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Kunst Der Engel der Geschichte

Paul Klees „Die Engel“: Der Rundgang durch die Ausstellung im Essener Folkwang Museum ist auch eine kleine Reise durch die Geschichte einer Ikone.

Paul Klees „Angelus Novus“ ist mittlerweile zu fragil, um auf Reisen zu gehen. In Essen ist das Bild, das Denker ??????????und Künstler immer wieder fasziniert hat, die einzige Reproduktion. Foto: Zentrum Paul Klee (2)

Der „Engel der Geschichte“ hatte einige Jahre auch in Frankfurt am Main eine Bleibe, hing er doch im Kettenhofweg 123. Angebracht war er bei den Adornos an der Wohnzimmerwand, über dem Flügel. Gretel und Theodor W. Adorno hatten Paul Klees „Engel“, seinen 1920 entstandenen „Angelus Novus“, mit nach Deutschland zurückgebracht, 1949 oder 1950 war das wahrscheinlich gewesen, zusammen mit den Beständen des Instituts für Sozialforschung. Klees Engel war zurückgekehrt aus dem Exil.

Siehe, so könnte sich das Paar angesichts des Meditationsbildes gesagt haben, man kann über Klee nicht sich verständigen, ohne von Benjamins Deutung zu sprechen. Auch könnte Adorno sich zitiert haben: „Ob weiter Mangel oder Unterdrückung sei – beides ist eines –, darüber entscheidet die Vermeidung der Katastrophe durch eine vernünftige Einrichtung der Gesamtgesellschaft als Menschheit.“

Seit Walter Benjamins Interpretation des Bildes, 1940, im Pariser Exil, die er in der 9. seiner geschichtsphilosophischen Thesen hinterließ, wird Klees „Angelus Novus“ von Benjamins Blick beherrscht: „Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.“

Im Sinne Benjamins war es, den Lauf in der Geschichte als die ewige Wiederkehr von Katastrophen zu sehen. Das Fortschreiten der Menschheit als die unausrottbare Wiederholung von Desastern. Ließe der Rückblick auf das Kontinuum an Katastrophen eine andere Lesart zu?

Der Unheilsbotschafter

31,8 x 24,2 cm misst das Aquarell, auch in Essen, wo es seit einigen Wochen schon und noch einige Wochen zu sehen ist, wenn auch als Kopie. Denn zu empfindlich ist das Original, das im Israel Museum in Jerusalem hängt, so dass ein Faksimile, nicht das einzige dieses Engels im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit, ins Folkwang Museum kam.

Der „Angelus Novus“ ist die einzige Reproduktion unter rund 80 Engeln von Paul Klee, denn auf das Motiv, die Ausstellung breitet es aus, kam Klee zeitlebens (1879 – 1940) immer wieder zurück. Auf den kraftstrotzenden Erzengel und den krisengeschüttelten Cherub, den zweifelnden Engel und den naiven Engel. Auf den Engel als pechschwarzes Gespenst und als lichten Hoffnungsträger. Auf den Engel als Symbol des Werdens oder als Sinnbild des Vergehens und Absterbens, den Todesengel. Schon als Kind zeichnete Klee Engel mit bunten Stiften. An der gegenüberliegenden Wand in Essen ein Engel als Fötus.

Alle Engel sind Wesen, die der Bleistiftstrich oder der Pinsel aus Kreis und Dreieck bildeten, aus Quadrat oder Linie. Klees Engel entstammen den Gesetzen der Geometrie, und weil Klee, seiner ausgetüftelten Theorie gemäß, immer wieder die Vertikale betont hat, müssen sich seine Engel, nein nicht alle, denn manche kauern ja auch, aber doch viele seiner Engel zum Himmel strecken.

Zwischen all diesen Kreaturen Klees, zwischen all seinen Zwitterwesen aber ist der „Angelus Novus“ in Essen allein; er ist es an einer langen weißen Wand. Unter allen Botschaftern einer jenseitigen Spiritualität hat Klees „Angelus Novus“, den Benjamin zum Unheilsbotschafter schlechthin erkor, einen besonderen Platz, einsam, dadurch prominent. Mit seinen weit aufgestellten Armen, Flügeln gleich, seinen weit aufgerissenen Augen wurde er zum Sinnbild einer schreckensgesättigten Vision, einer Prophetie, die aus der Vergangenheit die Zukunft las.

Benjamins Text, sein Fragment war ja Teil seines essayistischen Testaments, nicht zur Veröffentlichung bestimmt, worüber Gershom Scholem, der Freund, der Religionsphilosoph, sich hinwegsetzte, um die Welt mit Benjamins messianischem Materialismus vertraut zu machen. Benjamin las Klees Engel doppelt, als Metapher und Medium des Glaubens. Dem normativen Fortschrittsgedanken des Marxismus abschwörend, versprach er sich zugleich Erlösung, auf dass das katastrophischen Kontinuum der Geschichte endlich aufgesprengt werde.

Eindeutig sah Benjamin seinen „Engel der Geschichte“, vieldeutig sah Klee seine Kreaturen. So fest umrissen die geschichtsphilosophische Sendung des „Angelus Novus“, so unmissverständlich dessen messianische Mission, so widerspruchsvoll Klees Mischwesen. Schon deshalb, weil sie nicht selten zärtlich parodiert wurden, etwa als „Engel-Anwärter“ oder „angelus dubiosus“. Sie schauen so unschuldig wie achtjährige Chorknaben und so gemein wie ausgewachsene Menschenfresser. Unter Klees Hand (Linkshänder!) zeigen sie sich klassisch („knieender Engel“) oder unorthodox („christliches Gespenst“), als farbiges Etwas in einem Farbkosmos oder als bestürzend einsamer Strich.

In sechs Abteilungen wird in Essen Ordnung in die Gesellschaft der Engel gebracht; Sektionen wie „Schutzengel“ oder „gefallene Engel“ dienen ihr. Auch können Engel flügge werden, und weil Klee Engel als „unfertig“ ansah, hinterließ er auch einen „vergesslichen Engel“. Seit den Anfangstagen von Engeln hat sich herumgesprochen, dass sie Fuß fassen in einem Irgendwo. Sie sind Schwebewesen par excellence, deshalb stehen auch Klees Kreaturen mit beiden Beinen bloß in einem Irgendwie.

Aller abgrundtiefe Pessimismus des Benjamin’schen Engels hat der heiteren Popularität der Klee’schen Engel keinen Abbruch getan. Aber wie denn auch, Klees Engel sind, ja, sicher, auch Schreckenswesen, aber immer wieder auch Kobolde. Der Schelmenengel trägt ein Glöcklein am Gesäß, wie die Engel gelegentlich den Kopf neigen, tun sie es wie frisch Verliebte. Ein Negativ von einem Engel, weißer Strich auf schwarzem Grund, zeigt den Engel als Ungetüm aus Kindertagen, als Wesen aus Kinderträumen. Die Züge der Mischwesen, die manchmal, nicht immer zwischen Himmel und Erde schweben, sind deutlich menschliche Züge, auch wenn Klee die Augenhöhlen häufig nur mit Strichen versah – katzengleich.

Leer sind viele Augenhöhlen seiner Engel, und bei seinem „zweifelnden Engel“ möchte man meinen, mit dem Bild überkomme den Betrachter ein Alien. Alle zusammen sind sie, ob mit Penis („Debüt eines Engels“) oder Brüsten („Miss.engel“), eine sehr turbulente Schar von Kreaturen. Dass sie etwas von Puppen haben, hat mit den Kindheitserinnerungen Klees zu tun und seinem heißgeliebten Puppentheater.

Die Aquarelle und Gouachen, Zeichnungen und Gemälde, rund achtzig an der Zahl, sind etwas für Aktivisten eines fröhlichen Spiritualismus und für fundamentale Skeptiker. Klee rief seine Engel Zeit seines Künstlerlebens an, auf dass sie ihm etwas verrieten über ihre Existenz zwischen Himmel und Erde. Als Medium des Glaubens (an die Erlösung) und als Metaphern für das Fragile des Trostes brachte er besonders viele Zeichnungen in den beiden letzten Jahren vor seinem Tod auf Papier. „Nochmals hoffend“ heißt es zur Gestalt auf dunkelblauem Grund. Wie so viele, so ist auch dieser Engel von 1939 ein Wesen aus Strichen, aus schwarzen Strichen, porösen Strichen.

Vor allem aber sind Klees Engel geflügelte Wesen, was nicht ganz selbstverständlich ist, denn Flügel haben Engel erst seit rund 1500 Jahren, als die christliche Ikonographie, lange nach dem ersten Auftritt im Paradies, sie mit den Attributen einer kompromisslosen Heidin versah, den Schwingen der griechischen Nike. Als Siegesgöttin hatte sie einen sehr guten Leumund. Auch Benjamins Engel stellt die Schwingen auf, man möchte es aber für eine Geste der Abwehr halten, aus Furcht, wie von Benjamin beschrieben.

Der Schrecken, der ihm ins Gesicht geschrieben steht, hat die Künstler seit Benjamins Deutung nicht mehr losgelassen. Vom Harmoniumton wohlklingend unterlegt, rezitierte Laurie Anderson im Jahr der großen Geschichtswende, 1989, Benjamins Text auf Englisch, als Hänsel-und-Gretel-Duett, süßlich, selig.

In Essen kann man sich das angenehm Schauerliche mit dem Kopfhörer über die Ohren ziehen und sich durchs Beklemmende treiben lassen, wie der Fortschritt den Trümmerhaufen der Geschichte anwachsen lässt und dieser, der Trümmerhaufen, zum Himmel wächst. Entschieden schwerer kann man es sich mit anderen Interpretationen machen, mit dramatischeren, sperrigeren. Töne können das.

Aktualität Walter Benjamins

Klees „Angelus Novus“ entstand 1920, zwei Jahre nach Beendigung des Ersten Weltkriegs. Als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts blieb er jedoch chronisch Gegenwart, seine Geschichte wurde zur Wiederkehr. Unter dem Eindruck der Heimsuchung schrieb Walter Benjamin 1940, auf der Flucht vor Nazideutschland, seine geschichtsphilosophischen Thesen in Paris. Ein Jahr zuvor soll Benjamin darüber nachgedacht haben, sich durch den Erlös aus dem Verkauf des Bildes in die USA zu retten.

Über die Reise des „Engels der Geschichte“ in die USA und schließlich zurück nach Deutschland, über den Verbleib des Bildes, gibt es sehr unterschiedliche Darstellungen bis heute. Im Frankfurter Wohnzimmer der Adornos war das Denkbild nicht selten ein Ereignis, für das sich immer wieder Intellektuelle der jungen Bundesrepublik einfanden.

Klees „Angelus Novus“ hat Philosophiegeschichte geschrieben, auch Kunstgeschichte, bei Anselm Kiefer etwa, dessen „Engel der Geschichte“ als polemische Plastik in der Form eines Bombers in Jerusalem ausgestellt ist. Für die Ausstellung „Lost Paradise“, 2008 im Zentrum Paul Klee in Bern, stieg auf der Hülle eines Fesselballons, weithin sichtbar, Klees „Angelus Novus“ tatsächlich zum Himmel auf. Welch ein Schritt: das philosophische Sinnbild als publikumsträchtige Ikone.

Seit 1987 besitzt das Israel Museum in Jerusalem Klees „Angelus Novus“, als Schenkung aus dem Nachlass Gershom Scholems. Scholem kam, auch diese Einzelheit kann man nachlesen in dem schönen Essener Katalog, über Umwege an das Bild. Testamentarische Probleme mussten überwunden werden, weil ihm der Jugendfreund Benjamin sein Denkbild, das er zwanzig Jahre vor Augen gehabt hatte, überließ.

Zahlreiche Faksimiles ließ 1972 Siegfried Unseld anfertigen, Anlass war der 80. Geburtstag Walter Benjamins. Im Hause Suhrkamp wurde dessen „Aktualität“ gefeiert mit einem Vortrag Scholems über „Walter Benjamin und seinen Engel der Geschichte“. Deshalb die verteilten Reproduktionen, zum besseren Verständnis des Vortrags. Im Anschluss an die Gedenkstunde bekam Scholem aus dem Tresor des Verlags den Engel überreicht, und nachdem er auf die Reise nach Jerusalem gegangen war, angeblich eingenäht in das Futter der Jacke des Suhrkampautors Scholem, prägte ein anderer Suhrkampautor, George Steiner, tief beeindruckt von der Benjaminfeier, im März 1973, vor 40 Jahren, den Begriff von der „Suhrkampkultur“.

Seit Oktober des vergangenen Jahres ziehen Klees Engel durch Mitteleuropa, im Zentrum Paul Klee in Bern wurden sie neben den Engeln im Werk von Charlie Chaplin oder Joseph Beuys, Karl Valentin oder Wim Wenders gezeigt. Ende April ist die Zusammenstellung in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. So ist die Reise der Engel auch eine durch die Museen großer Museumsarchitekten, wobei der Kosmos, den sie bei Renzo Piano in Bern, bei David Chipperfield in Essen und bei Oswald Mathias Ungers in Hamburg bevölkern, kaum größer sein könnte.

Drei Museen, drei so unterschiedliche Hüllen. Mit Klees Engeln beherbergen die Häuser ganz besondere Wesen, sehr minimalistische Mischwesen. Zu diesem Minimalismus gehört vielfach ein sehr poröser Strich. Der Umriss, mit dem Klee seine Engel erschuf, machte aus seinen Mischwesen zugleich Membranwesen. Der Engel, immer schon ein Grenzgänger zwischen hier und dort, sind bei Klee ein einziges Durchlässiges zwischen Außenwelt und Innenwelt. Sie sind, wovon auch Benjamin sprach, das Verletzbare schlechthin. Auch das macht sie ziemlich zuverlässig.

Museum Folkwang Essen: bis 20. April. Der Katalog ist im Verlag Hatje Cantz erschienen, 152 S., 29,90 Euro.Hamburger Kunsthalle: 26. April bis 7. Juli.

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