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Abstraktion im Museum Giersch Gott ist nicht Turnvater Jahn im Nachthemd

„Ersehnte Freiheit“: Das Frankfurter Museum Giersch begibt sich auf die Spuren der „Abstraktion in den 1950er Jahren“.

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Karl Otto Götz: Hommage à Melville, 1960. Museum Kunstpalast/Horst Kolberg/Artothek, VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: Museum Kunstpalast - Horst Kolberg/ARTOTHEK

Im obersten Stockwerk im letzten Saal sprechen Fotografien Hans Haackes für sich, aber nicht immer für ihn. Haacke, Jahrgang 1936, macht 1959 auf der documenta 2 in Kassel „Fotonotizen“: Besucher stehen vor der hier gezeigten abstrakten Kunst, handverlesene Arrangements des gewitzten Zufalls: Eine ernste Nonne, den Katalog vor der Nase; überhaupt viele Menschen, die im Katalog nach Orientierung zu suchen scheinen, die ihnen die Bilder an den Wänden nicht direkt bieten; aber auch ein Gör mit Micky-Maus-Heft.

Haacke scheint nichts zu kommentieren, kommentiert aber natürlich am laufenden Band und durchaus bis ins Polemische, nicht zuletzt, weil er sich auf unsere Gedanken verlassen kann. So dass die beiden Burschenschaftler in der abstrakten Umgebung zum Lachen reizen, obwohl sie an sich nicht weniger aufmerksam (oder glasiger) hingucken als die anderen jungen Leute. Und warum spricht man den alten Frauen, die Haare zu den üblichen jammervollen Knörzeln aufgesteckt, ab, dass sie sich für zeitgenössische Kunst interessieren? Es erweist sich als insgesamt nicht einfach, angesichts eines abstrakten Bildes intelligent zu blicken.

Gleichwohl sind es wunderbare Aufnahmen, die gewissermaßen den eigenen Gang durch eine Ausstellung reflektieren. Das Museum Giersch widmet sich in seiner neuen Ausstellung, die am Sonntag eröffnet wird, der „Abstraktion in den 1950er Jahren“. Es ist die erste Schau, die das Haus unter seiner neuen Trägerschaft – „Museum Giersch der Goethe-Universität“ – vorbereitet hat.

So ist es der Frankfurter Kunsthistoriker Christian Spies, der zusammen mit der stellvertretenden Museumsleiterin Birgit Sander kuratiert hat und jetzt den Titel „Ersehnte Freiheit“ erklärt. Er enthält ja eine Freiheit, bei der die Grammatik sich nicht festlegt, ob sie wirklich eingetreten ist. Jedenfalls, so nun Spies, habe man weg von der NS-Kunst gewollt, aber auch, aus gegebenem Anlass, weg von der Realität. Die Abstraktion machte hierfür ein hochattraktives, auf Dauer freilich ambivalentes Angebot: Zur Verdrängung der Realität war es nur ein kleiner Schritt und keiner in Richtung Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Das heißt allerdings vorgreifen in die sechziger Jahre.

Zunächst war die Abstraktion, vor allem das in der Ausstellung auch vorherrschende Informel, eine ungeheure Irritation und Provokation, aber eine zur rechten Zeit. Die Ausstellung blickt zu Beginn auf das „Darmstädter Gespräch“ von 1950, bei dem es in der Frage der Bedeutung der Gegenwartskunst hoch her ging mit deutlichem Vorsprung für die Abstraktion und hörbarem Nachteil für das Figurative. Man kann die Stimme von Willi Baumeister hören, der unter dem schallenden Gelächter des Publikums erklärt, er könne sich nicht gut vorstellen, dass Gott Turnvater Jahn im Nachthemd sei. Bald wird der Ton aber derber. Spies zitiert den Vorwurf der „Diktatur des Abstrakten“, der sozusagen schon fiel, als von einer Diktatur des Abstrakten noch keine Rede sein konnte. Dazu bald weitere, damals noch schauerlich nahe, jetzt als Schimpfwörter eingesetzte Begriffe wie Gauleiter und SS.

Auf drei Künstlergruppen, die für das Vorankommen der Abstraktion in der BRD dieser Jahre wesentlich waren, konzentrieren sich die nächsten Säle: In Recklinghausen formierte sich der „junge westen“ mit Gerhard Hoehme, Emil Schumacher oder dem Bildhauer Ernst Hermann, in München „ZEN 49“ mit Willi Baumeister, Rupprecht Geiger oder der Bildhauerin Brigitte Meier-Denninghoff, in Frankfurt schließlich die „Quadriga“ mit Karl Otto Götz, Otto Greis, Heinz Kreutz und Bernard Schultze. Zu ihrem Namen kamen sie durch eine Ausstellung in der Zimmergalerie Franck, dem heimischen Anteil widmet das ja immer auch auf die Region blickende Museum Giersch besonders viel Platz.

Offensichtlich eindrucksvoll ist die Vielfalt, trotz des hier auf eine kleine Personenauswahl und ein einziges Jahrzehnt reduzierten Blicks. Groß und ungemein frisch wirkt die Experimentierfreude, überdeutlich ist der expressive und brachiale Anteil, der sich oft aber einer sehr sorgfältigen Oberflächenbehandlung verdankt. Zum Maximalismus gesellt sich Minimalismus. Die Titel nicht selten wie aus der figürlichen Malerei, teils spöttisch, aber oft einfach leidenschaftlich. Langweilig oder gleichförmig wird es nie. Gemeiner Lauf der Zeit: Die Farbwahl lässt manchen krassen Abstrakten heute auch als geeignet für einen schönen Platz über dem darauf abgestimmten Sofa erscheinen.

Gefolgt sind die Ausstellungsmacher auch den Bedingungen für die junge Kunst, etwa ihren Förderern. Das Wiesbadener Museum, lernt man, war deutlich fortschrittlicher als das Städel. Eine ganz zentrale Rolle nahmen außerdem die britischen beziehungsweise amerikanischen Besatzer ein. Es waren andere Zeiten.

Die documenta von ’59, die anders als die erste, noch der Vorkriegsmoderne gewidmete Ausgabe der Kunstschau, versuchte, der jungen BRD die künstlerische Gegenwart nahezubringen, ist kein Schlusspunkt, aber ein erstes Resümee. Die Abstraktion selbst hat noch große Zeiten vor sich.

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