürdigerweise alle wie psychogene Diskokugeln aussehen.

Im Getty Institut Los Angeles hatte eine ähnliche Schau, „The Art of Alchemy“, wenn auch anders bestückt, im vergangenen Jahr einen überwältigenden Erfolg. Der philosophische Schwefel, bei dessen Abbrand laut einer in der Ausstellung ebenfalls zu bewundernden Darstellung aus dem 15. Jahrhundert eine rasche Abfolge unterschiedlicher Farbtöne ähnlich einem Pfauenschwanz entsteht, passt gut in diese Zeit, in der man sich wieder verstärkt nach verborgenen Zusammenhängen sehnt. Dass auch das wieder etwas mit Donald Trump und dem Postfaktischen zu tun habe, wie ein italienischer Journalist mutmaßte, muss aber verneint werden. Dafür ist die Alchemie bei allem Obskuren dann doch zu alt und zu ehrwürdig.

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