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A.R. Penck Alles Expression

Offizielles war ihm ein Graus: Zum Tod des vielseitigen Künstlers A.R.Penck.

A. R. Penck
Penck im Jahr 1995 in Dresden: Wer ihn kannte, wusste, dass er, früher jedenfalls, exzessiv lebte - malen, lieben, rauchen, saufen. Foto: dpa

Schwer zu glauben, dass A.R. Penck tot sein soll, gestorben 77-jährig am 2. Mai in Zürich. Nach langer Krankheit, wie es in allen rasch folgenden Meldungen auf den Maler von Weltbildern und Systembildern heißt, auf einen ungewöhnlichen, anstrengenden, eigentümlichen, liebenswerten Künstlers, der die Welt mit seinem handgemachten Signalsystem bedachte.

Ein Energiebündel wie er hätte doch 90 werden müssen! Nun ja, es war still um ihn geworden in den letzten Jahren. Gedeutet hatten wir das als seinerseits gesuchte insularische Distanz vom zickigen globalen Kunstbetrieb mit seiner juvenilen Innovationssucht, was ihn womöglich nervte, so dass er sich vielleicht als Veteran oder Kopierobjekt Tausender Epigonen vorkam. Aber was machte er in der Schweiz? Der gebürtige Dresdner lebte doch in den letzten Jahrzehnten in Irland, nahe Dublin, wohin ihn nach eigener Auskunft die Liebe verschlagen hatte. Und die Musik. Und wo er überaus zufrieden, also im Frieden mit sich und der Kunstwelt, sein nunmehr in ruhigeren Bahnen verlaufendes überaus wechselvoll-verrücktes Künstler-Leben verbrachte: Malen und Jazz mit irischen Musikern, Jazz Rock und Free Jazz an Klavier, Kontrabass, Synthesizer. Und natürlich am liebsten als Drummer.

Wer Penck kannte, wusste, dass er, früher jedenfalls, exzessiv lebte: malen, lieben, rauchen, saufen. Und wie ein Berserker aufs Schlagzeug eindreschen. Es war wohl 1977. Die jüngere DDR-Kunstgemeinde fuhr, top secret, nach Dresden. Penck stellte privat bei Freunden aus, offiziell ging das schlecht, er durfte nie bei zentralen Kunstausstellungen dabei sein; er war den Hütern der reinen sozialistischen Kunstlehre ein Verräter, hatte auch gegen Biermanns Ausbürgerung protestiert.

Aber er stellte sich nicht vor seine sinnlichen, Höhlenzeichnungen ähnlichen Weltbilder. Stattdessen saß er, mit wilder Haarmähne um die Halbglatze, in den Kasematten am Bärenzwinger unter den Brühlschen Terrassen, nahe der Dresdner Kunsthochschule weltvergessen am Schlagzeug. Der ganze Körper Expression. Die Studenten hockten im Dunklen um ihn herum, als sei er ihr Guru. So war er, Menschenaufläufe und Offizielles waren ihm ein Graus. Doch badete er gern in der Menge, die ihm zuhörte.

Eigentlich hieß er mit bürgerlichem Namen Ralf Winkler, der Sohn einer Lehrerin. Aber er hatte sich schon in den 1960ern nach dem Dresdner Eiszeitforscher Albrecht Penck (1858-1945) benannt. Das Pseudonym, das er seinen symbolhaften Strichmännchen hinzutat, wurde sein anderes Ich. 1968 signierte er, geübt in Professionen wie Werbezeichner, Briefträger, Nachtwächter, Heizer, Komparse, erstmals mit diesem seltsamen Namen.

Und dann 2008 in Berlin: Alle warteten vor seinen riesigen Bildern, diesen Zeichensystemen, auf denen sich Strich-Gestalten mit erigierten Penissen, wild herumfuchtelnde und zum Schlag – oder zur Umarmung – ausholende Männchenarme, Sperranlagen und Rufer in großstädtischen Wüsten tummelten. Und immer wieder Tiersymbole, Kreuze, Punkte, Totenköpfe, Masken. Es war schon spät an diesem Februarabend in der Kreuzberger Koch-Straße, in den Räumen, die der Kölner Galerist Werner gemietet hatte. Die Leute waren hin- und hergegangen vor den farbknallenden Strichmännchen auf Wanderung. Der Vernissagewein war ausgegangen. Wo bleibt er bloß, der Penck?

Ja, so war er schon immer. Vor Fremden gab er sich als komischer Kauz. Wenn es ihm um ihn herum zu bunt wurde, tauchte er regelmäßig ab. Schon Mitte der Neunziger, bei seiner ersten großen Ausstellung nach dem Mauerfall im Dresdner Albertinum, stand er plötzlich da, mitten in der Bilderhalle, mit dem Wallebart, dem schwarzen Hut, den Jeans, die er, weil viel zu lang für den Kurzbeinigen einfach hoch umgeschlagen hatte, so dass das aussah, als trüge er Stulpen. Er grinste in einer Mischung aus Scheu, Verlegenheit und koboldhafter Lausbüberei: A. R. Penck, der „Vater der Neuen Wilden“, der schon in den späten Sechzigern den deutschen Brücke-Expressionismus in die – zunächst ostdeutsche – Kunst der Gegenwart transferiert hatte. Der Weltkünstler, der Dissident, wurde 1980 ausgebürgert aus der DDR, ging in den Westen, kam bei Freunden wie Jörg Immendorff oder den zuvor aus Dresden geflüchteten Georg Baselitz in Köln unter.

Es herrschte Eiszeit. Zwischen Kommunismus und Kapitalismus, zwischen beiden deutschen Staaten. A.R. Penck aber wurde mit der Zeit immer erfolgreicher. Er sagte über seine eigentümlich vereinfachende, fast prähistorische Bildsprache, Kunst müsse „die Zivilisation hochhalten und deren Denk-Male schaffen“. Mit diesen „Denk-Malen“, halb naive Sehnsuchtszeichen, halb Angstgebärden, kam er, zweimal – mit geschmuggelten Bildern – auf die Documenta, die fünfte und dann die siebente.

Kein deutscher Maler hat so wie Penck das politische Dilemma der geteilten Nation auf den Punkt gebracht. Und der Kunstbetrieb nahm seine Schratigkeit gern an. Obwohl das ablenkte von dem, worum es A.R. Penck  ging – dass seine simpel-emotionalen Bilder immer Rhythmus und Analyse konkreter gesellschaftlicher Situationen meinten.

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