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Kunst Freiheit ist vor allem eine Frage

Anmerkungen zum Begriff und der Praxis einer Freiheit der Kunst anlässlich der „Brüsseler Erklärung“ und ihrer Kritiker.

Blackfacing
Blackfacing - hier sichtbar gemacht in einer Inszenierung des „Othello“ am Berliner Gorki-Theater. Foto: imago

Künstler haben bei uns eine größere Freiheit als Nicht-Künstler. Sie genießen nicht nur das Recht aller, sich frei auszudrücken, sondern dürfen dabei auch Grenzen überschreiten, vor denen andere Halt machen müssen: Sie können fremde Werke in die eigene Arbeit integrieren, ohne Nutzungsrechte erwerben zu müssen. Sie dürfen sich über Personen des öffentlichen Lebens lustig machen, Obszönitäten veröffentlichen, Sachverhalte simulieren oder Leistung verweigern. Sie können also richtig Spaß haben, und man fragt sich, warum nicht mehr Menschen Künstler sind – oder sich so nennen, denn eine Zugangssperre gibt es seit spätestens Beuys nicht mehr, letztlich gilt: Ich praktiziere, also bin ich’s.

Die Tatsache, dass dennoch nicht jeder zweite nebenberuflich Kunst macht, lässt allerdings darauf schließen, dass die meisten Menschen kein Künstler sein wollen. Dass es vielleicht nichts gibt, was sie ausdrücken wollten und wozu sie die Freiheit der Kunst bräuchten. Dass es ihnen an Phantasie fehlt. An gestalterischer Kraft, Technik, Zeit. Oder an der Bereitschaft, nach vorne ins Ungewisse zu treten und sich und ein Werk der Begutachtung auszusetzen. Künstler sind besondere Menschen. Sie nehmen sich und ihren Ausdruckswillen so ernst wie das Leben selbst und befragen und übermalen und verdrängen das Gegebene, weil sie – im besten Fall – nicht anders können. Manchmal entsteht dadurch etwas, was weder Künstler-Ich noch Gegebenes ist, etwas Drittes, und das ist dann die Kunst, wofür sich der Aufwand für die Künstler und die sie wahrnehmende und ohne jede inhaltliche Vorgaben finanzierende Gesellschaft lohnt.

In der Geschichte ist Kunst immer wieder auch ohne Freiheit entstanden. Mit thematischen Vorgaben oder unter den Bedingungen der Zensur, sei es in Form einer Kontrolle der Werke, der Finanzierung oder des Zugangs zu Institutionen. Unsere Gesellschaft hat sich entschieden, der Kunst im Rahmen des Grundgesetzes breitestmöglichen Raum zu sichern. Tatsächlich sind es in den letzten Jahren eher Debatten des Kulturbetriebes oder des Publikums selbst gewesen, die die Ästhetik beeinflusst haben.

Im Verlauf der Diskussion über das Blackfacing etwa, die vor einigen Jahren im Theater aufkam, wurde die Verwendung bestimmter Zeichen auf der Bühne (schwarz angemalte Gesichter) aufgrund einer rassistischen Verwendung in der Vergangenheit (in den Minstrel-Shows in den USA) praktisch tabuisiert. Die Dynamik dieser Diskussion führte zum Thema einer angemessenen Repräsentation erst der handelnden Figuren, dann auch des Publikums auf der Bühne, was wiederum den Diversitätsdiskurs entzündete, der den Kulturbetrieb noch lange beschäftigen wird.

Wirklich ist der Anspruch, in der Kunst niemanden zu verletzen oder auszugrenzen, inzwischen von so hohem moralischen Wert, dass er den Eigenwert der künstlerischen Freiheit teilweise überragt. Sich zu überprüfen, ist wichtiger geworden als seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Was für mich persönlich eine historische Richtigkeit hat. Aber – man kann nicht alles haben! – eine Einschränkung ist es doch, und insofern streift der kulturpolitische Sprecher der AfD im Bundestag, Marc Jongen, einen wunden Punkt, wenn er auf der Website seiner Partei, den Begriff der Kunstfreiheit verhöhnt, den die von den Grünen initiierte „Brüsseler Erklärung“ einklagt: „Im heutigen Deutschland ist die Kunst so lange frei, wie sie sich im Rahmen linksgrüner politischer Korrektheit bewegt.“ Die Unterstellung politischer Einflussnahme ist falsch, aber die inhaltliche Nähe etwa in Sachen Repräsentationsdiskurs ist gegeben. Der von fast 50 000 Personen unterschriebene Aufruf auf change.org mündet in den Satz: „Kunst ist frei, sie muss nicht gefallen und darf nicht dienen“. Praxisnäher wäre: „... sie muss der Politik nicht gefallen und darf ihr nicht dienen müssen.“

Daran, dass die AfD den Akteuren des aktuellen Kulturbetriebs „die Steuergelder zu entziehen beabsichtigt“, lässt Jongen keinen Zweifel. Dass das überhaupt ein Szenario ist, liegt daran, dass Kulturförderung freiwillig ist. Was insbesondere das Theater bedroht, das einen personalintensiven Apparat braucht, dessen Unterhalt nicht wieder eingespielt werden kann. Daher versucht es seit mittlerweile 25 Jahren, seine „gesellschaftliche Relevanz“ zu beweisen, seine Unabkömmlichkeit als städtische Institution. Mit der Folge, dass es immer mehr Aufgaben übernommen hat, die zwar die Kunstproduktion nur so weit beeinflussen wie die Künstler selbst wollen, aber den Betrieb stark fordern.

Kaum ein Stadttheater, das nicht politische Bildung oder Vermittlungsarbeit betriebe und kein Flüchtlingsprojekt hätte. Das zehrt natürlich und verpflichtet inhaltlich am Ende doch. Faktisch hat sich das Theater in Teilen selbst funktionalisiert und verbraucht, während es dem Phantom der „Wirksamkeit“ nachläuft, die Kraft, die es für die ästhetische Erkundung des Ungewissen bräuchte. Oder gibt es noch Dramaturgien, die sich ausschließlich mit Texten beschäftigten? Freiheit, auch künstlerische, ist immer relativ. Freiheit für wen, wovon und wozu? Freiheit, die man bekommt oder sich nimmt? Rechtlich oder moralisch? Die eigene Freiheit oder die der anderen?

Freiheit ist vor allem eine Frage – die am Ende doch nur in der Kunst wirklich gestellt werden kann.

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